Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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330 erzählt in diesem, schlicht und anmutig geschriebenen Kapitel: „Ich reiste (Sommer 1859) von Frankreich nach Römerbad Tnffer in Steiermark, wo damals meine Familie in Sommerfrische weilte, und kehrte dann mit ihnen nach Wien zurück. In Römerbad hatten meine Eltern und Geschwister die Bekanntschaft des alten Grillparzer gemacht, der in den nun folgenden Jahren oft unser Haus besuchte. Der bedeutendste österreichische Dichter war nicht nur durch Geist ausgezeichnet, sondern besaß auch den kräftigen Verstand, der Leider nicht immer als Begleiter jener Anlagen, die man als Geist bezeichnet, auftritt, ihnen aber erst den vollen Wert verleiht ... Er kam trotz des so beträchtlichen Altersunterschiedes mir mit großem Wohlgefallen entgegen, lud mich ein, ihn zu besuchen, und beglückwünschte mich zu meinen naturwissenschaftlichen Studien, die ihm ein dankbareres Feld der Tätigkeit schienen als (wie er sich ausdrückte) die Arbeit fürs Theater." Adolf Lieben folgte — nach den Aufzeichnungen seiner Schwester Helene — dieser Einladung des Dichters, besuchte ihn mehrmals, und Grillparzer gab in eingehenden Gesprächen über religiöse, philosophische und naturwissenschaftliche Fragen stets vorurteilslose Ansichten kund. „Er interessierte sich auch lebhaft für Adolfs Laufbahn und verwendete sich ganz unaufgefordert für ihn beim Minister Thun, den er persönlich kannte, und zeigte sich überhaupt wahrhaft freundlich!" . . . „Ich mußte mir sagen" — so schreibt Lieben - „daß unter der Herrschaft des Konkordats die Erreichung einer Professur in Oesterreich für mich als Jude ziemlich aussichtslos war. So ging ach im März 1863 über Turin und Genua nach Palermo. Erst viel später erfuhr ich, daß in jener Zeit der alte Grillparzer mit rührender Güte, fast möchte man sagen Naivität, sich bemüht hatte, mich in Oesterreich zurückzuhalten. Er stützte sich dabei nicht nur auf seinen persönlichen Eindruck, sondern auch auf empfehlende fachmännische Zeugnisse von Bunsen und von Wurtz, die ihm einmal zu Gesicht gekommen waren. Jedenfalls hatte sein Einschreiten, wie sich ja voraussehen ließ, gar keinen Erfolg, als höchstens den einen, mir an dem alten Manne, der von der Welt abgeschlossen lebte und als verbittert galt, des „Dichters Sonnengemüt" so recht zu zeigen." Trotz der Bemühung eines Grillparzer, trotz der Empfehlungen eines Bunsen und eines Wurtz mußte Lieben seine Heimat verlassen, weil er — Jude war! Erst in vorgeschrittenem Alter gründete Adolf Lieben sich ein eigenes Heim durch seine Ehe mit Baroneß Mathilde v. Schey, wodurch er in nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu Josef Unger trat. Seine Gemahlin, eine wahrhaft hochsinnige, überaus feingebildete Dame, machte ihr Haus zu einem Mittelpunkte der vornehmsten Wiener Geselligkeit. Es gab in Wien wenige Häuser, in denen namentlich die Welt der Gelehrten sich so behaglich fühlte, wie in dem Hause Adolf Liebens. Nach dem Ableben des Theodor Gumperz und Josef Ungers war es insbesondere das Liebensche Haus, wo sich die Spitzen der Wissenschaft, daneben auch Politiker, Künstler, Schriftsteller und hervorragende Kanfleute zusammenfanden. Zu den intimen Freunden der Familie des Gelehrten gehörten: Ferdinand v. Saar, Eduard Sueß, der gewesene Ministerpräsident Ernst v/Koerber, Graf Beck, Statthalter v. Korytowsky, der frühere Minister, Geheime Rat Böhm v. Bawerk, der Bildhauer Kundmann, der Porträtmaler Horowitz, der ein vielbewundertes Bildnis der Hausfrau geschaffen, viele Mitglieder der Akademie der Wissenschaften und des Lehrkörpers der Universität, sowie viele Mitglieder des Herrenhauses und des Reichsrates. Adolf Lieben, der viele Jahre an der Prager deutschen Universität segensreich gewirkt, kannte das leidensvolle Ringen der Deutschen in Böhmen zur Genüge aus persönlicher Erfahrung. Im Herrenhause, dessen liberaler Partei er gleichzeitig mit seinen beiden Schwägern Josef Unger und Baron v. Schey angehörte, vertrat er allzeit die Interessen des Deutschtums in Böhmen mit besonderem Eifer und großem Geschick. Sein Heimgang bedeutet auch für das Deutschtum in Böhmen einen empfindlichen Verlust. Das gesamte geistige Wien beklagt den Tod dieses hervorragenden Gelehrten, aber auch das Judentum hat Grund, seinen Verlust zu beklagen, denn von Adolf Lieben kann man mit berechtigtem Stolze sagen: er war u n f er. Z w i t t a u (Mähren). Dr. Felix Kanter. Lum Tode iBrrtija o. Suttners. Von Rabbiner Dr. Norben in Elberfeld. inst am Ende der Tage .... werden die Völker ihre Schwerter zu Sicheln umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Nicht mehr wird ein Volk gegen das andere das Schwert erheben, und den Krieg werden sie nicht mehr erlernen." Jedesmal, wenn in den höheren Knaben- und Mädchenschulen diese wunderbare Bibelstelle aus den Propheten Jesaja und Micha gelesen wird, richte ich an die Schüler und Schülerinnen die Frage: „Sind wir seit jenen uralten Tagen, die unsere jüdischen Propheten die einstige Völkerverbrüderung verheißen haben, in der Friedensbewegung vorwärts gekommen?" Und die Antwort lautet: Bis vor kurzem hat man in den Verkündern des Weltfriedens weltfremde Träumer erblickt. Erst die neue Zeit hat begonnen, sich mit dem Problem des Völkerfriedens eingehender zu befassen. In erster Reihe ist da Kant zu nennen, der in seiner im Jahre 1795 erschienenen Schrift: „Zum ewigen Frieden" die Frage mit der ihm eigenen Gründlichkeit erörtert. Zwar bezeichnet erden ewigen Frieden als eine unausführbare Idee. Eins aber hält er für möglich, die fortwährende Annäherung an den ewigen Frieden. Für Kant ist die sittliche Bestimmung der Menschheit der Rechtszustand, der Friede. Und Zeller bezeichnet Kants Glauben an das Ideal, der ihn auch im höchsten Alter nicht verlassen hat, mit Recht als einen der schönsten und größten Züge in seinem Charakters. Allein Kant ist nichts weniger als ein volkstümlicher Schriftsteller gewesen. Seine Darlegungen waren deshalb nicht geeignet, in weite Volksschichten zu dringen. Den prophetischen Gedanken des allgemeinen Völkerfriedens ausgegriffen und im besten Sinne des Wortes volkstümlich gemacht, die Gewissen der Menschen und der Völker mächtig aufgerüttelt zu haben, das ist das unbestreitbare Verdienst Bertha von Suttners, deren Name durch ihren erschütternden Roman „Die Waffen nieder!" für alle Zeiten mit dem sittlichen und kulturellen Fortschritt der Menschheit unauflöslich verknüpft bleiben wird. Durch das ungeheure Aufsehen, das dieses Buch in der ganzen Kulturwelt erregt, und durch den mächtigen Einfluß, den es auf die moderne Friedensbewegung ausgeübt, hat es die übrigen Werke der edlen Verfasserin mehr oder weniger in den Schatten gestellt. Aus eins derselben möchte ich an dieser Stelle besonders Hinweisen, weil es sich u. a. mit dem Antisemitismus befaßt, auf das Buch: „S ch a ch der Qual")". In dem Gedenkblatt, das Leopold Kätscher vor Jahresfrist der Verfasserin zu ihrem siebzigsten Geburtstag im „Zeitgeist" gewidmet hat, nennt er „Schach der Qual" „eine geistige Großtat", ein wahres Hohelied der Mitleidsethik". „Fände das hinreißende Buch", so führte er ans, „Hunderttausende von Lesern und Beherzigern, so müßte es ungeheuren h Eduard Zeller: „Geschichte der deutschen Philosophie seit Leibniz." München 1873. S. 488 ff. 2) Bertha von Suttner: Schach der Qual. Ein Phantasiestück. E. Pierson, Dresden und Leipzig, 1898.