Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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braucht sich kein deutscher Dichter zu schämen. Aber die übrigen wieder sind in aufdringlicher Weise zionistisch und dabei zumeist wenig poetisch. Ueberall kommen Anspielungen auf das jüdische Ü'ülf und aus das Vaterland Palästina vor. Ein deutscher Jüngling soll nach unserer festen Ueberzeugung nicht singen: „Es ist mein liebes Vaterland, dieses schöne Land am blauen Meeresstrand", denn als Vaterland sollen wir Deutschland betrachten. Er soll nicht hoffen, „das; das vertriebene Volk mit starker Hand in dieses Vaterland zurückgebracht werde", und trotz aller Anspielungen in den; Gebetouche wll der deutsche Jüngling jüdischen Glaubens nicht der Hoffnung Ausdruck geben, wie sie in folgender Strophe gekennzeichnet wird: Die Liebe znm Heimatgrunde, Wo der Ahne gestritten einst hat. Sie weihe uns jegliche Stunde, Sie weihe uns jegliche Tat. Am Jordan blühen wieder die Reben, Wo einst Wüste quillt jauchzendes Leben, Durch das Gelände braust die Melodei, Ans, Hedad, Hedad, unsre Bahn ist frei! Solche palästinensischen Schwärmereien sind unvereinbar mit der Liebe zum deutschen Vatertande, und darum must ich wenigstens dieses Liederbuch als ungeeignet für deutsche Knaben nnd Jttuglinge jüdischen Elauben-s bezeichnen. L. G. * W a r n m l a s s e n s i ch d ie I u d e n n i ch t taufe«?! Von Dr. Edmund Vlum. München 1913. Verlag von O. Th. Schott, Verlag der Mvnat-Zblätter „Eslverde Licht" G. m. b. H. Preis 2 Viark (2 ttr. 50 H.). Eine bestimmte Anüvort ans die ansgervorsene Frage habe ich aus dem Buche nicht yercmslesen können, llllan könnte ans bon Ausführungen des Verfassers, eines, wie es scheint, freisinnigen Ehristen, vielleicht die entnehmen: weil sie bei dem bestehenden Ehristeutnui nichts Besseres eintauschren. Gelegentlich lvird auch augedentet, das; ilmen, lvie die Zustände nun einmal sind, nicht viel Gewinn ans der .raufe entsteht, unb das; der Vorteil höchstens der kommenden Generation zugute kommt, Manche Behauptungen des Verfassers sind recht oberflächlich, zum Beispiel die Seite 144: „Die Juden neigen ansfallend zum Sozialismus", andere finb ganz falsch, zum Beispiel die sooft judenfeindlicheu Bestrebungen irgendwo hervortreten, sooft die Politik und Verwaltung eines Landes antisemitische Tendenzen betont, nehmen die Taufzahlen zusehends ab". Denn gerade zu Zeiten eines stark anftretenden Antisemitismus kommen Judentaufen eher zahlreicher vor, als in den Zeiten ruhiger Duldung. Die wirkliche Antwort ans die von dem Verfasser ansgeworfene Frage ist natürlich nicht ganz leicht. Man könnte sagen: Ter gläubige Jude lästt sich nicht taufen, weil er von der Wahrheit seiner Religion überzeugt ist; der historische nicht au» Pietät: der anständige nicht, weil er keine religiöse Ansicht heucheln null, die er nicht hegt, und weil er es verachtet, durch das Vergeben einer nicht gehegten Ueberzeugung Vorteile zu erlangen, die er nicht genießen würde, wenn er seinem angestammten Glanberl treu bleibt. Eine andere Antwort auf die aufgeworfene Frage lvird man schwerlich erteilen können. L. G. * — Die böse Unschuld. Ein jüdischer Kleinstadtroman von Oskar Baum,!9!3. Literarische Anstalt. Rütten <fc Loening. Frankfurt n. M. Ter Roman, der mir im Manuskript Vorgelegen hat lind von mir abgelehnt werden innßte, weil sein etwas verfänglicher Inhalt mir für ein Familienblatt nicht recht geeignet erschien, ist für reise Menscheil sehr nuterhaltelld. Nur ist es mehr eine Anekdote, die etwas breit ansgesponnen ist, als ein Roman. Ein junges Mädchen soll einem Gerücht zufolge und seinem Allssehen nach in anderen Umständen sein. Ein junger Mann wird verdächtigt, ihr Verführer zu sein; nachdem der junge Mann dadurch in die größten Ungelegenheitell gekommen, das junge Mädchen viel verspottet und bemitleidet worden ist, stellt sich Heralls, daß ihr ganzer Zustand nur die Folge großer Hysterie ist. Mit dieser Haupthandlung, die, wie gesagt, eigentlich ilicht viel mehr als eine Anekdote ist, die aber sehr breit ausgesponnen lvird, ist null die Schilderung einer kleinen böhmischen Stadt verknüpft, die während des Sommers zum Aufenthalt vornehmer Prager bient. Diese Schilderung ist ungemeill anmutig: die Szenen aus oiesem Badeleben, das Geschäfts- und Vergnügungstreiben der ganzen Stadt, sodann die Darstellung der feindlichen Stimmung der Sozialdemokraten und Antisemiten, in deren Folge es sogar zu einer kleinen Anekdote, des jungen Budweiser, eines angehenden Mediziners, mit mm auch ein Liebesromwl, und zwar der des unfreiwilligen Helden jener Allekdote, des jungen Budweiser, eines angehenden Mediziners mit Ma Rest, einem jungen, hübschen, wohlhabenden Mädchen. Ein Roman, der zllnächst ohne Wissen und Billigung der Eltern angespoilnen, schließlich ihren Beifall erhält. Für beit etwas dünnen Inhalt ist das Ganze viel 31t lang. Aber die einzelnen Szenen sind frisch, lebendig, höchst anschalllich, mannigfache Episoden koketter Frauen und anspruchsvoller männlicher Badegäste beleben das Ganze; datz jüdische Familienleben der'Bndweiser wird sehr syurpathisch dargestellt; der Verfasser versteht Ernst und Scherz geschickt zn mischen nnd nnterhält seine Leser in liebenswürdiger Art. L. G. * — Ges ch i ch t e des B e r e i n s j ü d i sch er Lehrer i u der Pr v v i ll z Ha n n 0 v e r. Aktenmäßig dargestellt nnd dem Verein zur Feier seines 50 jährigen Bestehens gelvidmet von seinem Vorsitzenden Sally Katz. Rienbnrg (Weser) im Dezember 1910. Geschichte eines Spezialvereins, die doch des allgemeinen Interesses nicht entbehrt. Hannover mit seiner speziellen Gesetzgebung ist in nunlchen Dingen besser gestellt als die altpreußischen Provinzen, wenn auch z. V. vor einigen Jahrzehnten die Lehrer das Kantoramt iuientgeltlich verrichten mußten. (Die Frage wurde noch im Jahre 1909 erneut behandelt.) Der Verein bemüht sich um die materielle Hebung, um die geistige Förderung des Lehrerstandes. Einzelne Vor trüge, voll dellen ein Auszug geboten wird, behandeln allgemeine pädagogische Fragen. Interessant ist der Aufruf (S. 63) an die Grohgeincinden, jüdische Volksschulen zu errichtell, eine Forderung, die ja auch in den altprenßischen Provillzen vielfach laut wurde. In feinen Ansprüchen geht der Verein ziemlich weit. Er verlangt z. A., 'daß alle Religionslehrer gleich ben Landschullehrern vom Staate allgestellt werden. In viele andere Einzelheiten der instruktiven Schrift vermag ich natürlich nicht einzngehen. Ich begnüge mich damit, dem Verein, dessen Geschichte ein tüchtiges Streben bekundet, ein herzliches Glückauf znznrnfen! L. G. Sprechtag!. Au die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". In Nr. 26 Ihrer geschätzten Zeitung bringen Sie unter „Von Nah nnd Fern" eine Mitteilung aus New Pork, nämlich daß der jüdische Arzt Dr. Harry Ptvtz den Erreger des Typhus entdeckt habe. Diese Mitteilung ist unglaublich komisch, weil der Typhusbazillus bereits um 18(S0 von Professor Eberth — wenn ich llicht irre, Professor der Pathologischen Anatoulie in Halle — entdeckt und zn derselben Zeit auch voll Koch gesehen ltnb photographisch dargestellt wurde. Diese Entdeckung ist längst Gemeingut der modernen Wissenschaft nnd der Aerzte. Bei den großen Typhnsepidemien der letzten Jahre in Deutschland spielten ja als ursächliches Moment die sogenannten Bazillenträger eine große Rolle, Menschen, die lange Zeit vorher einen Typhus durchgemacht haben, aber noch Bazillen in ihrem Darm beherbergen und dadurch Infektion Hervorrufen. Auch ein Typhusserum ist längst dargestellt, mit welchem schon an Erfolgen reiche Bersllche gemacht wurden. In der Armee sind auch schon Impfungen gegenl den Typhus vorgenommen worden. — Die Mitteilung aus New-Uork muß also auf einem Irrtum beruhen. Hochachtungsvoll Dr. S t ei n t h a l. ¥ Breslau, 28. Juni 1914. Unter Bezugnahme auf die Bemerkung im Leitartikel der Nr. 25 Ihrer geschätzten Zeitung gestatte ich mir, berichtigend mitznteilen, daß über die Generalversammlungen des Rabbiner-Verbandes von Deutschland nicht nur Zeitungsberichte, sondern die stenographisch anfgenommenen Verhandlungen veröffentlicht lverden. Mit der Bitte, davon Keilntllis llehnren zu wollen, hochachtlmgsvoll Prof. Dr. Guttmann.