Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 29 Berlin, 17. Juli 1914 Der Gemeindetzote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". korrrlponvkn?en und Nachrichten. Lmtlchlsnd. V. Z. Berlin, 14; Juli, lieber die Genesis der religiösen Krisis der Gegenwart sprach kürzlich Herr Dr. H u r w i c Z in der Psychologischen Gesellschaft. Als Grunddefinition des Religiösen gab der Vortragende das Bedürfnis der Menschen, sich abhängig zu fühlen, höheren Gewalten untertan zu sein. In diesem Hange sind bei der Menschheit drei Grade nachweisbar. Die Entwicklung ging vom Fetischismus über den Polytheismus zum Monotheismus. Die Gegenwart aber zeichnet sich dadurch aus, daß jeder Deismus von den verschiedensten Seiten her eine Zersetzung erfährt; eine Folge der allgemeinen positivistischen Denkmethode. Hier ist besonders der Kampf Feuerbachs gegen den Deismus zu nennen. Heute versucht man nun auf verschiedenen Wegen, der Religion einen neuen Inhalt zu setzen. So soll besonders die Natur das Objekt der Anlehnung und des Ausblickens bilden. Tatsächlich haben seit alters her die Naturgewalten besonders in der Form von Tod und Krankheit eine in das Religiöse schlagende Rolle gespielt. Spinoza war mit seinem Pantheismus ein Vorbote der modernen Zeit. Dr. Hurwicz stellt nun die Frage: Ist die Natur geeignet, das religiöse Gefühl, wie es überliefert ist, zu erhalten? Er kommt zu einem Nein. Das moderne Wirtschaftsleben drängt überall nach Selbsthilfe, d. h. die Aktivität der Menschen verdrängt den Willen und die Fähigkeit zur Hingabe, zum Abhängigfühlen. Die Sinne, erschöpft vom schweren Kamps ums Leben, halten keinen Ueberschuß für das Religiöse frei. Das nahe Zusammenleben der Menschen bringt es mit sich, daß das Zeitalter kein kosmologisches, sondern ein soziologisches ist. Der Durchschnittsmensch sieht im Mitmenschen durchaus nicht „Natur". Anderseits erblickt der Vortragende in den modernen Relativitätslehren nur den Mangel an Absolutem, gewissermaßen Verlegenheit. Auch die Bestrebungen, welche die Ethik zum Ersatz der Religion machen wollen, erreichten nicht ihr Ziel. Ethik beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Menschen untereinander, nicht mit ihrer Beziehung zu etwas Höherem, wie es sein Gefühl will. Das Christentum wachse sich immer mehr zu einer Ethik aus, einem soziologischen Dogma an Hand eines Jdealmenschen zur Nacheiferung. Trotz des Vermögens einer Jdealgestalt, auf die Welt als Vorbild zu wirken, sei dieses Christentum unendlich weit entfernt von dem eigentlichen Sinn einer Religion. Wieder von anderer Seite wird die Religion heute als praktische Masse nach geistiger Arbeit, als geistig-hygienisches Problem des Ausruhens aufgefaßt. Charakteristisch aber für alle diese Bestrebungen der Moderne sei, daß das eigentliche religiöse Gefühl abgelöst werde von den verschiedensten Momenten, welche die Gegenwart mit ihren Bedingungen geschaffen hat. In ihnen aber sieht der Vortragende nirgends die Erfüllung eines im Menschen doch tief wurzelnden Bedürfnisses. 2£3 Berlin, 14. Juki. Der Stadtverordnete Kommerzienrat Georg Liebermann feierte am 5. dieses Monats seinen siebzigsten Geburtstag. Um den Jubilar, der diesen Tag fern von Berlin verbringen wollte, zu ehren, hatte eine Anzahl Freunde und Bewohner seines Stadtbezirkes bereits tags vorher eine Deputation gesandt, die Herrn Liebermann in einer Adresse die Glückwünsche der Bürgerschaft überbringen sollte. Präsident Dr. Kaempf, der Führer dieser Deputation, hob in feiner warmen Ansprache besonders hervor, daß der Jubilar, gleichwie sein Vater, Louis Liebermann, stets Zeit und Kraft gefunden habe, in unermüdlicher und erfolgreicher Weise den sozial ausgleichenden und wohltätigen Bestrebungen der Zeit zu dienen. Die vom Maler Georg Bleitrieser künstlerisch ausgesührte Adresse schließt mit den Worten: „Allein die schönsten Taten Ihres reichgesegneten Daseins sind Ihrem Herzen entsprungen. In schlichter Größe, im stillen wirkend, sind Sie in unserer. Gemeinde ein Wohltäter all derer gewesen, die auf der Schattenseite des Lebens wandeln, ein Edelmensch im Denken und im Handeln. Um Ihrer großen menschlichen Tugenden willen lieben und verehren wir Sie, für Ihre aufopfernde Sorge um das gemeine Wohl sagen wir Ihnen, sehr verehrter Herr, zugleich im Namen der Bewohner Ihres Stadtbezirks und der angrenzenden Stadtbezirke Dank aus vollem Herzen. Mögen Glück und Gesundheit Ihnen auch ferner Kraft zum Schaffen und Wohlergehen in Zufriedenheit gewähren!" Der Jubilar sprach in bewegten, zu Herzen gehenden Worten seinen Dank aus. §2 Berlin, 14. Juli. Ter im Mai d. I. verstorbene Berliner Stadtrat Hermann I a c o b y hat die von ihm 1909 der Berliner Handelshochschule ohne Nennung seines Namens gemachte Stiftung von 100 000 Mark, die er später aus 150 000 Mark festsetzte, .n seinem Testament auf 500000 Mark erhöht. Die Stiftung bezweckt, die Erfahrungen des Auslandes dem deutschen Handel durch Gewährung von Reisebeihilsen nutzbar zu machen. Aus der Stiftung sollen Beihilfen an Studierende der Handelshochschule Berlin gewährt werden, die die Diplomprüfung mit „Gut" bestanden haben. Die Beihilfen sind für je zwei Jahre auf je 2000 Mark bernessen, können aber auch erhöht werden. Zu Ehren des Stifters wurde beschlossen, der Stiftung den Namen Hermann-Jacoby-Auslandsst i P e n d i e n st i f t u n g zu geben. W. Aus der Provinz Posen, im Juli. Posen. Die Lehrerin Frau Realia Ehrlich beging am 22. v. M. ihren 70. Geburtstag. Von allen Seiten wurden ihr große Ovationen zuteil, ganz besonders von ihren jetzigen und früheren Schülerinnen. — Zum Kommerzienrat ist der Direktor der Hermamr-Mühlen-Akt.-Ges. Herr Hermann Rotholf, Hierselbst, ernannt worden. Herr Rotholf ist seit dem Jahre 1871 Mühlenbesitzer, und zwar gehörte ihm zunächst die Schwersenzer Dampfmühle. Im Jahre 1885 erwarb er die jetzt der Firma Braun gehörige Bahnkunstmühle in Posen. Nach dem Verkauf der letzteren erbaute er den großen Betrieb der später nach ihm genannten Hermann- Mühlen an der Bahn bei der Fabrikstraße und wandelte 1897 nach Erlverb der Zielirrice-Mühle am Schwersenzer See das große Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, die unter seiner rührigen Leitung sich in hervorragender Weise entwickelt hat. In jüngster Zeit wurden die Hermann-Mühlen an den Militärfiskus verpachtet. Die Firma beabsichtigt eine große Mühlenanlage an der Warthe, in unmittelbarer Nähe von Posen, zu errichten. — Die durch den Tod des Oberkantors Leibowitz an der hiesigen Synagoge A vakant gewordene Kultusbeamtenstelle ist durch die Wahl der Synagogengemeinde dem Herrn Oberkantor Kurzweil in Mannheim übertragen worden; der Gewählte wird voraussichtlich sein neues Amt im Lause dieses Monats antreten. — Nur.-Goslim Am 22. v. M. ist nach schwerem Leiden der Kantor unserer Gemeinde, Salomon David Altmann, im blühender: Alter von 20 Jahren gestorben. Der Verstorbene hat in dieser Gemeinde sein Amt als Kantor über zwei Jahre ausgeübt. — Exin. In der Stadtverordnetensitzung erfolgte die Einführung des zum Magistratsschöfsen wiedergewählten Kaufmanns M. Loevy. — Gnesen. Verstorben ist nach schwerem Leiden im Alter von 68 Jahren der Snnitätsrat Dr. Louis Wolfs. Der Verstorbene, der sich bei allen Konfessionen großer Wertschätzung erfreute, bekleidete viele Ehrenäurter; eine lange Reihe von Jahren war er Stadtverordneter. — Hamburg, 10. Juli. Einen Akt ehrenden Gedenkens vollzog die Hamburger Turnerschaft von 1816 am Morgen des 29. Juni, dem Tage der Fünszigjahrfeier des ruhmreichen Ueberganges der preußischen Truppen nach Alfen, indem sie durch eine Abordnung des Turnrats am Grabe ihres früheren Turnratsmitgliedes Albert C o h n h e i m auf dem israelitischen Friedhof auf den: Grindel einen Lorbeerkranz mit der Widmung niederlegen ließ: „Dem Andenken ihres Turngenossen Albert Cohnheim 1864—1914 die Hamburger Turnerschaft von 1816." — Anfang der 60er Jahre war der im jugendlichen Alter von 24 Jahren aus dem Leben Geschiedene eine der bekanntesten Persönlichkeiten auf dem Hamburger Turnplätze. Als nach dem Tode des Königs Friedrich VII. von Dänemark das Verlangen des deutschen Volkes, die ihnr angestammten Landesteile Schleswig-Holstein, wenn es sein müßte mit Waffengewalt, der dänischen Herrschaft wieder zu entreißen, immer mächtiger wurde und unter dem Drucke dieser Stimmung der damalige ständige Ausschuß der Deutschen Turnerschaft an die deutschen Turner die Aufforderung richtete, „sich in allem, was wehrhaft und wehrtüchtig mache, zu üben", da war es das Turnratsmitglied Albert Cohnheim, das in Gemeinschaft mit dem Fechtlehrer Johs. Falck diese Waffen-