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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-10 · Heft 28 (10.7.1914) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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- 332 - und sprechend wirkte er wie ein ängstlicher Vogel, der in seinem Käfig vergebens nach einem Zweig sucht, um sich zu verbergen. Zwischen den Herren entstand ein erstickend formelles Gespräch. Mich hatte man in ein Ecksofa genötigt, während die anderen inmitten der Stube saßen. Wir blickten einander verstohlen au, endlich verlor ich meine mühsam erkämpfte Geduld und fing an zu erzählen, wie in Dänemark die Jugend heranwüchst, ohne vom Antisemitismus etwas zu wissen, und wie sich diese löbliche Unkenntnis für den Frieden der Bürger segensreich bewährt. Während ich sprach, ging eine Verwandlung in ihm vor, und er lauschte, als hörte er eine süße, ferne Musik, die sich näherte. Tie anderen waren vergessen, er lauschte und fragte. Alles mußte ich ihm erzählen, was ich von Polnischen und russischen Juden in Amerika weißte, von ihren: beiden und ihrem Glück, ihren Kindern und ihren Sitten. Die feine Röte kam und ging auf seinen Wangen. Als ich schwieg. riß er sieh mit einem Ruck zusammen und setzte das Gespräch mit den Herren fort, in dem beide Teile sieh in ansgewählten Artigkeiten überboten. Auf dem Heimwege äußerte ich mein Erstaunen: Wie kann dieser taktvolle, keuschängstliche und wohlbegabte Mann als der Meister der Wunder allstreten .- in unserer skeptischen Zeit? Dann erklärte man mir die Wahrheit: Niemand wußte wohl, welche Bervandtnis es mit den: ersten Wunderrabbi und seinen: Sohne hatte, ob sie sich selbst im Besitze übernatürlicher Kräfte glaubten, denn nichts deutete darauf hin. Wahrscheinlich war der erste Wunderrabbi von einer solchen erhabenen u::d schlauen Intelligenz, daß die Bauern aus der Umgebung ihn aufsuchten, weil er eben klüger war als „Moses und die Propheten", ittcm bat ihn um Rat in wirtschaftlicher Rot, fragte ihn in bezug auf Eheschließungen und Krankheiten, und sein Rat erwies sich als gut ::nd klug. Der Glaube an seine salomonische Urteilsfähigkeit verbreitete sich über die Grenzen voll Rußlnud, Polen und Ungarn. Der Wunderrabbi wurde eine Tatsache. Mit der Zeit bildete er seine Menschenkenntnis ::nd gestaltete seine weitverzweigten persönlichen Verbindungen noch mehr aus und wurde so für seine unterdrückten Glaubensgenossen wirklich beinahe allwissend. Er kamlte nicht nur die Charaktere der einzelnen Familien, sondern: es entging rhu: auch nicht, wie Laster und Tugend sich vererbten, durch Heirat in andere Familien übertragen wurden. Es versteht sich vor: selbst, daß seine Macht und Autorität ausschließlich auf dem Aberglauben beruhten, den die dunkelreligiösen, unaufgeklärten und ewig unterdrückten Menschen ihm entgegenbrachten. Und als nun die wundertätige Kraft, das heißt: die Intelligenz und Menschenkenntnis, infolge Tradition in gerader Linie vererbt wurde, war es einleuchtend, daß der Wunderrabbi seinen Sohn -- oder Söhne - - dazu erzog, die Erbschaft nach seinem Tode anzutreten. Es wurde so wenig gefragt, als ein Thronerbe gesragt wird, ob er die Last des Herrschens aus sich nehmen will. Wieder sausten wir durch Geruch von Knoblauch und ungegerbtel: Fellen, während der Ruf: „Satan", „Satan" von halbnackten Bälgen hinter uns her klang, weg von Sadagora, über den Pruthfluß zurück ins abendstille Ezernowitz. Die Milche Ln?yklopsdie in russischer Sprache. Von Dr. M. Wischnitzer (zurzeit Freiburg i. Br.), ürzlich sind Bond 15 und 10 der „Jüdischen Enzyklopädie"') erschienen cn:d damit ist nach sechsjähriger Tätigkeit ein breit angelegtes Sammelwerk zun: Abschluß gelangt, das auch außerhalb Rußlands genannt zu werden verdient. Ist doch hiermit in Europa der erste Versuch unternonnnen worden, ein größeres Nachschlageh Petersburg 1007 bis 1010. 16 Bände. Jeder Band ist 30 Bogen stark. (Aus der „Franks. Ztg.".) werk über die mannigfaltigsten Fragen Juden und Judentum betreffend, wie sie im Laufe der Jahrtausende aufgerollt wurden und noch heute auf der Tagesordnung stehen, zu bieten. Merkwürdig bleibt die Tatsache, daß die Enzyklopädie in Rußland erschienen ist, wo das jüdische Volk politisch tief geknechtet ist und wo seine Daseinsbedingungen von Tag zu Tag schlechter werden. Ein Beweis mehr für die Ausdauer und Zähigkeit der jüdischen Nation, die in Momenten äußerer Schwäche nicht verzagt, nicht nachgibt, sondern innerlich durch geistiges Schaffen, durch nationale Selbsterziehung sich kräftigt. Vergegenwärtigen wir uns kurz die Entstehungsgeschichte der Enzyklopädie. Es war nach den stürmischen Revolutionsjahren, nach dem kurzen Traume politischer Freiheit, aus dem das schwergeprüfte jüdische Volk durch blutige Pogrome jäh aufgeweckt wurde. Die Honigmonate der ersten Duma waren gar bald verflogen. Die Aussichten für die nächste Zukunft begannen sich zu trüben. Enttäuschung bemächtigte sich zunächst einzelner, dann auch weiter Kreise. Ob es nicht angezeigt wäre, anstatt alle Aufmerksamkeit der Politik zu widmen, doch airch kulturelle Aufgaben zu verfolgen. Dieser Gedanke, der anfangs schüchtern auftrat, gewann allmählich immer mehr Adepten und brachte unter anderem ans die Idee der Schaffung eines enzyklopädischen Werkes. Daß die Enzyklopädie in einer Zeit politischen Druckes in Angriff genommen wurde, war in: wesentlichen maßgebend für ihren Grundcharakter und unterscheidet sie einigermaßen von der englisch-amerikanischen ^Vorgängerin. Während in der Jewish-Encyclopedia theologische und archäologische Frager: eine eingehendere Würdigung fanden, die neuere Geschichte der Juden und aktuelle Fragen im jüdischen Leben dagegen recht kurz und farblos geschildert wurden, waren es letztere Gebiete, denen in der Enzyklopädie in russischer Sprache besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Hierin liegt auch die politisch-praktische Bedeutung der russischen Enzyklopädie. Die ereignisreichen Wandlungen der jüngsten Vergangenheit im Leben der Inden, namentlich der osteuropäischen, fanden in ihr einen starken Anklang. Der Stoff der Enzyklopädie wurde von Anfang au in neun Abteilungen gegliedert, und zlvar in 1. die biblische Periode, 2. das jüdisch-hellenistische Zeitalter, 3. die talumdische Epoche, 4. das gavnäische Zeitalter und die Schicksale der Inden in der Zeit der Glanz- Herrschaft des Islams, 5. die Geschichte der Juden in Europa bis zun: Beginn des 10. Jahrhunderts, G. das 19. Jahrhundert und die gegenwärtige Lage der Juden (nüt Ausnahme Rußlands), 7. die neuhebräische und die sogenannte jüdisch-deutsche (Jargon) Literatur. 3. die Inden in Rußland von 1772 bis auf die Gegenwart und 9. die rabbinische Literatur. Im Laufe der Arbeit ergaben sich einige Berschiebungen des Stoffes. So wurden die Artikel über die Geschichte der Inden in Frankreich, England, Rumänien und Ungarn der sechsten Abteilung und die Gebiete der Neligionsphilosvphie der Kabbala und des Chasidismns der neunte:: Abteilung zugewiesen. In der Behandlung der Bibel und des biblischen Zeitalters mußte sich die Redaktion, den religiösen Strömungen in: Gros des damaligen Judentums Rechnung tragend, so gut wie ganz des bibelkritischen Verfahrens enthalten. Die bibelkritischen Ansichten wurden streng referierend vorgebracht. Es sollte der mindeste Anschein vermieden werden, als wäre die Redaktion mit diesen Ansichten einverstanden. Diese Hypervorsicht ist von mancher Seite, vielleicht nicht mit Unrecht gerügt worden. Die Artikel über das jüdisch-hellenistische Zeitalter waren zum großen Teil aus der Jewish Encyclopedia übersetzt worden. Eine Zeitlang wurde diese Abteilung vom bekannten klassischen Philologen der St. Petersburger Universität Pros. Th. Zielinski redigiert, der unter anderen: für die Enzyklopädie einen hübschen Artikel über den Aristeasbrief schrieb. Wir wollen auch gleich hinzufügen, daß zu dem aus der Jewish Encyclopedia herübergenommenen Artikel über die Juden in Alexandrien Professor Rostvuzen eine Reihe höchst interessanter Ergänzungen gemacht hat. Von den jüdischen Mitarbeitern der zweiten Abteilung seien S. Bernfeld und I. Klausner genannt, die auch eine Anzahl größerer Beiträge zur biblischen Periode lieferten. Die Redaktion der talmudischen Abteilung lag in den Händen Dr. L. Kazenelsvns, eines der Chefredakteure der Enzyklopädie, der viel Eifer für eine weitgehende Behandlung aller den Talnnrd betreffenden Fragen bekundete. Ist dochdie Kenntnis dieses kolossaler: Denkmals jüdischer Geistesarbeit in Rußland stark verbreitet! Dementsprechend umßte die Beleuchtung des Talmuds in der Enzyklopädie

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