Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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334 gegründet wurde. Die Gesellschaft kann mit Genugtuung aus ihre erste graste Edition zurückblicken. Der moralische und materielle Erfolg derselben wird die Gesellschaft wohl zu weiterer fruchtbringender Tätigkeit au spornen. hrirsten. L kizze von A »na Golds ch m i d t. Bic kamen oft zu mir herauf und fragten mich um Rat, schauten sich in meinem alteingerichteten Hausrat um, wie die Dinge ausschen und wo sie hängen und stürzten dann geschäftig wieder in ihre noch halb leeren kleinen Wohnungen, die beiden angehenden, jungen Ehemänner, Kurt Maggels- Hause n, der Assessor aus Heidelberg, und David Rapuchin aus Sosnovice, der kleine Kaufmann in Trikots und wollenen Unterhosen. Manchmal hatte ich von meiner Korridortür aus den Spaß, sie sich auf der Treppe begegnen zu sehen. Sie sahen sich gar nicht, natürlich nicht. Schon des Assessors hünenhafte Große zwang ihn, über den kleinen Juden, der da so katzenhaft geschwind an ihm vorbeihastete, hinwegzusehen. Seine blauen Augen suchten eine andere, sahen eine andere Welk. Desto mehr Vergnügen hatte ich davon, meine zwei Hausgenossen miteinander zu vergleichen. Man konnte sich nichts Verschiedeneres denken. Das einzig Gemeinsame ivar, daß sie in ivenigen Tagen, just zu demselben Termin, heirateten, daß sie das künftige Heim für den Empfang der jungen Hausfrau rüsteten, und daß sie dabei mit herrlichem Eifer und großer Wichtigkeit zu Werke gingen. Wenn ich die Fragen alle auszählcn wollte, die die beiden abwechselnd an mich, die erfahrene Hausfrau, stellten es war zum Totlachen. Aber mir wurde es nicht zu viel. Es ist zu schön, sich einmal so als Weisheitsspender zu fühlen und dann Ehen stjften, Ehen entstehen sehen — das ist ja die Leidenschaft aller verheirateten Frauen. Lebendige Romane, die man noch einmal mit erlebt, aber mit ruhigem Herzen, ohne die Qualen der Ungewißheit, wenn alles Eigne schon so hübsch geordnet hinter einem liegt. Verzeih, guter David Rapuchin, daß ich deine Ehe einen Roman nannte. O, du großer Gott, du ein Romanheld! Nein, lieber David, bu warst mir immer nur die lustige Figur, der Spaßvogel mit all deiner wichtigen Betriebsamkeit. Der Mittelpunkt meines Romans, der herrliche Held, das war Kurt Maggelshausen. Er konnte mich das Einfachste fragen, so, ob uran ein oder zwei Aufwaschschüsseln brauche, oder ähnliches — der Ton seiner Stimme hatte so etwas rührend Fürsorgliches, all seine selige Erwartung, all sein heißes Wünschen, es der Herrin seines Herzens nur ja behaglich zu machen, daß es ihr an nichts fehle, zitterte darin. Und seine Allgen! Seine blauen, strahlenden Augen! Er sprach nur Wirtschaftliches mit mir, kein Wort von der, der sein Herz entgegenjauchzte, aber seine Allgen leuchteten wahre Hymnen auf ihre Schönheit, in seiner Stimme bebten die zärtlichsten Liebeslieder. Und dann David Rapuchin! Er sprach auch nur Dinge, die die Einrichtung betrafen. Aber wie! Just, als sei ich der Kaufmann, der ihm gern das Doppelte ausschwatzen möchte, feilschte er söriillich mit mir um jedes, alich das kleinste und nötigste Stück. „Und dann, Herr Rapuchin, noch vier Strohdecken!" „Vier? warum nich drei?" Er antwortet immer mit einer Frage, lind was ich ihm auch riet, er versuchte es mit weniger. Er war das Abhandeln halt gewöhnt. Manchmal konnte ich den trockenen harten Geschäftston, die betriebsame Hast, mit der er alles, was ich sagte, in sein kleines Notizbuch kritzelte, dicht unter die Namen seiner Kunden in wollenem Unterzeug, nicht mehr ertragen. Mich packte mein innerer Teufel, und ich mußte etwas Persönliches fragen. „Herr Rapuchin, haben Sie Ihre Braut denn lieb?" Er sah mich an, scheinbar im Zweifel hinter'seiner gerunzelten Stirn, ob er mich als einen halb Verdrehten bedauern oder als müßigen Schwätzer, der ihm die kostbare Zeit raubte, verurteilen sollte. „Wie heißt: lieb?" sagte er, ungeduldig den Kopf hin und herwiegend. „Was ne Frage!" Die Antwort war gewiß nicht ermunternd, und doch konnte ich es mal nicht lassen. „Herr Rapuchin, ist Ihre Braut schön?" „Schön?" wiederholte er und sah mich, wie aufgeschreckt, in maßlosem Staunen an. „Hab ich se schon gesehn?" „Sie haben — haben — sie — noch nicht-?" Mir blieben Mund und Nase offen. Er wandte sich mit leisem Lachen von meinem Gesicht, das wohl drollig ausgesehen haben mag in seiner Versteinerung, lind sagte, wie um mich zll beruhigen: „Werd ich se nich in acht Tagen sehen? Zur Hochzeit?" Bis jetzt hatte ich mich über Dapid Rapuchin amüsiert: jetzt schnürte mir etwas die Kehle zu, das sich wie Haß und Abscheu anfühlte. Welch schauerlicher Tiefstand! Welch empörender Hohn auf die Heiligkeit der Ehe, auf das seelische und geistige Band, das zwei Menschen verbinden soll in ewiger intimster Gemeinsamkeit. Er wußte nur von ihr, daß sie die Tochter des Altkleiderhündlers Salomon Dzalovski aus Krotomischel sei, und daß sic ihin talisend Rubel mitbringe. Gingen allerdings hundert ab für Reb Aron Peißer, den Heiratsvermittler. Pfui, und das heiratet sich und wird sich voraussichtlich fovtpflanzen! Prost Mahlzeit zu der Ehe! Ich war heute für den Rapuchin nicht mehr zu sprechen, ich hatte einen direkten Ekel vor ihm, ich konnte ihn nicht mehr sehen. Da — wohin war der Ekel, dieses Gefühl, als habe ich etwas Unreines berührt? — Meine Wohnung war wieder rein und vornehm, hell und sonnig geworden, belichtet von dem Eintritt meines anderen Schützlings, dessen hohe Gestalt soeben in ihren Bereich getreten war. Und dabei schaute eine kleine Bestürzung durch all seine glückselige Verliebtheit, und als ich erfahren hatte, was meinem Helden geschehen, konnte ich die Bestürzung nur gerechtfertigt nennen. „Ich sitze blank, gnädigste Frau Gönnerin", sagte er in seiner gewinnenden liebenswürdigen Art, „total blank. Ich habe nichts mehr". Ich mußte lachen über das große Kind, das erst lustig darauf los gekauft hatte — nichts war ihm schön genug gewesen für seine Göttin — und erst merkte, daß es zu weit gegangen war, als aber auch kein Pfennig mehr im Portemonnaie war. Wir überlegten lange lind eingehend. Nicht ein bißchen stimmte die pekuniäre Oede uns zwei berauschte Schwärmer nieder. Ja, ja, zwei! Ich hatte mich völlig mit berauscht an diesem Liebesbund, so sehr, daß ich - das war noch nie Passiert - den Grießbrei für unser Jüngstes anbrennen ließ. O, Kurt Maggelshausen, was hast du aus mir gemacht! „Und sie hat auch nichts, gar nichts?" fragte ich, nachdem wir alle Rettungswege vergeblich in Gedanken abgesucht hatten. Ich erschrak sofort über meine Frage. Wenn sie ihn nun verletzt hatte? Ich sah ihn ein wenig scheu von der Seite an.. Aber nein, ein fast sieghaftes Lächeln verklärte sein schönes Gesicht. „Sie hat unendlich viel", antwortete er und breitete schwärmerisch beide Arme'aus. Ein fast neidvolles Entzücken durchbebte mich. So lieb hat mich mein Hans doch nicht, dachte ich traurig, und laut sagte ich: „Das glauE ich schon. Aber mit alledem kann man kein» Einrichtung kaufen".