Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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350 Mädchen zur Haushaltung braucht, kann es auch an anderen Anstalterl erlernen; sollte es wirklich in die Lage kommen, einen koscheren Haushalt zu fuhren, so würde eine Mutter oder eine in diesen Dingen erfahrene Hausfrau dem Mädchen schnell das beibringen können, was es braucht. Aber nicht nur die Liberalen leiden an Uebereifer. Sie handeln, getrieben von dem löblichen Streben, diejenigen, die einer anderen Richtung angehören, nicht zu verletzen, aber sie gehen in diesem Eifer zrl weit. Der echte Liberalismus muß bestrebt sein, seine Ansichten zum Siege zu führen, und darf sich nicht selbst in Gefahr bringen, durch beständiges Lavieren, durch Nachgiebigkeit gegen unberechtigte Forderungen seinen Grundsätzen untreu zu werden. Aber weit mehr Uebereifer zeigen die Konservativen. Wie aus dem Bericht der letzten Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde hervorgeht, haben die Konservativen zwei Forderungen erhoben: die Einrichtung einer Ritualkommisston und die Einrichtung einer besonderen Verwaltung für die konservativen Religionsschulen. Beide Vorschläge sind von den Behörden abgelehnt worden. Man ist mit vollem Recht diesem Uebereifer entgegengetreten. Aber die Gerechtigkeit verlangt, daß namentlich der letzte Vorschlag etwas niedriger gehängt wird. Seit vielen Jahren ist die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde, besonders der Schul- und Talmud-Vorstand, bemüht, neue Retigionsschillen zu schaffen, die Lehranstalten der kleinen Gemeinden zu unterstützen und zu beaufsichtigen, den Religionsunterricht auf höheren öffentlichen und auf Privatschulen einzuführen oder den eingeführten auszugestälten und zu vermehren. Bei diesem redlichen, überaus mühevollen Streben wird durchaus kein Parteiregiment geführt. Unter den Religionsschulen der Gemeinde befinden sich zwei, deren Leiter der streng konservativen Richtung angehören; die Schulen der subventionierten Religionsgemeinden werden fast alle in konservativem Sinne geleitet. Die konservativ geleiteten Schulen sind selbstverständlich den anderen volllommen gleichgestellt; bei Unterstützung der Schulen der Privatgemeinden wird niemals irgendeine Nachgiebigkeit gegen liberale Forderungen verlangt, sondern es werden nur tüchtige Leistlingen, Pflichtbewußtsein, gründlichem Unterricht, pädagogische Schulung seitens dem Velber verlangt. Wenn freilich der Sclu,Gor-s^tw — und auf dessen Anregung Vorr^itlvevhörden - - es nicht gestattet, daß Schüler der Gemeindeknabenschlrle gleichzeitig die konservative, sogenannte hebräische Religionsanstalt besuchen, so ist dies keine Unduldsamkeit, kein Auftreten gegen konservative Gesinnung, sondern die Befolgung des einzig richtigen pädagogischen Prinzips, daß kein Schüler einer Gemeindeanstalt zugleich für denselben Unterricht, der dort erteilt wird, eine andere Gemeindeanstalt besuchen darf. Von einem Gewissenszwang, von einer Unterdrückung kon- . servativer Richtung kann also in einem solchen Beschluß nicht die Rede sein, wenn auch derartige Vorwürfe in der Petition konservativer Vereine erhoben werden. Noch ungeheuerlicher aber sind andere Behauptungen, die von den konservativen Wortführern in ihrem Uebereifer aufgestellt werden. Sienehmen für sich allein das Recht in Anspruch, Vertreter des gesetzestreuen Jildentums zu sein, und wagen es, den Liberalen, weil sie einzelne Formen nicht beachten, weil sie etwas rein Aeußerliches ldie Kopfbedeckung beim Unterricht im Hebräischen) nicht gestatten, das wirkliche Judentum abzusprechen. Sie gehen in ihrem tollkühnen Uebereifer so weit, gegen den Schulvorstand die Verdächtigung arlszusprechen, daß dieser nur liberale Kandidaten berücksichtige, während bei der Leitung von Schulen, namentlich in den Vororten, viele konservative Herren als Leiter und Lehrer fungieren, und während von den Gemeindebehörden zum Unterricht in jüdischer Religion an öffentlicher Schulen streng orthodoxe Herren präsentiert worden sind und Präsentiert werden. Sie haben den traurigen Mut, der Subkommission des Schulvorstands, die die Probelektionen der Kandidaten abnimnrt, und die mit unsäglichem Fleiß und treuester Pflichterfüllung ihres Amtes waltet, Parteilichkeit vorzuwerfen, ja, sie wagen es geradezu, diese Männer, weil einige von ihnen zufällig der liberalen Richtung angehören, die Berechtigung abzusprechen, über Kandidaten anderer Richtungen ein pädagogisches Urteil abzugeben. Eine derartige Verdächtigung, die sich unter anderem gegen den ehrwürdigen Direktor Holzman, dieses leuchtende Beispiel treuer Pflichterfüllung und strengster Unparteilichkeit, wendet, und die jeden billig Denkenden geradezu empören muß, verdient nur mit Verachtung zurückgewiesen zu werden. Die Woche. Berlin, den 21. Juli 1914. ie antisemitischen Angriffe mehren sich in höchst bedenklicher Weise. Sie sind freilich so ^maßlos in der Form, daß man meinen könnte, das "esunde Urteil derer, an die sie sich richten, müßte sich ohne weiteres dagegen empören, aber wir halten es doch für unsere Pflicht, statt mit stummer Verachtung daran vorüberzugehen, diese Ungeheuerlichkeiten kurz zu widerlegen. Herr G e n e r a 1 v. K1 e i st hat in einem Artikel der „Kreuzzeitung" vom 14. Juli aus sechs Gründen I u de nalsOffiziere ab gelehnt. 1. „Die Armee ist r einra sfisch d eut sch." — Das ist nicht richtig, denn weder die Wenden, noch die Slawen, noch die Dänen, noch die Polen, die recht zahlreich der preußischen Armee angehören, können als Raffendeutsche bezeichnet werden. 2. „Deutschland i st ein durchweg ch r i st l i ch e r Staat, das Judentum aber i st der geborene Feind des C h r i st e n t u m s." — Diese Behauptung ist in beiden Teilen gleich unrichtig. Der Staat als solcher ist kein christlicher und die Juden haben in ihrer Sittenlehre keine Vorschrift, die sie zu Feinden des Christentums stempelt. Die Juden haben in ihrem Leben und ihrem Tun niemals eine Feindschaft zum Christentum bezeugt. 3. Ebenso falsch ist die dritte Behauptung, daß das Judentum nur die Räch stenliebe den Volksgenossen gegenüber predige. Denn gerade das Judentum hat die Liebe zum Nächsten in der lautesten Weise verkündet. Es hat es als oberstes Sittengesetz betrachtet, den Nächsten zu lieben, gleichviel vb er demselben oder einem anderen Botte entstamme. 4. „Der Osf iz i erstan d verlangt den vollen Einsatz der Persönlichkeit aus idealen Gründen; das Judentum ist der Vertreter des Materialismus." — Ich will nicht darauf eingehen, daß es, wie bekannt, sehr viele Offiziere gibt, die in Leben und in Gesinnung nichts weniger als Idealismus kundgeben, kann andererseits freilich nicht leugnen, daß es, wie unter allen Menschen der Gegenwart, auch unter den Juden manche Materialisten gibt; aber die Behauptung, daß das Judentum als solches den Materialismus vertrete, ist eine der Wahrheit so direkt entgegengesetzte, daß sie kaum ernst widerlegt zu werden braucht. Denn das Judentum ist, wie selbst seine ärgsten Gegner zugeben, die idealistischste Religion der Welt. 5. „Der größte Teil des Judentums ist pvlitis ch f r e i s i n n i g." In dieser Fassung gibt der Satz überhaupt keinen Sinn. Soll er bedeuten, daß manche, meinetwegen der größere Teil der Juden, der freisinnigen Partei angehören, so könnte er richtig sein; Liberalismus aber hindert