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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-10 · Heft 28 (10.7.1914) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 Er lachte laut auf und sagte lustig: „Da haben Sie recht, Verehrteste." Und der Hochzeitstag kam. Die beiden Wohnungen in der ersten Etage standen fix und fertig. David Rapuchin hatte schon seit Tagen mit zäher Emsigkeit alles praktisch und sparsam hergerichtet, aber auch das Nachbarheim war nun für seine Herrin vollendet. Wir, mein schöner Schützling und ich, hatten Rat geschafft für das noch Fehlende. Und weiß der Himmel, woher der Glückliche mm doch noch Geld hatte, die Treppe von oben bis zur Schwelle, über die ihr geliebter Fuß schreiten sollte, mit leuchtend roten, herrlichen Rosen zu bestreuen. Ich bin gay.; gewiß nicht neugierig, wenigstens nie taktlos neugierig, aber an dem Tag konnte ich es mir nicht versagen, oben aus den Stufen unserer Treppe zu knien, das Gesicht zwischen die Stäbe des Geländers gedrückt, und die Ankunft des jungen Paares zu erwarten. Ich mußte die junge Frau sehen, ich mußte. Ich war wohl schon zehnmal aus dem Korridor gelaufen, hatte immer wieder wartend gekniet, wenn ich die Haustür hatte gehen hören, jetzt kauerte ich wieder da, mit klopfendem Herzen, zitternd vor Spannung. Da — da-ich konnte ihr ganz deutlich in das helle stille Gesicht sehen, das die Feierlichkeit des Augenblickes wie mit einem Heiligenschein überlichtete. Mehr als ihre zartblonde Schönheit siel mir der wunderbare Ausdruck verklärter Rührung auf, als sie, leicht an den Arm des jungen Gatten geschmiegt, über die Treppe ging. Es sah aus, als schwebe sie nur über den roten Rosen dahin, als schwebe iie überhaupt über allem Irdischen. Und derselbe Ausdruck seliger Ergriffenheit lag auch auf seinem Gesicht, als er sie sorglich führte. Ganz langsam gingen sie die Treppe hinauf, noch in dem feierlichen Schritt, der sie zum Altar geführt, wie noch umbraust von Orgelklang, wie geheiligt durch die Andacht der großen Stunde. Da ließ er sie behutsam los, schritt zwei Schritte voran und öffnete weit die Tür. Und durch die niedrige Tür schritten die zwei hohen Lichtgestalten in das Paradies, und als ich die Tür zuschlagen hörte, da legte ich die Hände vor mein Gesicht und weinte leise hinein. Ja, ja, ich hatte ja meinen Hans lieb, und meine beiden Babys waren goldig, aber ein bißchen alltäglich hatte ich mich doch verheiratet. Das Knarren der Haustür schreckte mich von neuem auf meinem Lauscherposten hoch. Richtig, wir erwarteten ja noch ein junges Paar. Ich erkannte schon Herrn Davids rostige Stimme. Ich mußte lachen. Nun hatte des Assessors schwärmerische Zärtlichkeit bewirkt, daß auch die kleine, etwas schiefe Frau Sarah Rapuchin, geb. Dzalovski, auf roten Liebesrosen in ihr eigenes Heim schritt, aber nicht schwebend, in heiligem Schweigen, sondern mit ungeschickt eiligem Gang und in lebhaftem Gespräch mit ihrem Gatten. „Tu dir nich weh an die spitzen Dinger", hörte ich David sagen, und ich sah, wie er seine junge Frau, die er am Arm führte, zu sich hinüberzog, damit sie die Rosen nicht berühre. Freilich, David Rapuchin sah überall im Leben nur die Dornen, nicht die Rosen, aber, was mir ausgefallen war, der trockene Ton hatte etwas Fürsorgliches, Wohlmeinendes gehabt. Als ich die Tür auch hinter den Rapuchins hatte zuklappen hören, war meine Hochzeitsstimmung vorbei. Mein Kleinstes rief. Gott sei Dank, daß ich wieder zu meinen süßen Babys kam und zu meinem Hans. Er war ja doch ein lieber Kerl, und dem Heiratsvermittler hatte er ganz gewiß nichts zu bezahlen gehabt, als er mich geheiratet hatte. Ich habe dann lange Zeit nur wenig von meinen Hausgenossen gesehen. Die Tür zu dem Paradies unten war mir verschlossen. Es wäre mir wie Raub vorgekommeu, hätte ich die Heiligkeit dieses jungen Glückes stören wollen. Na, und bei Rapuchins konnte ich mich beherrschen. Wir erwiderten beiden jungen Paaren in gleicher Höflichkeit ihre Besuche, aber sonst blieben die Grenzen scharf gezogen. Rechts schloß die junge Liebe alles Fremde ab, links die — Art. Daß ich jedesmal, was ich gerade tat, wie gejagt an das Fenster stürzte, wenn mein schönes junges Paar aus dem Hause trat, war ja kein Wunder. Frau Maggelshausen sah etwas bleicher aus jetzt, sie war guter Hoffnung. Nun war ich schon neugierig auf das Kind, das aus diesen beiden herrlichen Menschenexemplaren hervorgehen würde. Frau Sarah war übrigens auch in gesegneten Umständen, aber Herrn Rapuchin junior begehrte mein Herz nicht zu sehen. Aber sie kamen beide prompt, zur gegebenen Zeit, die Nachkömmlinge, und wieder war es nur ein Unterschied von Tagen, der die Ereignisse in den Wohnungen rechts und links trennte. Was bei der kleinen schiefen Frau Sarah vorauszusehen gewesen war, wunderte und erschreckte mich sehr bei der wohlgebauten großen Frau Marie: -es ging recht schwer. Und mein Herz schauerte wieder in gleichem Miterleben, als ich den jungen schönen Ehemann, meinen Schützling, in angstvoller Verzweiflung sah. Aber was war das? Da war ja einer fast noch ängstlicher, noch verzweifelter? Einer, der sich rein zerreißen wollte vor Weh und Not? David Rapuchin, der Rev Aron Peißer, dem Heiratsvermittler, hundert Rubel gezahlt hatte —?! Die Stunden der höchsten Lebensgefahr gingen vorüber und ebenso Kurts Angst. Er war wunderbar schnell beruhigt. Mit dem Augenblick, da die Aerzte sagten: „Die Gefahr ist vorbei", war er ein anderer. Und doch schloß sich hüben wie drüben eine lange traurige Leidenszeit an die kurzen Minuten der Not. Es war, als habe sich die maßlose Angst des Mannes völlig erschöpft in diesen Minuten, als sei auch nichts mehr davon zurückgeblieben/ das sich in Fürsorge, Schonung, auch nur in ein wenig Geduld hätte umsetzen können. Schluß folg«., Literarische Mitteilungen. — Blau-weiß Liederbuch. Herausgegeben von der Führerschaft des Indischen Wanderbundes Blau-weiß Berlin. Indischer Verlag. Merlin 1914. Wenn man auch die Tendenz der allgemeinen, der spezifisch christlichen Wandervvgelvereiue: Juden ausznschließen, auf das entschiedenste verdammen muß, so kann man andererseits nicht verkenneil, daß eine Gruppe unter den Inden, nämlich die Zionisten, den Anstoß zu der Trennung gegeben hat, zli einer Zeit, da mau iu dem eigentlichen Wandervogel noch nichts von antisemitischen Tendenzen wußte. Für diese zionistischen Wandervereine ist nun ein Liederbuch erschienen, dem diese Anzeige gilt. Bon seinen 133 Seiten enthalten 83 allgemeine deutsche Lieder, die entweder von bekannten Dichtern herrühren oder Volks-, Jäger-, Soldatenlieder sind. Unter ihnen sind manche Perlen der Poesie, manche fragwürdige und ziemlich einfältige Gesänge, von denen dahingestellt sein mag, ob sie alle, namentlich für ganz junge Menschen, völlig geeignet sind. Alls 37 Seiten sind jüdische Volkslieder und spezielle für den jüdischen Bund gedichtete Gesänge enthalten. Ich habe meine Sympathie für die jüdischen Volkslieder mehrfach ausgesprochen, hege aber doch starke Zweifel, ob sie alle für deutsche jüdische Jünglinge und Mädchen besonders passend sind. Werden sich diese wirklich' etwas denken, oder werden sie es auch nur verstehen, wenn sie eine Strophe wie die folgende: Chazkele, Chuztele, schpil s' sche mir a dume, und ch'vz an' orime, abi a |mme! Orim is nit gut lomir fach nit schämen mit eigene Blut. gesungen haben? Aber im Grunde haben diese Volkslieder für unsere Zwecke nur geringe Bedeutung. Womit wir uns zu beschäftigen haben, sind nur die wenigen Lieder, streng genonunen 9 Seiten, die den Anfang der Sammlung ausmachen. Sie sind „Freiheitslieder" betitelt und sind selbstverständlich alle zionistischen Inhalts. Doch will ich keineswegs in Abrede stellen daß die Gedichte von Emil Cohn wirklich Poetisch sind. Einer Strophe wie dieser: Wir sind so jung, wir find so froh, nichts Froheres gibt's auf Erden; Wir wissen auch, wir werden so, zu echten Männern werden! Und sprechen wir für Judas Ruhm, voll Kraft in Jugendzeiten So werden wir im Mannestum noch zehnmal besser streiten.

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