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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-10 · Heft 28 (10.7.1914) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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329 Auch folgende Zuschrift -aus Petersburg mag hier Raum finden: Jede Jahreszeit hat für die russischen Inden äußer dem üblichen Elend ihre besondere Misere. Dem Winter pflegen die Behörden die Massenausweisungen von Inden «nznpassen, im Frühling nimmt gewöhnlich die Epidemie der Ritualmordbeschuldigungen überhand, im Sommer kommt gewöhnlich die Schikanierung jener Zehntausende von Juden, welche aus der Stadt in die russischen Sommerfrischen amb Kurorte zur Erholung eilen. Das traurigste Kapitel bringt jedoch der Herbst, wenn die jüdischen Kinder umsonst an die Sore der Schulen pochen, und zu einer einzigarrigen Misere materieller und seelischer Natur gestaltet sich nur diese Zeit in den letzten Jahren die Sperrung fast aller Hochschulen den Juden gegenüber. Zwar gibt es da ein Gesetz, wonach innerhalb des Nusiedel'uugsrayons für -die Juden eine Norm von zehn Prozent, außerhalb dieses Ghettos von fünf Prozent und schließlich in Moskau und Petersburg gar von drei Prozent festgesetzt ist. Indes eine Anzahl von Hoch^ schulen erkennt durch die Prozentnorm nicht an und sind gemäß dein Gesetz den Juden gänzlich versperrt, andere hingegen de facto für Jahre, weil die Norm bereits überschritten sei. So ist es jetzt schon feststehend, daß die Universitäten von Charkow und Dorpat gar keine Juden, die meisten anderen aber in ganz minimaler Zahl allfnehlnen werden. Ist doch die Bestimmung herrschend, daß nicht etwa entsprechend der Zahl der Neuimmatrikulierten, sondern unter Berücksichtigung der Gesamtzahl der Studierenden die Aufnahme von Juden stattfinden muß. Da aber in früheren Jahren das Prozentverhältnis nicht beachtet wurde, da ferner viele Nichtjuden die Hochschulen in Rußland verlassen, ohne sie zu absovieren, so kommt für die Aufnahme von neuen jüdischen Studierenden stets eine so geringe Zahl von Vakanzen heraus, daß die jüdischen Aspiranten nur sehr geringe Chancen aus Aufnahme haben. Seit dem vorigen Jahre ist überhaupt die Immatrikulation an einer russischen Hochschule für den jüdischen Abiturienten ein reines Lotterielos geworden. Wird doch nicht mehr nach der Qualität der Kandidaten entschieden, sondern einfach durch Verlosung der den Juden znstehenden Vakanzen. ÄniorrMstsprokellor tzokrat Sr. pdolk Lieben. m 9. Juni wurde, wie in Nr. 25 dieses Wochenblattes bereits kurz berichtet, Hofrat Professor Dr. Adolf Lieben unter großen Ehren und außergewöhnlich zahlreicher Beteiligung seitens der vornehmsten Kreise der österreichischen Metropole auf dem jüdischen Friedhöfe zu Grabe getragen. Der Heimgang dieses bedeutenden Gelehrten, der ein hervorragender Fachmann auf wissenschaftlichem Gebiete war und als lebenslängliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses im politischen Leben stand, bedeutet einen unersetzlichen Verlust nicht nur für seine Angehörigen, seine Freunde, Schüler und Verehrer, und namentlich für die Wiener Alma mater, sondern auch für das Judentum. Denn Adolf Lieben war und blieb bis zu seinem letzten Atemzuge Jude, und das Judentum konnte mit Recht auf diesen seinen treuen Sohn stolz sein. Auch dieser Gelehrte mußte wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum lange und schwer kämpfen, auch an ihn trat die Verlockung und Versuchung in verschiedener Gestalt heran, er aber hat standhaft gekämpft, gekämpft und glänzend gesiegt. Adolf Lieben wurde 1836 in Prag geboren. Nach Absolvierung seiner Gymnasialstndien widmete er sich seinem Lieblingsstudinm, der Chemie. Er besuchte außer den Universitäten in Prag und Wien einige reichsdeutsche Universitäten und wurde 1863 als Professor der Chemie nach Palermo berufen. Von Palermo ging er in gleicher Eigenschaft nach Turin, worauf er dann nach Oesterreich znrückkehrte, wo er zuerst Professor der Chemie in Prag, dann 1875 Nachfolger Rochleders in Wien wurde. In Wien hat Lieben zahlreiche Schüler herangebildet, die jetzt in der Wissenschaft und in der Industrie hervorragende Stellungen einnehmen. Zu seinen Schülern gehören unter anderem der Professor an der Wiener Hochschule für Bodenkultur, Hofrat Zeisel, Haitinger, der Direktor der Gasglühlichtfabrik in Atzgcrsdorf, und der vor kurzem verstorbene Hofrat S. Krause an der Wiener Universität. Die Größe des wissenschaftlichen Ansehens, das Hofrat Lieben genoß, drückte sich darin ans, daß er wirkliches Mitglied der Wiener Akademie, ferner Mitglied der Akademien der Wissenschaften in Rom, München, Turin, Ehrenmitglied der LUemical Society in London und der Society chimique de France war. Im Jahre 1906 zog sich Lieben noch etwas vor der durch das Gesetz fixierten Altersgrenze vom Lehramte zurück. Als Knabe stand Adolf Lieben unter dem idealen Einflüsse des Dichters Moritz Hartmann, der als Erzieher in seinem väterlichen Hause wirkte. In dem vor wenigen Jahren erschienenen Briefwechsel Moritz Hartmanns werden häufig Adolf Lieben und seine Geschwister genannt. Innige Freundschaft verband ihn auch trotz des großen Altersunterschiedes mit Grillparzer. In der 1906 Adolf Lieben von Freunden, Verehrern und Schülern zum siebzigsten Geburtstage gewidmeten Festschrift finden sich Erinnerungen an die Jugend- und Wanderjahre des Gelehrten, die Professor August Sauer in Prag in der stofflichen Sammlung der Gespräche Grillparzers wiederholt und durch dankenswerte Ergänzungen bereichert hat. Adolf Lieben

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