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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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Herrn, David am Bette seiner Frau, klopfte ihr die Decke zurecht, oder quälte sie mit Fragen, ob sie etwas trinken wolle, ob sie auch gut läge, und ob er ihr nichts holen dürfe. Wenn ich ins Schlafzimmer trat, sprang er mir in seiner überhastigen Weise entgegen. „Wie finden Se, daß se heute ausseht?" Nicht eine Sekunde hatten seine angstvollen Blicke das abgezehrte Gesicht der Kranken verlassen. Er ließ sie nicht aus den Augen, immer hingen sie in zärtlicher Besorgtheit an ihr. „Geh, David, geh ins Geschäft", bat sie müde. Es wurde Zeit, daß die kleine Frau gesund wurde, der unangenehm Geschäftseifrige vernachlässigte sein Geschäft. Eines Tages trat ich hastig ins Zimmer und schnitt seine stete Frage mitten durch: „Herr Rapuchin, schnell. Sie müssen mit nach oben kommen", sagte ich sehr bestimmt. Das Männchen kam ja nicht mehr an das Tageslicht, das vermoderte ja hier im Krankenzimmer. Weiß Gott, es sah blasser ans als die leidende Frau. „Der Zirkus Barleh und Bely zieht in einem Riesenaufzug hier vorbei. So etwas soll noch nicht dagewesen sein in 1. Schnell, schnell, das müssen Sie sehen." „Was tu ich dadermit?" sagte er mit dem überklug verächtlichen Gesicht, das einem jede harmlose Freude verderben konnte, und das mich immer so sehr bei ihm abstieß. „Geh, mein Leben, geh", drängte die junge Frau. Er rührte sich nicht. „Geh, Leben. Ich reg mich auf". Das entschied. Er folgte mir mit unlustigen Schritten, ganz gebückt ging er. Vor der Korridortür trafen wir den Assessor, der eben nach Hause kam. Als er hörte, was erwartet wurde, schloß er sich uns sofort an. In der höher gelegenen Wohnung sah man ja alles viel besser, und er schien keineEile zu haben, in seineBehausung zu kommen. Der Zug war prächtig, Himmel und Menschen auf den Straßen in unserer kleinen Stadt. Der Assessor war sehr bei der Sache. Er machte die lustigsten Bemerkungen über Künstler und Zuschauer, man kam nicht aus dem Lachen heraus. Rapuchin schien an allem vorbeizusehen. Er sah aus, als wolle er sein beliebtes: „Was tu ich dadermit?" sagen, aber sein Gesicht war zu gequält, als daß ich mich wieder hätte abgestoßen fühlen können. „Donnerwetter!" Ich fuhr hoch und blickte dem Assessor in das aufgeregte Gesicht. Er stand da, die Augen leuchtend groß, wie erstarrt vor entzücktem Staunen. Unten ritt, Haupt und Reitgerte mit verführerischem Lächeln bald nach rechts bald nach links neigend, die junge Schulreiterin. Das schwarze Reitkleid umspannte knapp die kraftvoll schlanke Büste, kerzengerade saß das schöne Weib auf ihrem Vollbluthengst. „Donnerwetter! Donnerwetter noch mal!" wiederholte atemlos der Assessor. „Das Weib ist ja — das ist ja Pyramidal schön! Herrgott nochmal, da steckt Rasse drin. Und die Gesundheit! Himmel, diese herrliche, jugend- und kraftsprühende Gesundheit"! Die Schulreiterin war längst vorbei. Das Publikum jauchzte schon dem Elown zu, der, auf einem lahmen Esel reitend, ihr zierliches Kopfneigen und Lächeln nachzumachen suchte und alle paar Schritt unter dem Jubel des Publikums auf die Erde fiel, wo er sich unter lautem Geheul wehleidig seine Rückseite rieb. Der Asiessor war immer noch bei der Schulreiterin. „Gelt, Herr Rapuchin", er schlug ihn jovial auf die Schulter, die ihm noch kaum über die eigene Taillenhöhe reichte. Er sprach eigentlich nur mit ihm, wenn er sich über ihn oder über etwas anderes lustig machte, „eine andere Sorte Weib als unsere zwei kranken Hühnchen"?! Ein schmerzliches Lächeln ging über Rapuchins Gesicht. In diesem Augenblick ärgerte ich mich über meinen Assessor. Was brauchte er zu seiner Belustigung den armen Rapuchin auf einen Unterschied hinzuweisen, der so abgrundtief war, daß man nur lachen konnte, wenn ihn jemand noch extra erwähnte? In mir empörte sich das Weib, das Partei nahm für die verspottete Mitschwester. „Den Unterschied mecht ich Klavier spielen", antwortete Rapuchin in seiner leidvollen Art. Der Assessor lachte laut und belustigt auf. „Das glaub' ich", sagte er. „Was mer meine Frau besser gefallt wie die", fuhr David fort, und sein Kopf mit dem überklug verächtlichen Lächßln schnickte nach der Richtung hin, in der die Reiterin verschwunden war. „Ihre — Frau — gefällt-—?" Der Assessor kam nicht weiter, sein Mund blieb halb offen stehen. Er starrte Rapuchin an, als sei er ein Meerwunder. „Wieso nich?" sagte der. Er schien das Erstaunen ganz unberechtigt zu finden. „Js se nich meine Frau?" In diesem Augenblick wandte sich mein Herz von dem schönen stolzen Assessor weg, dem kleinen, verachteten Juden zu, in dessen schlichter Erklärung so viel Keuschheit und Treue, so viel Achtung vor der Unantastbarkeit der Ehe lag. Der Assessor ging oft zu Barleh und Bely — sehr oft — - gefährlich oft. Ich bin mit Frau Marie dann sehr befreundet geworden. Ihr überirdisches Glück und ihre festtägliche Schönheit trennten sie nicht mehr von mir, der mäßiger Bedachten, es war beides recht irdisch, recht alltäglich geworden. Marie konnte eine Freundin brauchen. Sie war so viel allein. Sie brauchte meine Gesellschaft und meinen Rat. Sie und ihr Mann hatten sich ewigen Sonntag geträumt, nun erschreckte sie der Alltag des Lebens. Er, der Schönheitstrunkene, hatte sich entsetzt, als ihm Krankheit und all das Häßliche, das sie mit sich bringt, entgegentrat. Und die Frau, aus dem Füllhorn ihres Glückes heraus verwöhnt, hatte nicht die Geduld gehabt, entsagungsvoll zu warten, bis sich das Alltägliche gefunden hatte, sie war zu hochgestimmt, zu reich gewesen, um in zäher Kleinarbeit von neuem ein bescheiden Glück aufzubauen, eins, das aus Gewöhnung, aus unsäglich vielen, meist übersehenen kleinen Wohltaten, aus ständigen guten Mittagbroten und behaglich warmen Stuben besteht. Erbittert, beleidigt und enttäuscht zog sie sich in sich selbst zurück. Dazu kam, daß der Assessor vielzuviel Geld für seine eigene Person verbrauchte. Er beachtete gar nicht, wie sich die zarte Frau weit über ihre Kräfte mühte, mit dem wenigen, das für den Haushalt blieb, auszukommen. Er sah nur mit stillem Mißfallen, daß sie immer meh!r verblühte, und mit lautem, viel zu lautem Zorn, daß sie überhaupt etwas verlangte. Wenn ich abends in meinem stillen Zimmer mit der Häkelei bei der Lampe saß und plötzlich mein Kleines nebenan erschreckt aus dem Schlafe fuhr, dann wußte ich schon, was unten los war. Wenn ich dann in das Kinderzimmer trat, dann hörte ich von unten die zornige Männerstimme und das schrille Frauenweinen, dann wußte ich: jetzt verlangt Frau Maggelshausen Wirtschaftsgeld. Ach ja, sie brauchte eine Freundin, und er brauchte Barleh und Bely und nach ihm noch manches und noch manche andere. Die Liebesrosen waren verwelkt, und drüben, wo man nur die Dornen gesehen hatte, da waren sie unerwartet, unmerklich emporgeblüht. So schlecht das Bild passen mochte, wenn man sich die zwei kleinen häßlichen Menschen, denen sich ein entsprechender Sprößling zugesellt hatte, vor Augen hielt, es erschien mir nicht mehr falsch, wenn ich sie beieinander sah. Das gegenseitige Wohlwollen, das Einverständnis miteinander, der Frieden, der immer um sie war, hatte beinahe etwas Festliches. Dazu kam, daß trotz des kärglichen Verdienstes, den die Rapuchinschen Waren abwarfen, ein bescheidener Wohlstand sich auftat, ein Wohlstand, der seinen Grund hatte in der eisernen Sparsamkeit und der geradezu unglaublichen Bedürfnislosigkeit, die hier herrschte. David trank keinen Tropfen. Nur in einem Punkte kannte und duldete er kein

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