Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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331 Segen stiften^)." In diesem Buche legt Bertha von Suttner ihre Anschauungen einem Prinzen Roland in den Mund, der es sich zur. Lebensaufgabe gemacht hat, den Leiden und Qualen, unter denen die Menschen seufzen, e t n H a l t zuzurufen und der Mens chch eit den We g z u e b n e n z u F r e u d e, F r e i h e i t u n d Fr i e d en. Er möchte allen Menschen die Augen darüber öffnen, wie furchtbar es ist, wenn sie einander quälen und weh tun, anstatt sich gegenseitig zu erfreuen, zu fördern und zu stützen. Auch der Antisemitismus ist solch eine Qual, „eine bodenlos unsinnige, dabei moralisch grausam schmerzende Menschenquälereih." Und nun schildert die Verfasserin, wie sich Prinz Roland ins österreichische Parlament wählen läßt, um mit einem Gregory, einem Lueger, einem Schneider und Konsorten abzurechnen. Sie versetzt uns in eine Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom Februar 1895, in der über die Besetzung einer Jrrenarztstelle verhandelt wird, bei welcher Gelegenheit die antisemitischen Abgeordneten in gemeinster Weise über die Juden im allgemeinen und die jüdischen Aerzte im besondern herfallen. „Wenn ein Jude", meint der famose Schneider, „einen Juden als Arzt haben will, so kann er sich meinetwegen von ihm vergiften lassen; je schneller, desto besser; aber Christen sollen sich von christlichen Aerzten behandeln lassenZ". Nachdem die Antisemiten ihr Gift im Parlament verspritzt haben, erhält Prinz Roland das Wort. Er bedauert es schmerzlich, daß in einem Ha Ilse, wo das Gemeinwohl der Bevölkerung gefördert werden soll, Schmähungen und Beschimpfungen rohester Art gegen einen Teil der Landesbevölkerung ungestraft ausgesprochen werden dürfen. „Die Immunität der Abgeordneten ist eine schöne Sache; aber nur vor dem Eingreifen des Staatsanwalts sollten Ausführungen des Volksvertreters geborgen sein, nicht vor dem ungeschriebenen Gesetz der Gesittung")." Er begreift es nicht, daß die anderen Abgeordneten, Christen und Juden, nicht stammenden Protest gegen die „Hemdärmel-Allüren" der antisemitischen Hetzer erheben. Hat eine Bestrebung, die lediglich dem Kampfe gegen eine Bevölkerungsschicht dient, überhaupt das Recht, sich „Partei" zu nennend „Nlln denn, wenn das Antigefühl nämlich eine auf persönlicher Abneigung beruhende, jede Billigkeit von vornherein ablehnende Gesinnung zu Verfolguugs- und Ausrottungsmaßregeln berechtigen soll; wenn es als parlamentarisch und legislativ statthaft erscheint, ein solches Gefühl und eine solche Gesinnung zur Parteilosung irnd zur Direktive der politischen Aktion zu machen, dann könnte sich ja gleich die ganze Volksvertretung in lauter Antiparteien spalten - Antigutsbesitzer, Antikatholiken, Antislawen, Antideutsche, Antiwarum nicht? Antirothaarige auch gegen diese Gattung hat man mitunter eine Art Idiosynkrasie; und wenn sich nun alle diese Fraktionen als Parteiverbünde organisierten und jede von ihnen die von den Antisemiten gebrauchte Methode anwendeten, d. h. in allen Tonarten die Objekte ihres speziellen Antieifers der Aechtung und Ausrottung zu überliefern — das ergäbe dann einen gegenseitigen Vernichtungskrieg — eine Entvölkerung des Landes mittels allgemeiner Ausweisung — kurz, einen allerliebsten Erfolg des parlamentarisch-konstitutionellen Regimes7)/ So unterzieht Prinz Roland den Antisemitismus einer vernichtenden Kritik, der schließlich der Präsident durch Entziehung des Wortes ein vorzeitiges Ende bereitet. Der A n t i s e m i t i s m n s hat in Be r t h a von S u t t n e r s Ge m ü t e i n e n ä st h e t i s ch e n u n d ui o r a - lischen Widerwillen ausgelöst. „Was unästhetisch und unethisch ist, was moralisch verletzt und ekelt, was weh tut 3) Siehe „Der Zeitgeist", Beiblatt zum „Berliner Tageblatt", Nurnmer 23 vom 9. Juni 1913. 4) Schach der Qual, S. 107. 5) Daselbst, S. 111. 6) Daselbst, S. 115. 7) Daselbst, S. 113 f. und weh tun will, das ist sicher verwerflich und verderbendrohend. Der hat erst die Wahrheit und das Heil für sich mag er auch immerhin den Erfolg haben —, der für feine Zwecke, statt an die hohen, an die niederen Instinkte de') Menschen appellieren muß, der, statt klare Erkenntnisse, gerades Mitgefühl, helle Begeisterung, milde Liebe zu erwecken, sich bemüht, den Aberglauben, der Lust an Vergewaltigung und Verfolgung zu frönen, den Neid auszustacheln und den Haß3)." S o h a b e n u> iral tz M e n s ch e n und als I u d e n a l l e Veranlassung, das Andenken Bertha von S il t t n e r s h v ch z u h a l t e n a l s einer leidenschaftlich e n K ä m p f e r i n gegen alles H ä ß l i ch e u n d N i e d r i g e, als einer kühner! S t r e i t e r i n für den g e i st i g e n und s i t t l i ch e n Fortschritt der Menschheit. . wie auf stofflichem Gebiete man alles zu überwinden trachtet, was — ungebändigt —- unsere Sicherheit, unsere Wohlfahrt, unser Leben bedroht: Gift, Flut, Blitz, Feuer —so werde auch auf moralischem Felde überwunden, was Kränkung, Unterdrückung und Qualen nach sich zieht. Schach — und imnuner wieder — Schach der Qua?)!" Lin Leluch dri dem Wundrrrabbi von Sadagora. Von Karin Michaelis. (Aus dem Berl. Tagebl.) n Sadagora spürten wir den Duft der weißen Veilchen \ nicht mehr. Ganz Sadagora ist eigentlich ein Ghettodorf, wimmelnd von halbnackten, schwarzhaarigenKindern (die hinter uns her „Schwein" und „Satan" riesen) und alten Kaftanjuden mit tränenden Augen und Rituallöckchen am Ohr. Der Dung liegt in malerischen Haufen. Es ist ein förmliches Gedränge von fahrenden und gehenden Russen, Rumänen, Bulgaren, alle beseelt von demselben Glauben. Der große offene Platz vor der Wohnung des Rabbiners scheint eine förmliche Wagenburg. Die meisten Fahrzeuge sind bis an die Achse voll von Straßenkot. Vor der Tür hat die geduldig wartende andachtsvolle Schar Aufstellung genommen. Sie flüstern nur, aber gestikulieren so eifrig, daß die langen Bärte flattern. In ihrer sonderbaren Kleidung sahen sie aus, als kämen sie gerade von dem vierzigjährigen Zug durch die Wüste und schauten zum erstenmal in das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließt. Der uralte, echte „Wunderrabbi" ist längst gestorben, und sein Sohn und Enkel auch. Aber die Wundertätigkeit vererbt sich in seinem Geschlecht. Und Juden von nah und fern schauen zu dem jeweiligen Wunderrabbi empor als ö-ern mächtigen und allweisen Zauberer, dem alle Gewalten untertan sind. Seine Frauen halten Hof, seine Töchter tragen goldene Schuhe. Man fährt Tage und Wochen von ganz Galizien, von Klein-Rußland und Ungarn, um dem Rabbi sein Unglück vorzutragen und bei ihm Trost und Hilfe zu finden. Der Diener, ein orientalischer Fürstentypus mit durchdringenden, leuchtenden Augen, führte uns über die Schwelle. Eigentlich darf der Rabbi nicht „seinen Blick auf fremde Frauen werfen", ja, er darf nicht einmal in demselben Zimmer mit ihnen verweilen. Man hatte hier eine Ausnahme erwirkt, nur durfte ich ihm nicht meine Hand reichen. Und dort stand der Wunderrabbi: ein kaum dreißigjähriger, rotblonder Mann mit zarter, milchweißer Haut und bangen Augen. Seine starre, würdige Haltung bildete einen merkwürdigen Gegensatz zu seiner hilflosen, rührenden Verlegenheit. Es war, als ob in seinem Innern etwas Zuckendes bebte und flehte: Laß mich doch in Ruhe. Schweigend 8) Daselbst, S. 118. 9) Daselbst, S. 63.