Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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auf eine gewisse Höhe gebracht werden. Dr. Kazenelson schrieb selbst mehrere größere Abhandlungen (Interpretation des Talmuds, Bet- Hillel und Bet-Schammai, Anatomie und Talmud usw.) und regte jüngere Kräfte zur Mitarbeit an. So gewann er unter auderetn juristisch vorgebildete Mitarbeiter für das Gebiet der talnmdischeu Jurisprudenz, der namentlich in den letzten Bänden der Enzyklopädie viel Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Die Artikel: Jüdisches Recht (dos biblische Recht und die Beziehungen des Hanunurabikodex zu demselben behandelte Privatdozent Dr. M. Schorr aus Lemberg), Familienrecht, Strafe, Zivilprozeß u. a. m. gehören mit zu den bestcn der Enzyklopädie. Sie stammen zumeist aus der Feder F. Dicksteins (St. Petersburg). Was das gaonäische Zeitalter und die Lage der Juden in der Zeit der Glanzherrschaft des Islams betrifft, so brachte die russische Enzyklopädie neben Uebersetzungen aus der Jewish Eucyclopedia eine Anzahl gediegener Arbeiten des Altmeisters jüdischer Wissenschaft, A. Harkavhs, der eine Zeitlang Chefredakteur der Enzyklopädie war, und S. Poznauskis. Bon Band I bis VIII leiteten diese Abteilung Baron Dawid von Günzbnrg, der viele Verdienste um das Znstandekvunnen der Enzyklopädie sich erworben hat und bis kurz vor seinem im Herbst 19JO erfolgten Tode einer ihrer Chefredakteure war, und H. von Henckel, einer der wenigen Christen Rußlands, die warmes Interesse für jüdische Fragen hegen littb auf jüdisch-loissenschaftlichem Gebiete sich eifriger betätigen. Die Geschichte der Inden in Europa bis zunl Beginn des 19. Jahrhunderts wurde rechteingehend behandelt. Der Redakteur dieser Abteilung (seit dem zweiten Baude der Verfasser dieser Zeilen) suchte im Interesse einer möglichst reichhaltigen Gestaltung derselben zunächst große Gesamtübersichten über die Geschichte der Inden in Polen, Italien, Spanien, Deutschland usw. zu bieten, sodann Territorien, .Grönländer mti> Provinzen einzeln zu beleuchten (Bayern, Baden, Hannover usw., Böhmen, Mähren, Galizien usw., Großpolen, Kleinpolen, Littanen nsw.) und zuletzt die historische Entwicklung ttttb die gegenwärtigen Zustände in den großen jüdischen Gemeinden zu schildern (Wilna, Krakau, Wien, Prag, Frankfurt a. M. u. v. nt.). Eine besondere Erörterung erheischten Fraget: der inneren Organisation der Inden, ihrer Sicken und Bräuche, ihrer professionellen Tätigkeit und der Beziehungen zttr ttlchtjübischen Anßewvelt. Demgemäß wurden die Organisationssormeu der jüdischen Gemeinden und der eigentümlichen Gemeindeverbände, die in Spanien, Siziliert, Mähren, in vielen detttschen Territorien, und namentlich in Polen und Littanen aungebildet waren, genau beschrieben. Recht ausführlich sind die Artikel Ackerbau, Handel, Handwerk ttnb Pacht gehalten. Die Leitung der Enzyklopädie beschränkte sich tticht bloß auf die Schilderung europäischer Verhältnisse, sondern zog auch in den Bereich der Betrachtung die tvirtschaftliche Betätigung der Inden in älteren Epochen, namentlich in Palästina und Babylonien, hinein, lieber das lehrreiche Gebiet der Stenern, die von den Juden in den verschiedensten Ländern tätige nicht entsprechend der staatlichen Fürsorge für sie erhoben tvvrden sind, unterrichtet eine besondere Artikelserie. Unter den Mitarbeitern der fünften Abteilung wollen wir attßer S. Dubnow, I. Schipper, A. Gnrland, E. Tüübler und dem Schreiber dieser Zeilen besonders M. Balaban (Lemberg) und Umberto Cnssttto (Florenz) nennen, die zahlreiche Beiträge über Polen und Italien lieferten. In engem Kontakt mit der fünften Abteilung stand die nächstfolgende, in der es sich zum Teil um eine chronologische Fortsetzung bereits angeschnittener historischer Fragen handelte, zum Teil aber um Probleme, die im 19. Jahrhundert neu anfgewickelt wurden. S. Lvzinski, der Redakteur dieser Abteilung, verwendete besondere Sorgfalt auf die Schilderung der Kämpfe um die politische Emanzipation, die das westeuropäische Judentum über ein halbes Jahrhundert in Atem erhielten, die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus und zuletzt ans die nationalen Betvegungeu im Judentutn, die ja zu gutem Teil utlter der Einwirkung der Jtlderchetze entstanden waren. Mehr wie in früheren Epochen war es im 19. Jahrhundert der Einzelpersönlichkeit geboten, ihre Kräfte voll und frei zu entfalten. Das Judentum hat da Kämpfer für jüdische und allgemeinmenschliche Güter hervorgebracht — in einer Fülle und Mannigfaltigkeit, uite nie zuvor. Rießer, Lasker und Bamberger, Marx und Lassalle, Moses Heß und Theodor Herzl, sie und noch viele andere sind in der Enzyklopädie mit mehr oder minder ausführlichen Biographien bedacht. Die Leitung der Enzyklopädie befleißigte sich möglichster Objektivität in der Behandlung aktueller Fragen. Sie war bestrebt, allen Strömungen im Judentttm gerecht zu werden, keine Richtung und keme Partei zu kurz kommen zu lassen. Dieses galt nicht nur dem westeuropäischen und attterikanischen Jndeuttnn, sondern auch ttnd vielleicht in noch höherem Maße - den Problemen des jüdischrttsstschen Lebens. Rationale und soziale Bewegungen, der Zionismus und der Buttd, mit die wichtigsten gleich zu nennen, wurden mir gleicher Objektivität behandelt. Auch brachte die Leitung verständnisvolles Interesse den Kreisen entgegen, die auf der Plattform der Kadettenpartei stehend einen schweren und unter den obwaltenden Verhältnissen fast aussichtslosen Kampf um die politische Befreiung der russischen Inden führet!. Der Redakteur der achten Abteilung, Julius Hessen, legte außerdem besonderes Gewicht ans die Darstellung des Rechtslebens, richtiger der R'echtsbeschrättknngen, der rttssischeu Inden von den Lagen Katharinas II. an. Hierbei kam zugute, daß I. Hessen seit Jahren in Petersburger Regiernngsarchiven arbeitet und für seine zahlreichen Aufsätze in der Enzyklopädie interessantes handschriftliches Material verwerten konnte. Das Zeichnet eben die russisch-jüdische Enzyklopädie ans, daß ein guter Teil ihrer Artikel ans Archivalien und aus zwar ediertetn, aber bislang nicht bearbeitetem Quellenmaterial (das gilt auch für Polen und für viele Perioden der jüdischen Geschichte, in westeuropäischen Ländern) beruht. Der bemerkenswerte Aufschwung der neuhebräischeu und - - in jüngster Zeit -- der sogenannten jüdisch-deutschen (Jargon) Literatur fand in der Enzyklopädie volle Würdigung, tvas dent Redakteur der siebenten Abteilung, S. Zinberg, zu verdanken ist. Er verstand es in der Behandlung des Stoffes das rein Literarische mH kulturellen "nd sozialen Strömungen zu verknüpfen. So gestalteten sich die Artikel Mpscs Mendelssohn, Haskala, wie die jüdische Anftlärungslw wegung im Osten heißt, Assimilation, Elijah-Gaon, I. B. Levinson ttnd anderes mehr zu kleinen netten Monographien über neuzeitliche jüdische Kulturverhältuisse, namentlich im Osten. Wenn wir zum Schluß noch ans die religionsphilosophischen, kabbalistischen und rav binistischm Artikel hiltweisen, die zum Teil aus der Jewish Eneyclvpedia übersetzt wurden, zum Teil ans der Feder S. Bernfelds, A. Gnclnnds, A. Drabkius und I. Berlins stammen, so haben wir itt all ge meinen Umrissen den Inhalt ttnd Charakter der Enzyklopädie ge zeichnet. Wie in den meisten Sammelwerken ftnb auch hier nicht alle Aufsätze gleichwertig. Reben guten und durchaus selbständigen Arbeiten sind auch schlechte und oberflächliche mit unterlaufen. Aber das will, wenn man das Werk als Ganzes betrachtet, nicht viel besagen. Seine Aufgabe, jüdisches Wissen in die weitesten Kreise der russischen Inden zu tragen, hat es im ganzen und großen erfüllt. In Rußland ist die Enzyklopädie die erste umfassende Leistung auf dein Gebiete der jüdischen Wissenschaft, Rotabene in russischer Sprache. Bei dein Mangel einer so reichen Literatur, wie sie in Deutschland dank Znnz, Frankel, Geiger, Grütz, Güdemann und änderet! geschaffen wurde, ist ein größeres Nachschlagewerk, das, lveun auch in gedrängter Form, über die einschlägigen Fragen unterrichtet, nicht hoch gen-ug auznschlagen. Für das Bedürfnis nach einem solchen Werke spricht seine starke Verbreitung. Die Enzyklopädie wurde in einer Auflage von «SOOO Exemplaren auf gewöhnlichem Papier ttnd 2000 Exemplaren ans Velin-Papier gedruckt. Von der letzteren Auflage, die 100 Rubel das Exemplar kostet, sind zum 1. Januar 1913 Band I bis VI in je über 1000 Exemplaren abgesetzt worden; die Absatzzisfern der weiteren Bände erreichen beinahe das Tausend. Viel stärker war der Absatz der Auflage auf gewöhnlichem Papier, die auch billiger ist (70 Rubel das Exemplar). Die Auflage der ersten fünf Bände war vor einem Jahre bereits erschöpft, so das; diese Stereotypausgabe von 5000 Exemplaren nötig wurde, von der der erste Band im Januar 1913 mit 2500 Exemplaren abgesetzt war. Hiermit hat der erste Band der Enzyklopädie eine Verbreitung von 10 500 Exemplaren (aus gewöhnlichem Papier) gefunden. Die übrigen Bünde dürften es allmählich aus die gleiche Ziffer bringen. Schon wird der sechste Band stereotypiert. Zu Beginn des vergangenen Jahres sind im ganzen 115 000 Bände verkauft worden. Die Verlagsfirma Brockhans-Efron tat das möglichste zur raschen Förderung des Werkes, das mit Karten und Illustrationen ausgestattet ist. Der Chef der Firma I. A. Esron nahm lebhaften Anteil am Gauge der Arbeit und interessierte sich für die kleinsten Details derselben. Mitherausgeber der Enzyklopädie ist die „Gesellschaft zur Edition jüdisch-wissenschaftlicher Werke", die dank der Initiative des obengenannten Julius Hessen und des Rechtsanwalts I. Scheftel -a*