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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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338 In Berlin besitzen wir seit Jahr und Tag eine Bühne, die sich „Deutsche? Künstler-Theater" nennt. Es eröffnet seine nächste Spielzeit mit Shakespeares „Antonius und Kleopatra", um nach dieser Verbeugung vor dem klassischen Drama sofort in ein anderes Fahrwasser einzulenken. Außer sechzehn Dramen von August Strindberg werden uns angekündigt Stücke von d'Annunzio, Gustaf Geijerstam, John o. Gorsleben, Bernhard Shaw und I. M. Shnge. Also lauter Ausländer, wenn auch darunter einige wie Strindberg und Geijerstam germanischen Geblüts sind. Shaw ist bekanntlich Jude. Dann kommen folgende deutsche Namen: Hermann Essig, Georg Kaiser, Emil Ludwig, Hans Mühlestein, Bernhard Rehse, Mar Rosen, Willy Speyer, Hngo Wolfs. Bon diesen sind Emil Ludwig (Sohn des Breslauer Augenarztes Cohn und u. a. Verfasser des Schmähbuches gegen Richard Wagner, jetzt Londoner Korrespondent des „Berliner Tageblattes"), Max Rosen, Hugo Wolfs und Willy Speyer bestimmt Juden. Von den anderen ist mir die Abstammung nicht bekannt. Endlich sind noch Stücke von Klabund und Siegfried Trebitsch angezeigt, zwei Schriftstellern, die gleichfalls dem auserwählten Volke angehören. Man sieht also, das „Deutsche Künstler- Theater" hat sich sofort unter das Joch des Judentums beugen müssen, als es sich in seiner finanziellen Bedrängnis Herrn Bruno Cassirer zum Retter aus der Not auserkor." Zwei Punkte sind im Artikel zu unterscheiden: das Wüten gegen die Operette und das Auftreten gegen jüdische Autoren und jüdische Künstler. Was das erstere betrifft, so ist die Klage über unbedeutende und frivole Theaterstücke so alt wie das Theater selbst. Selbst Goethe als Theaterdirektor mußte sich vor der Beliebtheit Jfflands, Kotzebues unb ähnlicher Geister beugen und die Stücke jedes einzelnen dieser Herren häufiger aufführen als seine, Schillers, Lessings und Shakespeares Stücke zusammengenommen. Eine nicht eben zu lustige Posse „Wie einst im Mai" bringt es auf 300 Aufführungen, was man selbst von Frank Wedekind nicht sagen kann. Das Publikum ist eben ein großes Kind, das amüsiert sein will; wer sich darüber aufregt, zeigt eben nur, daß er von der Masse und von ihren Bedürfnissen keinen Begriff hat. Es fällt mir gar nicht ein, für Operetten- und Possenblödsinn einzutreten, obwohl ich gar nicht leugnen will, daß ich mich bei manchen Stücken der genannten Gattungen an ihrer guten Ausstattung, ihren humoristischen Einzelheiten und ihren hübschen Melodien erlustigt habe; aber ich muß energisch dagegen protestieren, daß sich in solchen Stücken ein unheilvoller jüdischer Einfluß geltend macht. Textdichter, Musiker, Künstler dieser sogenannten Kunstgattung, Schauspieler, Sänger und besonders Tänzer und Tänzerinnen, die in derartigen Stücken auftreten, rekrutieren sich mindestens ebenso stark aus dem Lager der Christen als dem der Juden. Und in dem Publikum ist das jüdische Element höchstens nach dem Prozentsatz vertreten, den es nun einmal, namentlich in größeren Städten, für den Theaterbesuch überhaupt stellt. Eine viel ernstere Verwahrung aber muß gegen den zweiten Punkt eingelegt werden. Selbst zugegeben, daß die Autoren vieler Stücke im Deutschen Künstler-Theater Juden sind, werden dadurch die Leistungen schlechter? Beweisen sie irgendwie die Entfernung von deutscher Art und Kunst? Zeigen die Künstler auch nur in einem einzigen Stücke jüdische Eigenrümlichkeit, behandeln die Dichter jüdische Probleme? Die Antwort auf alle diese Fragen muß vollständig verneinend ausfallen. Im Gegenteil, alle Mitwirkenden bemühen sich der deutschen Kunst und n u r dieser zu dienen. Die Dichter verleugnen geradezu ihre Abstammung und wenden sich völlig von den Problemen ab, mit denen ihre Glaubensgenossen sich beschäftigen. Das Publikum aber, mindestens ebenso gut das sogenannte arische wie das jüdische, findet an diesen Darbietungen seine Erhebung und denkt nicht im mindesten daran. daß Dichter, die zufällig Juden sind, das Wort ergreifen oder daß Künstler, die jüdischen Ursprungs sind, vor ihnen agieren. Es findet angesichts dieser künstlerischen Darbietungen Genuß und Erhebung. Geht man auf den Kern der Sache ein, so richtet sich im Grunde das ganze Gerede gegen Max Reinhardt und sein Deutsches Theater. Die Antisemiten in ihrer Verblendung können es dem genialen Bühnenleiter — dessen Taten ich persönlich übrigens gar nicht unterschiedslos bewundere — nicht verzeihen, daß.er, der Jude, sein Theater Deutsches Theater nennt und vor allem nicht, daß er große pekuniäre und noch größere künstlerische Erfolge hat. Aber berücksichtigt er, wenn er alich ganz gelegentlich ein jüdisches Stück aufführt und unter seiner wackeren Schar auch einzelne jüdische Schauspieler hat, wirklich das Jüdische? Sind „Mirakel", „Jedermann" etwa jüdischen Inhaltes, oder hat Sophokles, von dem einige Stücke, ebenso wie die eben genannten Dramen im Zirkus ausgeführt wurden, etwas mit dem Judentum zu tun? Ist vielleicht Shakespeare, dessen Wiederbelebung und Popularisierung Reinhardts großartigstes und glücklichstes Streben gilt, ein Jude, oder wollen dieselben Herren, die neuerdings Frank Wedekind antisemitische Tendenzen unterschoben, diesen vielleicht zum Juden stempeln? Uebereiser, wohin man sieht, wenn man nicht etwa von kleinlichem Neide und erbärmlichein Konkurrenzhasse reden will. Die Künstler jüdischen Ursprungs, die Theaterdirektoren, die von Juden stammen, dienen mit Redlichkeit und meist mit Erfolg der echten und wirklichen deutschen Kunst. Berücksichtigen sie das Ausland, sowohl lebende als verstorbene Autoren, so hat eine solche Bevorzugung nichts mit Undentschheit zu tun, spielen sie deutsche Stücke, so haben sie als deutsche Juden genau dasselbe Recht dazu wie Deutsche christlicher Abstammung. (Schluß folgt.) Sie Woche. Berlin, den 14. Juli 1914. in 11. Juli ist Julius Rodend erg gestorben. Er war 83 Jahre alt und hatte sich nicht überlebt. Bis fast zu seinem Tode arbeitete er und schrieb stetseigenhändigmit seiner feinen deutlichen Handschrift. Er war als Redakteur tätig im besten und schönsten Sinn. Denn er nahm in die „Deutsche Rundschau", die er begründet hatte, und bis zu seinem Tode leitete, nicht bloß das auf, was er zugeschickt erhielt, sondern er regte an, forderte auf, und wußte stets den Kreis seiner Mitarbeiter zu erweitern. Ohne ein Moderner zu sein, verschloß er sich nicht vor dem Wesen einer neuen Zeit; wenn er auch nicht jeder neuen Richtung folgte, und alles von lärmenden Parteien Hochgepriesene als genial betrachtete, versteifte er sich nicht auf das Herkömmliche und Gewohnte. Er freute sich, daß seine Zeitschrift, fast die einzige, der dies beschert war, von Akademikern, und zwar den Rangersten, gern mit Beiträgen bedacht wurde, aber er blieb gern bereit, auch Jüngeren und Unbekannten, wenn der innere Wert ihrer Arbeiten ihm bedeutsam erschien, einen Platz zu gewähren. Er war vielseitig und darauf bedacht, seiner Monatsschrift den Stempel dieser Vielseitgkeit aufzudrücken, sie vor dem Einerlei der Romane und der Literaturessays zu bewahren; daher brachte er gern historische, philosophische, naturwissenschaftliche Studien, die den Fortschritt der Wissenschaft aus den verschiedensten Gebieten bekundeten. Er liebte die schöne Form, und scheute sich nicht, selbst hochgestellten Mitarbeitern gegenüber als Zensor, als Sprachmeister selbst auszutreten. Trotz der schweren Arbeit, die er als Redakteur leistete, war und blieb er ein fleißiger Schriftsteller. Seine Romane, seine Reiseskizzen, seine Wanderungen durch Berlin, seine bio-

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