Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-10 · Heft 28 (10.7.1914) · p. Seite 327

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229152--70552-3282904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

327 Dieses Wiedererwachen des Antisemitismus wird auch -durch folgende Zuschrift aus Wien bestätigt: Die von den meisten jüdischen Blättern (auch in dem unsrigen) kolportierte Nachricht, wonach auf dem in Marburg abgehaltenen Burschenschastertag die österreichische Burschenschaft beschlossen hätte, das sogenannte Waidhofner Prinzip fallen zu lassen und den jüdischen Kommilitonen Satisfaktion nicht mehr zu verweigern, entspricht nicht den Tatsachen. Da diese Nachricht von der „Deutschnationalen Korrespondenz" und der „Neuen Freien Presse" zuerst gebracht wurde, ging den genannten Blättern vor einigen Tagen eine Berichtigung unter Berufung auf 8 iO des Preßgesetzes zu, derzufolge diese Nachricht dementiert wurde. In dieser Berufung wird konstatiert, daß über das Waidhofner Prinzip und die Satissaktionsfähigkeit der jüdischen Studentenschaft überhaupt nicht -debattiert wurde, daß vielmehr das Waidhofner Prinzip nach wie vor zu Recht bestehe und die jüdischen Kommilitonen als der Ehre bar zu betrachten seien. Es muß aber gleich bemerkt werden, daß es sich hier nicht um harmlose studentische Mensuren handelt, sondern um viel Wichtigeres: um die Ehrlosigkeitserklärung aller Juden samt und sonders. Nach dem Waidhofner Prinzip steht es jedem, der sich deutsch fühlt, frei, jeden Juden anzupöbeln, ohne ihm ritterliche Genugtuung zu gewähren. Solche Fälle sind in den letzten Jahren sehr häufig vorgekommen. Erst vor nicht langer Zeit hat ein solcher Fall das Wiener Strafgericht beschäftigt. Ueber diesen Fall schreibt die Wiener „Sonn- und Montagszeitung" vom 15. Juni: „Es ist mehr als auffallend, daß die gerichtlichen Instanzen, die über ehrenrechtliche Affären zu judizieren haben, sich gar so häufig mit dem kritischen Waidhofner Prinzip zu beschäftigen bemüßigt sind. In der verg a ng e n e n W o che hat sich wieder ein Fall ereignet, der in der drastischsten Form beweist, daß unsere oft genug betonte Auffassung über die Qualitäten der Jünger dieses Moralkodex vollkommen zutreffend ist. Man kann auch hier wieder sehen, daß es sich darum handelt, die Möglichkeit einer Kneiserei zu gewinnen, um mit echtem teutschen Burschenmut der Gefahr eines blutigen Duells zu entgehen. Denn es ist ja wirklich einfach, bequem und sicher, sein Persönlichkeitsgefühl hemmungslos gehen zu lassen, wenn man noch so viel Besinnung behalten hat, um sich auf den ersten Blick zu vergewissern, daß der Angerempelte und Beleidigte ein „Nichtarier" ist, so daß der Waidhofner Freibrief dem Feigling volle Sicherheit gewährt, daß ihm nichts geschehen könne. Sonst mußte sich ja ein Student, der noch eine Spur von Ehrgefühl und Mut besitzt, jedenfalls vor der gefallenen Beleidigung überzeugen, ob er es mit einem seiner Auffassung nach Satisfaktionssähigen zu tun hat oder nicht. Was diese Waidhofner Kumpane sich aber leisten, ist gar nichts anderes als eine schamlose Feigheit und Niedrigkeit, die den idealen Begriff eines deutschen Studenten in den Schmutz zieht und vor allen Kulturmenschen diskreditiert. Man muß sich übrigens wundern, daß der betreffende Strafrichter der Situation keineswegs gewachsen war, da er hinsichtlich des eigentlichen Deliktes mit einem Freispruche vorging. Selbst die Laienauffassung wird mit dieser Urteilsschöpfung nicht einverstanden sein können. Es ist bei der inkriminierten Vertreterversammlung zwar kein beleidigendes Wort gefallen, aber es kommt darauf gar nicht an. Bei Ehrenbeleidigungen handelt es sich hauptsächlich um die beleidigende „Absicht", die doch handgreiflich vorhanden war, und dann darum, ob der Beleidigte sich getroffen fühlte, was doch gleichfalls erwiesen ist. Dieses im höchsten Grade angreifbare richterliche Urteil ist doppelt gefährlich, erstens weil es den Beleidigten dazu zwingt, sich selbst Gerechtigkeit und Sühne zu verschaffen, und dann, weil es diesem widerlichen Auswurs deutschen Studententums für seine gemeine und feige Hinterhältigkeit auch noch Straflosigkeit zubilligt. Gewiß darf man diese Bürschchen nicht ernst nehmen, aber irgendwie müssen auch wutverdächtige Hunde unschädlich gemacht werden; entweder mit dem staatlichen Maulkorb oder mit der privaten Peitsche." Wer die hiesigen studentischen Verhältnisse kennt, wird dem Artikelschreiber nur recht geben müssen. * Im bayerischen R e i ch s r a t s a u s s ch u ß fand vor einigen Wochen eine Judendebatte statt. Der Referent Fürst Löwenstein-Rosenberg bemerkte: Von mehreren Seiten wurde auf die Notwendigkeithingelviesen, durch eine Revision' des Iu'denediikts die Schwierigkeiten zu beseiti-gou, welche die religiösen M-inderheiteu durch die Spaltung innerhalb der Ju'denschaft selbst zu ertragen hätten. Auch ich halte eine Revision des Judenediktsfür ein dringendes Erfordernis im Interesse der altgläubigen Israelitezr Dabei muß aber jede Einmischung des Staates tu innerkirchliiche Verhältnisse vorsichtig veruü-eden werd-eii., und den zunächst Beteiligten' llamr deshalb n'icht dringend genug geraten toerden. vor Erlaß eines solch staatlichen Gesetzes sich, über den Inhalt der Revtsimtsbestini'nmngelt in letzter Stunde noch untereinander zu verstau.di gen. Darauf entgegnete der Kultusminister v. Knilling: Zur Revisiou des Judenedikts habe er sich bereits vor zivei Jahren in der Kammer der Reichsräte geäußert. Er habe die Angel-cgenhdit seitdem nicht -ans dem Auge verloren. Im llut'tu-7nüni'sterintn fänden fast jode Wach? Besprechnrtgen' mit Vertretern der verschiedenen Richtungen in der Jndertheit statt. Man werde bemüht sein, eine Mittellinie zu finden mtd zu verhüten, daß künftigvon den Anhängern der eilten. Richtung gegenüber der anderen ein Zwang a-il'sgeübt 'werden könne. Die Reform -werde auch die finanziellen Fragen z-n umfassen Habelt; es werde nötig, sein, nachdem Borbtldeder Protestaittischen Kirchensteuer eine Zetttralkasse für die religiösen Bedürfnisse der J.ndei'fchast des ganzen Königreichs zu schassen. Die Vorschläge der vom Ausschußvvrsitzenden angeführten Schrift eignen sich zur weiteren Verfolgung. Wenndie Anhänger der beiden Richtungeu ihre Aufgabe nicht darin sähen-, sich gegeltfeitig zu bekäutpfen-, sondern an dem gemeinsamen Ziele zns-autm>ett zu arbeiten, morde es hoffentlich möglich fein, dein nächsten Landtage den. Entwurf -eines tteuett Judencdikts vorznlegen. * Zu denen, die neuerdings ihr antisemitisches Herz entdeckt haben, gehört auch Herr Dr. Dieter. Wir haben bisher von der Sache keine Notiz genommen. Es handelt sich um einen Ausruf, den der Genannte bei einer „Mtrakel"-Aufführmtg getan (Text von Vollmüller, Mtlsik von Humperdink, also zwei Ariern), worin er die Verhöhnung der katholischen Religion beklagt habe. Nun wird erst öffentlich bekannt, daß der Genannte gleichzeitig oder vorher gesagt habe: „Es ist eine Schmach and Schande, daß wir uns das von den Juden müssen gefallen lassen." Jetzt erläßt Herr Dr. Dieter, dessen Persönliche Schicksale uns ebensowenig angehen, wie sein Gesundheitszustand, eine Erklärung, in der er seine Entwicklung zum Antisemitismus darlegt: „Ich bin vor sieben Jahren atls meiner elsässischeu Heimat nach Berlin gekonunen, ohne jede Boreittgenouttnenheit gegenüber deit hier in Rede stehenden Fragen. Meiner ganzett naturwissenschaftlichen und philosophischen Schulung nach tonnte ich in den Inden nichts anderes als gleichberechtigte Menschen mtd gleichberechtigte Staatsbürger sehen. In meinem Schauspiel „Der Dämon" und zuletzt noch in meinent voriges Jahr erschienenen Voltsstück „Das eiserne Kreuz" habe ich zu diesen Fragen Stellung genomtnen, ohne das; mir vott jüdischer Seile gelegentlich der äußerst erfolgreichen Aufführungen beider Werke der geringste Tadel ausgesprochen wäre. Auch meine elsässische Komödie „Die Schmuggler" wird utich schwerlich in den Verdacht nichtliberaler Gesinnung bringen. Ich war bisher sogar Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei, deren Politische Ueberzeugung nach der Zaberner Affäre sich mit der nteinen aber nicht ntehr deckt. Vor katun Jahresfrist habe ich sogar noch meitt eigenes Scherslein dazu beigetragen, eine autisemitische Reichstagskandidatur zu Fall zu bringen. Auch itt dein Burean der Vertriebsstelle habe ich unterschiedslos Nichtjttden itttd Juden einzig und allein nach Maßgabe ihrer Tätigkeit angestellt. Ich habe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.