Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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fordert, daß ein Rabbiner, auch ungerufen, das Krankenhaus besuchen, und Pflegern und Kranken geistlichen Zuspruch erteilen soll. Er verlangt, zunächst für Paris, eine Art organisierter, regelmäßiger geistlicher Tätigkeit, in der die Rabbiner abzuwechseln haben. Auch diese Forderung möchten wir nicht unterstützen. Gewiß soll kein Kranker in Ausübung seiner religiösen Pflichten gehindert, gewiß soll ein schwer Leidender, wenn er geistliche Tröstung verlangt, die Möglichkeit haben, solche zu erhalten, aber die Pflicht des Krankenhauses ist doch in erster Linie, die Kranken zu heilen oder zu erleichtern. Wir hegen große Ehrerbietung für die Tätigkeit der Rabbiner in seelsorgerischer Beziehung, aber Zustände, wie sie in christlichen Krankenhäusern eine Zeitlang herrschten, wo pietistische, srömmlerische Einflüsse stark walteten und die Kranken in ihrer Gemütsruhe schädigten, geben zu denken. Wir wollen den Geistlichen ihr Recht in keiner Weise verkümmern, aber man hüte sich, die Kranken in ihrem Leiden irgendwie zu belästigen. * Die „Aurore" berichtet von bedenklichen antisemitischen Strömungen in Saloniki. Sie beschuldigen griechische Journalisten, besonders die Mitarbeiter des Mattes „Macedonia", die Juden anzugreifen, ihnen gemeine Handelspraktiken, Verschwörung gegen die Regierung vorzuwerfen, ja sie schrecken nicht vor der Anklage des Ritualmordes zurück. Andere gegen die Juden geltend gemachten Beschuldigungen sind geradezu grotesk: in der Höhe der Mütze des Synagogenportiers wollen sie eine Verspottung griechischer Eigentümlichkeiten, in den hebräischen Schriftzeichen der Grabsteine kabbalistische Verspottungen der Lebenden sehen. Ich hoffe, unser Kollege übertreibt; es ist wahrlich Zeit, daß Ruhe in die schwer bedrängte Stadt einkehrt. * Zur Judenfrage in Rußland wird uns aus Petersburg geschrieben: Gerade nach Schluß der parlamentarischen Saison macht man die Bemerkung, daß die russische Duma sich im verflossenen Jahre, gewollt oder ungewollt, mit der Judensrage recht häufig befaßt hat. schärfer als in den letzten Jahren und mit unbedingteren Forderungen hat endlich die Opposition in zahlreichen Fällen die Judenfrage iin Taurischen Palast auszurollen gesucht. Ja, kaum ein einziger lvichtiger Budgetposten konnte ohne große Steden zu diesem Thema durchberaten werden. Es ist klar, daß alle diese Debatten zu einem praktischen Ergebnis nicht haben sühren können; allein es war schon von Bedeutung, daß es gelang, Regierung und Parlament zur Anhörung der sogenannten „judenfreundlichen" Reden zu zwingen. Auf dem Wege zur rechtlichen Emanzipation der russischen Juden wird es nicht wenige Etappen geben, die durch ihren Schneckengang die Beteiligten oft zur Verzweiflung bringen werden. Die russische Duma hatte sich aber in den früheren Jahren allmählich das System angewöhnt, Reden zur Judenfrage einfach unbeachtet zu lassen oder durch unerhörte Störungen herabzuwürdigen. Man kennt die Methoden der Purischkewitsch, Markow und Konsorten, man weiß, wie viele Male sie in unflätigster Art die Ehre des Judentums ungestraft beleidigt haben, wie in der dritten Duma zuletzt selbst die Oktobristen das ganze Schimpsregister dieser Herren ruhig mit anhörten und nun wiederum ungeduldig wurden, wenn in bezug auf die Judenfrage menschliche Töne zu erschallen begannen. Erst in den letzten Monaten, seitdem die oppositionelle Stimmung inuner stärker durchzudringen beginnt, ist auch darin ein auffälliger Wandel eingetreten. Die Proteste gegen die Schimpfausdrücke der rabiaten Antisemiten finden auch in der Mitte des Hauses Anklang, und die Reden der jüdischen Vertreter sowie der Progressisten, Kadetten und Sozialdemokraten über die rechtliche Misere des russischen Judendaseins erwecken nicht mehr den früher üblichen Unmut und scheinen anch aus konservativ gesinnte Abgeordnetenkreise einen Eindruck zu machen. Dies ist um so wichtiger, als die Regierung offenbar nicht die geringste Absicht hat, ihre reaktionäre Taktik gegenüber den Juden zu ändern. Gibt es doch auf diesem Gebiete für die bureaukretische Ideologie in Rußland keine Grenze. So hat neuerdings der Minister des Innern Maklakow in seiner Begründungsschrift zur Gesetzesvorlage über Gesellschaften und Verbände den Vorschlag gemacht, den fremdstämmigen (lies jüdischen) Gesellschaften das Recht des Bodenbesitzes zu beschränken. Man bedenke doch nur, daß der Minister just bei dieser Reform, die angeblich gewisse Freiheiten zugestehen will, es nicht vergessen hat, für die Juden ganz besondere Beschränkungen zu stipulieren, die an sich mit der Frage der Koalitionsfreiheit nichts gemein hat. Allerdings ist der Minister darin durch die Praxis bereits überholt worden. Gar häufig werden Fälle gemeldet, in denen die Notare, noch ehe das geplante Ausnahmerecht Wirklichkeit geworden ist, es ablehnten, den Kauf von Grundeigentum durch jüdische Gesellschaften gesetzlich einzutragen, obgleich in den Satzungen dieser Gesellschaft durch bestimmte Paragraphen das Recht aus Kauf vom Grundbesitz ausdrücklich betont wird. In einer Stadt, in Smolensk, mußte eine jüdische Aufklärungsgesellschast sogar nur deswegen ihre Existenz einstellen, weil das Ministerium entgegen der Entscheidung des Senats von dieser Gesellschaft forderte, daß sie auf das ihr satzungsgemäß zustehende Recht auf Bodenbesitz freiwillig verzichten sollte. Und wer weiß es nicht, welchen Kamps das Ministerium in der jüngsten Zeit gegen das Recht von Aktiengesellschaften, in denen Juden Aktien besitzen, auf Landerwerb in der jüngsten Zeit entfesselt hat? Gehen doch die Beschränkungen, Ausweisungen und Schikanierungen der Juden ungehemmt ihren Weg, und es ist also schon ein erfreuliches Zeichen, wenn die Judenfrage vom Parlament wieder ernst genommen wird. Dir ruliilchm hudrn. man sich mit dem Titelbilde eines neuen Buches I versöhnt hat, aus dem ein russischer Soldat (oder soll es etwa gar der Zar sein) in der Rechten eine Peitsche, in der Linken ein Gewehr haltend, vor einem kleinen demütig blickenden Juden steht, so wird man es mit großem Interesse lesen. Der Verfasser, ein bekannter Feuilletonist, übrigens ein Christ namens Hans Fischer, ehemals evangelischer Pfarrer, stellt die Verhältnisse der Juden in Rußland und die russischen Zustände überhaupt recht lesenswert dar. Man kann sich zwei Arten denken, in denen über diese absonderlichen und abscheulichen Zustände gesprochen wird: die eine, historische, die mit strengster Objektivität diese asiatisch-barbarischen Dinge betrachtet, die andere, die mit echtem hohen Pathos von dem Entsetzlichen spricht. Kurt Aram hält sich von jedem Pathos fern, berichtet häufig objektiv, bedient sich aber nicht selten der Satire. Was man zu lesen bekommt, ist nicht selten herzergreifend und erschütternd. Es wird durch seine Ausführungen klipp und klar erwiesen, daß die Pogrome von der Regierung nicht bloß geduldet, sondern geradezu inszeniert sind. An einer anderen Stelle wird auseinandergesetzt, daß die Juden keineswegs — wie man gewöhnlich annimmt — den größten Prozentsatz zu den Revolutionären stellen, sondern daß von 1846 bis 1900 unter den deportierten Politikern der russische Adel mit 31 Prozent vertreten war. Es wird ferner die merkwürdige Frage aufgeworfen, warum die Juden trotz der furchtbaren Greuel, welche gegen sie verübt werden, trotz der schier unerschwinglichen Ausgaben, unter denen sie seufzen, trotz des kaum erträglichen Elends, unter dem sie schmachten, doch in Rußland bleiben. AIS Erklärung für dieses Phänomen werden folgende Umstände angegeben: Zunächst der, daß die meisten der also Bedrückten sich in mittleren Jahren befinden, also keine rechte Neigung mehr besitzen, ein fremdes Land aufzusuchen; ferner der, daß die Judengeschgebung mit ihrer ganzen Last nur auf die ärmsten Schichten drückt, alle diejenigen aber, welche noch einiges Geld besitzen, sich durch die Polizei ihre Last erleichtern können. — Als ein sehr merkwürdiges Moment JKurtAram. DerZar und die russischen Juden. Karl Curtius Verlag, Berlin.