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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-24 · Heft 30 (24.7.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang. Nr. 30 Berliu, 24. Juli 1914 eitung desAudenlumL Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonneme nts-Preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. - Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des* Geheimen Negierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TTnflflft* ^'bereiser. Bon Ludwig" Geiger. — Die Woche. — IJtJIJUIl* Hermann Veit-Simon. Ein Gedenkblatt von Ludwig Geiger. — Der Nächste. Von Professor Dr. H ermani<Cohen, Berlin. — Tagung des Rheinischen Rabbinerverbandes in Köln. — Feuilleton: Die Geopferten. Novelle von Oskar Baum, Prag. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Graudenz, Posen, Breslau, Hamburg, Chemnitz, München, Fürth, Metz, Wien. — Von Nah und Fern. Akberrikrr. Von Ludwig Geiger. II. »d) itt dem jüdischen Lager herrscht Uebereifer. Glücklicherweise ist ja seit einigen Jahren die Lauheit, über die man früher so lebhaft klagen mußte, geschwunden. Die Juden kümmern sich wirklich um jüdische Dinge, wenn es auch freilich noch heute manche geben soll, die ihr Judentum ausschließlich dadurch bezeugen, daß sie antisemitsche Broschüren kaufen, das Lesen oder gar das Kaufen jüdischer Zeitungen durchaus nicht als ihre Pflicht betrachten. Aber in dem Streben vieler Juden, als Juden aufzutreten, herrscht ein verderblicher Uebereifer. Ich rede hier nicht von den Zionisten, die sich immer offener und rücksichtsloser als Undeutsche, als „Blvßjuden" entpuppen. Aber mir scheint, daß auch die Nichtzionisten einen Uebereifer entwickeln in Betätigung jüdischer Interessen. Ich bin seit meiner frühesten Jugend Assimilant gewesen und betrachte diese von manchen als Schimpfname gebrauchte Bezeichnung als Ehrennamen. Als solcher habe ich mich stets gegen jede Absonderung gewendet und das Ansgehen in deutsche Eigenart stets befürwortet, so lange nicht durch ein solches Aufgehen wirklich heilige jüdische Interessen geopfert wurden. Darum war ich zu einer Zeit, da die Liberalen zur Beibehaltung der jüdischen Schulen einen lebhaften Kamps führten, ein Verteidiger der jüdischen Schulen, besonders der beiden in Berlin bestehenden Anstalten, nicht etwa, weil ich, der ich selbst eine Zeitlang als Lehrer an einer dieser Schulen gewirkt hatte, deren segensreichen Einfluß kannte, sondern weil ich sie für notwendig hielt für die Ausbildung jüdischer Knaben und Mädchen, als geradezu unentbehrlich für deren Erziehung zum Deutschtum. Darum aber kann ich nicht, wie ich wiederholt in dieser Zeitung ausgesprochen habe, der Einrichtung neuer jüdischer Schulen das Wort reden, wo sie nicht unumgänglich notwendig sind, sondern vertrete den Standpunkt, daß man unentwegt dafür zu kämpfen habe, jüdischen Lehrern an Stadt- und Staatsschulen zur Anstellung zu verhelfen, jüdische Schüler als vollberechtigte Zöglinge öffentlicher Schulen anerkannt zu sehen. Dieselben Liberalen nun, die sich ehemals gegen jüdische Schulen aussprachen, sind neuerdings mit einer mir unbegreiflichen Entschiedenheit für viele neue, ausschließlich jüdische Gründungen eingetreten. Jüdische Waisenhäuser, Fürsorgeanstalten und dergleichen sind nicht vtut ohne Widerspruch der Liberalen, sondern zum Teil geradezu auf Grund ihrer Forderung eingerichtet worden. Ohne irgendwie die außerordentlich segensreiche Tätigkeit dieser Anstalten zu verkennen, bin ich kein begeisterter Anhänger solcher abgesonderter Institutionen und würde mich freuen, wenn das Mossesche Beispiel, paritätische Anstalten für jüdische und christliche Waisen zu begründen oder zu vermehren, allgemein befolgt würde. Unser, der Liberalen, Streben müßte, wie ich meine, nur immer darauf gerichtet sein, daß von Lehrern und Schülern keinerlei Antisemitismus betrieben und daß für das religiöse Bedürfnis, ix h. für den Religionsunterricht an solchen Anstalten, öffentlichen und Privatschulen jeder Art in ausreichender Weise gesorgt würde. Wo aber bloß die R ü ck - sicht auf rituelle B e k ö st i g u n g ausschlaggebend ist, bin ich ein Gegner solcher Anstalten. Ich bin tolerant im höchsten Sinne, aber ich glaube, der Liberalismus hat die Pflicht zu fordern, daß diese rituelle Beköstigung, die nur verhältnismäßig wenigen unter nns das Wesen der Religion bedeutet, niemals das entscheidende Moment werden kann. Ich habe stets den Standpunkt vertreten, daß die jüdische Religion keine Magen-, sondern eine Geistesreligion ist. Sie verlangt, daß die jüdische Jugend zu treuen Bekennern des Glaubens, aber nicht ausschließlich der Gebräuche, erzogen wird. Daß sie uu* Dingen die Möglichkeit erhalte, den jüdischen Gottesdienst zu besuchen. b«a oi-swre sorgen die Jüdische Gemeinde in Berlin und die meisten kleineren (Gemeinden in mustergültiger Weise; der Besuch des Gottesdienstes wird durch den regelmäßigen Jugendgottesdienst ermöglicht, und allen Eltern steht es frei, für die Feiertage die Befreiung ihrer Kinder vom Unterricht zu verlangen. Ich kann es daher nur als einen Uebereifer der'Liberalcn bezeichnen, wenn sie, wie es neuerlich vorgekommen ist, begierig fragen, ob in jüdischen Waisenhäusern wirklich auch aufs strengste die rituellen Vorschriften beobachtet werden, und wenn sie ihre Hand dazu bieten, jüdische Ferienkolonien und ähnliches einzurichten. Das erste ist illiberal, denn wahrhaft religiöse Erziehung hat mit koscherem Essen wenig oder nichts zu tun; das letztere undeutsch, weil durch eine solche Trennung in den Ferien die Spaltung in den jungen Gemütern nur breiter und klaffender gemacht wird. In gleichem Sinne kann ich mich nur darüber wundern, wenn neuerdings der Gemeinde zugemutet wird, eine j n d i - s ch e H a u s h a l t u n g s s ch u l e zu errichten. Wir haben in Groß-Berlin so viel derartige Anstalten, die ungemein segensreich wirken. Ich habe nie gehört, daß einem jüdischen Mädchen Schwierigkeiten beim Besuch einer solchen Anstalt bereitet werden, ich kann daher die Notwendigkeit einer separatistischen Anstalt nicht einsehen, muß die Begründung einer solchen vielmehr als Uebereifer bezeichnen. Denn was ein

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