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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang^ Nr. 29 Allgemeine Berlin, 17. Juli 1914 eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeiwng erscheint wöchentlich. 2J bonnements«pre\s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf ZItoffe, Berlin. Anhalt» Uebereifer. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — IJIJijUll* Die russische:'. Juden. Von L. G. — Das apologetische Archiv des Verbandes der Deutschen Inden. — Chicago — Berlin. Von Rechtsanwalt Dr. Lamm. — Bekannte Berliner Glaubensgenossen. Von Dr. F. Reich. — Feuilleton: Heiraten. Skizze von Anna Gold schmidt. — Lesesrnchte. — Büchereinlauf. — Literarische Mitteilungen. - Eprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Wilhelmshaven, viürnberg, Franksurt a. Bl, Karlsruhe, Paris, Warschau, Petersburg. — Von Nah und Fern. Äeberejkrr. Von Ludwiß Geiger. I. in in der vorigen Wochenübersicht kurz behandelter Vorfall verdient und verlangt eine nähere Besprechung. Es handelte sich hierbei um eine Erklärung des Herrn Dr. Dinier, der das Aergernis, das ihm das von Max Reinhardt inszenierte „Mirakel" erregte, den Juden zuschob und offen erklärte, daß er, der früher keine Empfindlichkeit gegen die Juden gekannt, jetzt zu einer starken Antipathie gegen sie geführt worden sei, und daß er beabsichtige, gegen die Vorherrschaft der Juden in theatralischen Dingen energisch aufzutreten. Was nun zunächst „Das Mirakel" anbetrifst, so kann man über diese Vorführung eines Wunders, die Darstellung katholischer Prozessionen und Andachtvorstellungen ans der Bühne verschiedener Meinung sein. Bei aller Bewunderung für Reinhardts großartige Regiekunst, die sich auch in diesem Falle wieder glänzend bewährte, bekenne ich freimütig, daß auch ich die Empfindung hatte, fromme Katholiken müßten an solchen Vorführungen Anstoß nehmen. Diese Meinung scheint indessen irrig zu sein. Denn es ist sicher, daß die Hunderte oder Tausende von Katholiken, die an den Vorstellungen teilgenommen haben, in keiner Weise ihrer Empörung Ausdruck gaben, und daß auch die katholische Presse im allgemeinen sich nicht gegen die Darbietung erklärt hat. Zum Ueberfluß muß darauf hingewiesen werden, daß der Dichter dieses neuen Zirkusdramas, sowie seine Gattin, die erste Darstellerin der Hauptperson, Katholiken sind, daß beide, wie eine neuerliche Zeitungsnachricht meldet, vom Papst enrpfangen wurden, der dem Dichter und der Künstlerin seine Billigung ihrer Leistungen aussprach. Päpstlicher als der Papst brauchen wir in diesem Falle gewiß nicht zu sein, und es läge daher kein Grund vor, den Uebereiser des Herrn Dinier besonders zu erwähnen. Anders steht die Sache jedoch, da sich Herr Dinier nicht damit begnügt, Kritik an dem „Mirakel" zu üben, sondern seine Empörung nun gegen die jüdische Theaterkunst wendet. Während Herr Dinier nämlich in seinem Protest gegen das eine Kunstwerk ziemlich allein steht, wird er in seinen anderweitigen Bemühungen von anderer Seite unterstützt. In der „Deutschen Tageszeitung" veröffentlicht Herr Joseph Stolzing einen Aufsatz: Das Deutsche Theater (das Wort Deutsch wird von dem Verfasser in Gänsefüßchen eingeschloffen). In diesem Artikel zieht der Verfasser gegen die Wiener Operette los, die auch in Berlin großen Anklang finde, und sagt dann wörtlich folgendes: „Doch dürfte es lohnend sein, sich die Text- und Musikmacher ein bißchen näher auf ihren Namen und ihre Art anzusehen. Was die ersteren betrifft, so nennen sie sich: Dr. Marios, Dr. Willner, Brammer, Grünwald, Bodanzky, Theken, Beda, Lindau, Leopold Jacobsohn, Leo Walter Stein, Jenbach und Schanzer. Wie viele Arier wird es wohl unter ihnen geben? Nach meiner Kenntnis der Dinge nicht einen einzigen, wenn vielleicht auch der eine oder der andere die Taufe empfangen haben sollte. Nun zu den Musikmachern. Sie heißen: Leo Fall, Oskar Straus, Eysler, Ascher, Jean Gilbert, Georg Jarno, Kalman, Berte und Paul Stefan, wozu sich als einziger Christ der Slawe Franz Lehar gesellt. Man sieht mithin, daß auf dem Gebiete der Operettenerzeugung das Judentum nicht etwa die Vorherrschaft, sondern die Alleinherrschaft sieb errungen hat, was uns Deutsche ziemlich gleichgültig lassen könnte, wenn nicht just der Operettenblödsinn es wäre, der die Massen in die Theater lockt. Nicht nur in Berlin, Wien und den anderen deutschen Großstädten, sondern auch in den deutschen Kleinstädten rennen die Leute mit Vorliebe in die Operette, so daß die Provinzdirektoren, die nur mit einer verhältnismäßig kleinen Zahl ständiger Theaterbesucher rechnen können, gar nicht imstande sind, das ernste Drama zu pflegen, selbst wenn sie es wollten. Gerade in den letzten Monaten hat man in verschiedenen Gemeindeverwaltungen deutscher Mittelstädte bewegliche Klagen darüber vernommen, daß eigentlich nur noch die Operetten das Publikum ins Theater ziehen. Je skrupelloser also ein Bühnenleiter dem verdorbenen Geschmacke der Menge entgegenkommt, desto einfacher liegt für ihn die Kassenfrage. So schaukelte im Nürnberger Stadttheater an einem Sonntag nachmittag der Chor in der bekannten Operette das „Puppchen, du mein Augenstern" herunter, um am Abend „Höchsten Heiles Wunder; Erlösung dem Erlöser!" zu singen. Also das Völkchen in der Stadt Hans Sachsens, Albrecht Dürers, Adam Krafts, Peter Vischers und Veit Stoß' mußte um jeden Preis seine Sonntagsoperette haben, die vor ausverkauftem Hause gespielt wurde, während man abends beim „Parsifal" so manche Lücke im Zuschauerraume sah. Uebrigens steht in dieser Beziehung Nürnberg nicht konkurrenzlos da, denn am Sonntag, l. Februar, gab es in Königsberg „Khritz- Pyritz", am Sonntag, 8. März, in Barmen „Grigri" und in Bremen an zwei Sonntagen „Der Schlafwagenkontrolleur" zu „Parsifal", der entweder abends oder nachmittags aufgeführt wurde. Man kann sich da leicht vorstellen, wie Wagners Schwanengesang zur Wirkung gebracht sein mag. Nur der geistigen. und moralischen Verpestung des Volkes durch die Operettenseuche haben wir solche unglaubliche Geschmacklosigkeiten zu verdanken!

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