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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-10 · Heft 28 (10.7.1914) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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326 und ehren! Aber es geht doch wohl nicht an, so merkwürdige Vergleiche zu ziehen, bei denen man nur die Behauptungen der Gegenseite mit den Methoden der Wissenschaft untersucht, die eigenen aber ängstlich davor hütet. Der strenggläubige Standpunkt soll nicht kritisiert werden, solange er in seinen methodischen Grenzen verbleibt. Sobald er aber den Gegner mit wissenschaftlichen Waffen angreift, wird er es sich gefallen lassen müssen, daß man ihm in gleicher Weise erwidert. Wenn auch Kopciowski es ablehnt, mit liberaler Denkenden sich auseinanderzusetzen, so sei doch aus die methodischen Fehler seiner merkwürdigen Konstruktionen kurz hingewiesen. Es wird kaum ein Gebiet der Geisteskultur die innere Kraft besitzen, Darstellungen seines Wesens zu geben, ohne sich anderer Wissensgebiete als Hilfswissenschaften zu bedienen, wobei es fast selbstverständlich ist, daß diese wegen ihrer geringen Wichtigkeit für die behandelte Sache nicht mit der gleichen Gründlichkeit auf ihren Wert geprüft werden. Ein Geschichtswerk z. B. wird stets mehr oder minder stark die philosophischen Anschauungen der Zeit widerspiegelu, ohne daß der Verfasser diese mit derselben Sorgfalt untersucht wie den .Hauptgegenstand seiner Arbeit. Auch für die religiösen Urkunden gilt dasselbe, und Kopciowski hätte zuerst die Grenzen von Naturwissenschaft und Religion klarstellen, hätte in der Heiligen Schrift den sittlichen Inhalt von der Darstellnngsform trennen müssen, um dann den Nachweis zu führen, daß auf die Einzelheiten dieser Darstellungsform von der Heiligen Schrift selber bewußt ein Wert gelegt werde, d. h. daß bereits die Thora die Frage entschieden oder zum mindesten empfunden habe, o b diese Anschauungen von ewigem Werte seien. £b der Verfasser diesen Nachweis führen kann oder nicht, das zu untersuchen ist hier nicht der Ort, aber sobald er den Boden naiver Gläubigkeit verläßt und den der wissenschaftlichen Methode betritt, ist eine Diskussion seines Standpunktes nicht eher möglich, als bis er bewiesen hat, daß die jüdische Religion in ihrer grundlegenden Urkunde bewußt die Grenze der Religion überschreitet und sich zur Herrin und Richterin über naturwissenschaftliche Wahrheiten aufwersen will. Den Einwand, daß er sich einfach an den Wortlaut der offenbarten Schriftlvvrte halte, kann Kopciowski keinesfalls machen, da er das Wort der Thora dort ummodelt und seinen klaren Sinn umdreht, wo es ihm paßt. Wenn er (freilich älterer Auslegung folgend) das deutliche Wort: „Und es ward Abend, und es warb Morgen ein Tag", so auslegt, daß er unter Tag einen Zeitraum von tausend Jahren verständen wissen will, so ist kein Grund einzusehen, warum er mit anderen ebenso klaren Gedanken anders umgehen sollte. Auch betrachtet das Schriftwort nur dort als heilig und unverletzlich, wo es für seine Zwecke erforderlich ist. Daß die Heilige Schrift als religiöse Urkunde ewige Wahrheit besitzt, erkennt auch der liberale Jude an, der auf dem Lffenbarungsstandpunkte steht, und er unterscheidet sich vorteilhaft von dem Anhänger der Religionsphilosophie des Mittelalters, indem er in allen Anschauungen, die für die Religion w e s e n t l i eh und e i g e n t ü m l i ch sind, auch noch so starkem „wissenschaftlichen" Ansturm gegenüber seelenrnhig bei seiner Meinung beharrt. Der Gottesglaube, der Unsterlilichkeitsgedanke, die Berbindlichkeit^des Sittengesetzes und vieles" andere sind eben Tinge, die allein der religiösen Sphäre angehören und über die eine wissenschaftliche Diskussion nicht entscheiden kann. Hier wird der liberale Jude, wenn er eben nur wirklich religiös ist, auch den Widerspruch der Wissenschaft nicht scheuen. Bei unwesentlichen Einzelheiten biblischer Tarstellungsform wird er aber ohne weiteres anerkennen, daß sie mit dem Wesen der Heiligen Schrift nichts zu tun haben, und ob die Welt in sechs Tagen geschaffen ist oder die naturwissenschaftlichen Anschauungen das Richtige treffen, ob eine beständige Kontinuität in der Entwicklung aller Lebewesen festzustellen ist, oder ob die Arten in ihren Eigentümlichkeiten geschaffen sind und unveränderlich bleiben, das ist vom Standpunkt wahrer Religion vollkommen gleichgültig und gefährdet weder, wie der Verfasser es meint, das Dogma von ber Allmacht Gottes, noch gefährdet es die Willensfreiheit, noch ändert es, und das dürfte wohl das Wesentlichste sein, auch nur ein Jota an der sittlichen Bestimmung des Menschen und am Sittengesetz. Kopciowski hält sein Buch für eine nützliche Aufklärungsschrift, die er der Heranwachsenden Jugend empfiehlt. Wir sehen in solchen Versuchen, welche die Grenzen von Naturwissenschaft und Religion vollständig verwischen, geradezu eine Gefahr für die jugendlichen Herzen und Köpfe. Denn daß es praktisch nicht möglich ist, die moderne Naturwissenschaft vom Standpunkte der biblischen Kosmo-, Bio- und Geogeme vor reifen Menschen mit Erfolg als unsinnig zu erweisen und daß bei solchen Versuchen praktisch stets die Religion der leidende Teil ist, dürfte auch dem Verfasser keine neue Wahrheit sein. Sir Woche. Berlin, den 7. Juli 1914. an hatte gehofft, daß es mit dem A n t i s e m i t i s - in it s in De u t s ch l a n d vorbei sei; diese Hoffnung erfüllt sich leider nicht. Das scheint aus einer Zuschrift hervorzugehen, die G r a f E m i l v. Wedel aus. Breslau an das „Berliner Tageblatt" richtet, die den Tatsachen gewiß entspricht, wohl aber den Auslassungen eines wüsten Schreiers eine zu starke symptomatische Bedeutung gibt. In der Zuschrift heißt es: Wenn die konservative Partei znrückgeht, so steigt d?r Antisemitismus. Dieser alte politische Latz bewahrheitet sich neuerdings leider vielfach. In Sachsen und in anderen ehemaligen Hochburgen des Antisemitismus finden wieder zahlreiche antisemitische Versammlungen statt. So hatte auch der „Reichshammerbund" und der „deutsch-völkische Ltndentenverband" am Freitag im Karifmannsheim eine Versammlung einberufen, in der Reichstagsabgeordneter Werner-Gießen einen Vortrag über „Die Inden, die Könige unserer Zeit" hielt. Die „deutschvölkischen Instinkte", von denen Herr Werner sprach, kamen in dieser Versammlung in der widerwärtigsten Weise zum Durchbruch. Fast jeder Latz des Referats enthielt die allerschwersten Beleidigungen unserer jüdischen Mitbürger. Bekannte liberale Parteiführer, wie Bassermann. Müller-Meiningen, Gothein wurden herabgesetzt. „Der Hansabnnd wurde gegründet, um die Inden zur unbeschränkten Macht zu bringen": durch ihn kamen die „Judenwahlen von 1912" zustande.. „Das. Judentum will durch das „Berliner Tageblatt" und die „Frankfurter Zeitung" den Kaiser zu einem unzulässigen Gebrauch seiner Kommandogewalt zwingen." Das Judentum sei an der Zabern-Afsäre schuld, durch die es Haß gegen das deutsche Heer und deutsche Offizierkorps säen wolle. Der Mädchenhandel würde verschwinden, wenn der „jüdische Mädchenhandel" beseitigt würde. Es bestehe eia „enges Verhältnis des Judentums zum internationalen Gauner- und Verbrechertum". Ans diese Tonart war die ganze Rede des Herrn Werner eingestellt. . . . Der frühere Nationalliberale Hestermann and Herr Philipp Staufs, dem soeben ein deutsches Gericht attestiert hat, daß der Inhalt seines „Semitürschner" „schmutzig" ist, wurden lobend erwähnt. Damit der Geschästsantisemitisums nicht zu kurz komme, wurde dies „schmutzige Buch" laut augepriesen. Selbstverständlich vergaß Herr Werner auch nicht das von ihm verfaßte Buch über Heinrich Heine, den „mittelmäßigen Lhriker", zu empfehlen. Herr Werner wurde in der Diskussion von dein Versammlungsleiter' fast noch übertrofsen. Dieser sprach von den jüdischen „Schmeißfliegen". Wie. Rom Karthago zerstört habe, so müßten die Germanen die Juden vernichten, die Degeneration der Juden im Ghetto, die Werner, trotzdem es eine „wenig menschenfreundliche Maßnahme" sei, empfohlen hatte, genüge nicht. * mm

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