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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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Sparen: wenn es sich um Medizin oder Stärkungsmittel für die Frau handelte. Das Wochenbett und seine Folgen waren längst verwunden, aber er sah immer noch die Rekonvaleszentin in ihr. Jede schwerere wirtschaftliche Arbeit mußte die kleine Frau heimlich tun, hinter seinem Rücken. Sonst rechnete er ihr gleich in seiner eindringlichen überlebhaften Art vor, was es kosten würde, wenn sie sich „Gott soll hüten, en Schaden tat". Dann konnte er beinahe heftig gegen sie werden. Don meinem Küchenfenster aus hörte ich, wie unter mir Frau Rapuchin ihr Bübchen beruhigend in den Schlaf sang: „Un wenn's Kindel wird brav sein, wird's Vaterle eher zu Hause kommen, noch eher, noch eher"! Bei jedem „eher" nahm die Stimme eine höhere Tonlage an. Es schien das Höchste zu sein, was sie zu versprechen hatte. Und wenn's Vaterle kam, dann packte sie den schweren Jungen, der noch nicht schnell laufen konnte und stellte sich mit ihm auf die oberste Treppenstufe. Ich hatte gerade zu Marie gehen wollen, aber jetzt trat ich in meine Tür zurück, daß mich die Rapuchins nicht sehen sollten. Von ganz ltnten hörte ich Davids scheltende Stimme, durch die die ganze Freude an dem Anblick und all seine zärtliche Besorgtheit klang: „Du sollst doch nicht, mein Gold- Du wirst dir en Schaden tun. Geh, setz ihn hin, er is der zu schwer." Und im Nu war er neben ihr und hatte ihr das jauchzende Kind abgenommen. „Es is je bloß, daß de'n gleich sehst, wenn de kommst", sagte sie und hielt mit einem warmen Blick Mann und Kind umsangen. Ich sah neugierig auf die Gruppe. Hatte ich nicht einmal gesagt, Frau Sarah sei häßlich? Die Frau mit dem glücklich lächelnden Gesicht? Die war ja schön. Weiß Gott, so betrachtet war sie schön. Ich sah sie, wie er sie sah, also war sie schön. „War se nich seine Frau?" „Geh, mein Leben." Sie schob den Mann an die Schulter in die Tür hinein. „Siegfriedel, laß Vaterle in Ruh, der hat sich nebbich den ganzen Tag gequält for uns, der is hungrig." Damit verschwanden sie in ihr kleines Paradies, und ich hatte meinen Weg frei und konnte an Maggelshausens Tür klingeln. Frau Marie wartete schon auf mich. Ihr Mann war ausgegangen, „einen Freund" wegzufeiern. Wir wußten, das dauerte immer bis zum anderen Morgen. Lelekrüchte. Von Dr. M. Spanier, Magdeburg. „Von Anfang an verbrachte er (Felix Mendelssohn), den größten Teil des Tages im Goetheschen Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Es siel niemandem ein, wie das heute in anderen Städten der Fall sein würde, ihn seiner Abstammung wegen mißtrauisch zu _ betrachten. Der Gedanke wäre im damaligen Weimar unmöglich ge-- wesen und wird es nicht sein, solange die großen Traditionen nicht zur Fabel geworden sind. Goethe schätzte die Menschen nach ihrem Wert, Karl August hatte es stets getan und war von seiner einmal gewonnenen Ueberzeugung selbst durch Gegenbeweise nicht abzubringen gewesen. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Großfürstin diesen Grundsatz, und wir alle hätten uns geschämt, nicht diesen großen Vorbildern nachzueifern. So gehörte Rahel, so gehörte Mendelssohn zu unserer anerkannten Aristokratie." (Im Schatten der Titanen. Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt. Von Lily Braun. Stuttgart 1911. S, 145 ff.) „Wollen wir uns den Prophetismus deuten, so müssen wir durchaus an die Tatsache denken, daß gerade auf dem Boden Palästinas arische Elemente sich festgesetzt hatten und in das israelitische Volkstum übergegangen waren. Damit muß es Zusammenhängen, daß in der ganzen semitischen Welt allein bei den Israeliten eine geistige Entwicklung von der Kraft und Tiefe stattgefunden hat, wie die Prophetin des Alten Testaments sie uns zeigt. ... DieVerkündigungder israelitischen Propheten trägtdie großen Zügeder arischen Religiosität: Den Universalismus der lÄnttesidee und den wahrhaft sittlichen Charakter der Gottheit." (Paul Rohrbach: Die Geschichte der Menschheit. Königstein i. T. 1914. S. 70 ff.) Rohrbachs Auffassung erinnert uns an Häckels Welträtsel, S. 379: „Gewöhnlich wird derselbe (Jesus) als reiner Jude betrachtet. Allein gerade die Charakterzüge, die seine hohe und edle Persönlichkeit besonders auszeichnen, sind entschieden nicht semitisch, vielmehr erscheinen sie als Grundzüge der höheren arischen Rasse." Die Charakteristik findet sich in der ersten Ausgabe, ist aber in den späteren fortgeblieben. „Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung wiederum die Hauptrolle spielen. Das gute, das sie dabei tun, ist wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspätten Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem Kulturleben sich als absterbendes Totes zeigt, in Rußland, in Oesterreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind sie in der Tat der Sauerteig der Erde. Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde. Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und gewidmet haben — ich denke an eine Rahel Vanhagen, Lina Morgenstern —, ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein. Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt Wärme, und Wärme ist Liebe. Wjohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures Vaterlandes Palästina eingesogen habt und helft die Gleichgültigkeit und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im Kampfe der Geister!" „Im Kampf um die Ideale." Die Geschichte eines Suchenden. Von Georg Bonn. München 1914. S. 105. * In dem Lebensbilde der berühmten französischen Tiermalerin Rosa Bonheur *) bemerkt der Verfasser S. 95: Prinz Stirbeh sagte mir: „Auch Ernest Gambart hat etwas mit Rosa Bonheurs künstlerischer Entwicklung zu tun. Das mag aus den erster: Blick seltsam klingen. Es lag auch nicht nur an der Tatsache, daß Ernest Gambart ein hervorragender Kenner in Gemälden, sondern daran, daß er Jude war, womit ich keinen Vorwurf gegen seine Rasse erheben, sondern nur ganz einfach sagen will, daß er ein Talent auszubeuten verstand, wenn er eins entdeckte. Er veranlaßte Rosa Bonheur, nach England zu gehen und Schottland zu besuchen, um die Bekanntschaft dieser Länder zu machen, die merkwürdigen kleinen schottischen Ponys zu sehen, das Bich zu studieren und sich den eigentümlichen Typus der Einwohner zu merken. Das machte sie in England, wo Gambart wohnte, populär. Sie fing sofort an, dort Bilder zu verkaufen, und das nahm stetig zu, was sehr gut für ihre Börse und für ihre künstlerische Zuversichtlichkeit war und Gambart ein Vermögen einbrachte. Mit einem Wort, er monopolisierte sie, zu seinem eigenen und ihrem pekuniären Vorteil, und dieser vortreffliche Zustand der Dinge hielt bis zu ihrem Lebensende an." Von dieser Zeit an ist das englische und späterhin auch das amerikanische Publikum fast ein halbes Jahrhundert beigeblieben, Rosa Bonheur nicht nur warm zu bewundern, sondern ihr den größten Teil ihrer Arbeiten abzukaufen, was als Beweis dafür dienen kann, daß Herr Gambart einen guten Einsall geh-abt hat, indem er diese Reise vorschlug. Rosa Bonheur hat es ihm nie vergessen, daß er so frühzeitig begann, sich für sie zu ürteressieren, -und seine Zuneigung für sie hat bis zu ihrem Lebensende angedauert. Einige Jahre nach ihrem Tode und wenige Monate, bevor er ihr in die Ewigkeit folgte, 1903, hat er ihr aus einem der öffentlichen Plätze von Fontainebleau ein stattliches Denkmal errichtet. Regina Reißer. *) Ros^ Bonheur. Ein Lebensbild von Theovore Stanton. Uebertragen von E. v. Kraatz. Halle a. S., Edgar Thamm. 1914.

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