Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
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343 gezahlt wurdet!. Die Gesamteinnahmen betrugen 320 000 Mark. — Wenn man aber erwägt, daß zu den Associated Jewish Charities in Chicago etwa 4000 Mitglieder beitragen und von den Einnahmen rund 25 Prozent für das Hospital verwendet werden, so spricht das wiederum für die Großzügigkeit unserer Glaubensgenossen „drüben", dann aber auch für die eminente praktische Art ihrer Wohlfahrtspflege, die eine Konkurrenz zwischen den einzelnen Institutionen ausschließt und für die zweckmäßige Verwendung der Mittel sorgt. Wenn wir hier in Berlin auch nicht mit unbegrenzten Möglichkeiten rechnen können, eins ist zu wünschen, daß der Appell des Vorstandes unseres Krankenhauses bei der Grundsteinlegung wie bei der Einweihung in weiten Kreisen Widerhall finden möge zur weiteren Ausgestaltung, wenn auch zunächst auf begrenzten Gebieten: Säuglingsfürsorge, Fürsorge für Nervenkranke, nachdem das Haus durch die Einrichtung der gynäkologischen Station nnd der Entbindungsanstalt eine bedeutende Erweiterung erfahren hat. Seksnntk Berliner GlaudenssenoSen. V. moritz Marcuse, geb. am 28. August 1836 zu Berlin, gehörte zu den bekanntesten und beliebtesten Aerzten der Reichshauptstadt. Nicht nur sein Können und seine Geschicklichkeit hatten ihm die Verehrung und Liebe so vieler Kranken erworben, sondern auch sein unversiegbarer Humor und vor allem sein inniges warm mitfühlendes Gemüt hatten ihm die Herzen seiner Schutzbefohlenen : erobert. Seinen Kollegen war er ein treuer Freund, auf dessen Wort sie sich verlassen konnten. Sein Wissen, seine rastlose Tätigkeit und Aufopferungsfähigkeit hatten ihm auch in Fachkreisen die höchste Achtung, die innigste Verehrung errungen. Einige Monate vor seinem Tode wurde er, der gewöhnliche Praktiker, Ehrenmitglied des Vereins für innere Medizin. Auch im Sanitätskorps nahm er eine hohe Stellung ein. Hatte er doch die drei Kriege 1864, 1866 und 1870/71 mitgemacht und sich das eiserne Kreuz I. Klasse verdient. Als Oberstabsarzt der Landwehr gehörte er dem Vorstande des militärärztlichen Vereins an. Wie er ein guter Deutscher war, so war er auch ein guter Jude. Schon in jungen Jahren arbeitete er, wie einst sein Vater, mit Hingebung im Repräfentantenkollegium der jüdischen Gemeinde, zu dessen geachtetsten und einflußreichsten Mitgliedern er zählte. Die Zahl der wohltätigen und gemeinnützigen Vereine, zu deren Vorstand er gehörte, ist außerordentlich groß. Mit Liebe und ganzer Kraft arbeitete er in diesen und für diese Vereine. Seiner persönlichen Tätigkeit hatten sie alle viel zu verdanken. So der ärztliche Standesverein von West-Berlin, dessen treubleibende Mitglieder sich in der „Zeit der Trennung" um seine Person scharten. So vor allem auch der Verein „Freunde der Taubstummen". Im . * r: Geheimrat Moritz Marcuse. Jahre 1887 trat er in dessen Vorstand ein; schon nach einem Jahre war er der erste Vorsitzende. Vornehmlich feiner Mitarbeit war es zu danken, daß der Verein seinen Sitz aus de-m kleinen Fürstenwalde nach Berlin verlegen, und daß die Taubstummen-Anstalt, die, von meinem unvergeßlichen Vater begründet, seit 1873 in Fürstenwalde bestand, im Jahre 1890 nach Weißensee übersiedeln konnte. Die Ueberzeugung, daß das gute Werk nicht untergehen konnte, gab ihm und seinen Freunden den Mut, mit zirka 7000 Mark den Bau der Anstalt zu beginnen. Sein nieversagender Optimismus hatte auch in diesem Falle recht behalten. — Der große, starke Mann, wie konnte er weich werden, wenn er Unglückliche sah! Wie nahm er sich eines jeden Hilfe Suchenden persönlich an! Wie strahlte sein gutes Gesicht, wenn er den Unglücklichen wieder glücklich sah. Er hatte kein besonderes Bureau für feine wohltätige Arbeit; er buchte keine feiner guten Taten, und seine Rechte wußte nicht, was seine Linke tat. — So war er im Alter; doch aus einer Episode, die er selbst erzählte, sehen wir, daß er auch schon als junger Mann dasselbe Herz, wie dieselbe Aufopferungsfähigkeit besessen hat. — In Karlsbad an der Table d'hotc kam man auf den Krieg 1866 zu sprechen, und sein Tischnachbar, ein Böhme, erzählte begeistert von einem jungen, preußischen Militärarzt, der, vom Marsch weg zu einem Typhuskrankcn gerufen, dort Tag und Nacht verbrachte, bis die Lebensgefahr vorüber war. Diesen Mann, der seinem Vater das Leben gerettet hatte, einmal in seine Arme schließen zu können, das wäre ihm das höchste Glück. Da stand Marcuse auf: „Lieber Sohn, das Vergnügen können Sie haben. Hieß der Arzt nicht Marcuse? Hier steht er vor Ihnen." Moritz Marcuse starb am 3. September 1900, betrauert von einem großen Kreis von Freunden und Bekannten, die in ihm einen der edelsten und besten Männer der Berliner Judenheit verehrten. Dr. F. Reich. ftgmLLgggff heiraten. Skizze vv» Anna G o l d s ch m i d t. (Schlich.) 'a, za, Frau Hausgenossin, es ist fabelhast gemütlich in einem Hause, in dem ein kleines Kind angekommen ist", sagte er oft, wenn er flüchtig durch das Krankenzimmer schritt, um dann gleich darauf wieder fortzugehen. Er sagt es wie entschuldigend, wie ein wenig verlegen. Selbstspott und Eigenmitleid klangen mit durch. Ich war viel mehr bei Frau Marie als bei ihrer Nachbarin, aber das erklärte sich nicht nur aus meiner größeren Vorliebe für sie. Wann ich auch zu Frau Rapuchin kam, immer kauerte wie ein treuer Hund bei seinem I'