Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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323 I sich mir näher anschloß und der, wie ich bald erfuhr, der Ortskomnrissär war. Wir fanden aneinander großen Gefallen, daß wir bald ganze Tage zusammen verbrachten. Als wir dann einmal beim Nachtmahl länger verblieben und dem Wein reichlich zusprachen, tränken wir Brüderschaft und wurden „Per Du". Der Kommissär war ein schöner Mann, sehr, gescheit und hochgebildet. Er hatte bei der Garde gedient, aber infolge einer romantischen Geschichte mit Duell mußte er den Dienst quittieren und wurde aus dem Regiment hierher verschlagen. Sein Auftreten und Benehmen waren die eines Gentlemans; auch hatte er bei Frauen fabelhaftes Glück. Ich habe ihm sehr viele glückliche Stunden zu verdanken. Am Vorabend meiner Abreise waren wir etwas länger beim Essen und verließen als letzte das Restaurant. Es war eine Helle Mondnacht, voll aromatischer Düfte, unsere Köpfe waren heiß vom Wein, das Herz übervoll vom bevorstehenden Abschiedsweh. „Boris, ich will noch nicht nach Hause", sagte der Kommissär. „Es ist mir schwer, schon jetzt Abschied von dir zu nehmen. Führe mich in dein Hotel. Wir werden die ganze Nacht aufbleiben!" „Schön!" sage ich. „Aber weißt du, ich wohne Privat." „Macht nichts! Fahr mich nur hin." Und wir fuhren. Er war die ganze Zeit sehr zärtlich, erzählte von sich, seinen Angehörigen, sprach von seiner Kindheit und Jugend, von seinen Herzensangelegenheiten und dergleichen. Er sprach während der ganzen langen Fahrt, bis >vir vor meinem Häuschen ankamen! „Hier wohnst du, Boris?" rief er aus. „Sagtest du nicht, du wärest ein vermögender Mensch?" „Gewiß. Ich bin es auch. Aber, weißt du, man wollte mich in keinem Hotel aufnehmen." „Ja, was heißt das? Man wollte nicht?! Warum?" Unsere Augen trafen sich. Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich: „Ja, verzeih, Lieber, daß ich dir's nicht gleich gesagt habe. Ich bin Jude!" Er taumelte zurück. Sein schönes Gesicht verfinsterte sich. „Da hast es!" kam es dann zwischen seinen Lippen heraus; dann ein Achselzucken, ein Sprung in den Wagen und der Ruf: „Zurück! Zurück in die Stadt!" Ich blieb stehen, sah ihm nach und wußte nicht, soll ich lachen oder weinen. Dies ist meine Anekdote. Und jetzt lebt wohl! Ich muß bald aussteigen. Der Exporteur erhob sich. Niemand lachte. Sogar der Arzt war ernst. „Warte noch! Hast Zeit! Der Dampfer hält noch nicht", sagte der Gutsbesitzer und griff nach des Exporteurs Hand. „Ja, Bruder, hast genug gelitten in deinem Leben! Und warum? Der Teufel mag's wissen. Am Ende muß ich dir noch sagen, Boris, daß ich eins nicht verstehe. Wozu brauchst du eigentlich noch dein Judentum? Glauben hast du, wie ich dich kenne, keinen, die Gebote deiner Religion hälft du auch nicht; wozu also, zum Kuckuck, brauchst du diese schwere Last? Wirf sie ab! Alle lieben und achten dich, und da mußt du eines elenden Passes wegen solche Erniedrigungen erleiden. Laß dich taufen, Boris! Wirklich!" „Dummheiten, Liebster!" erwiderte der Exporteur, und sein Gesicht nahm einen ganz anderen Allsdruck an. Ein Funkeln kam in feine Augen, die Gestalt schien zu wachsen und die Stimme klang stolz, fast hart: „Diese Ehre werde ich niemandem erweisen! Denk' nur, was die ersten christlichen Märtyrer gesagt hätten, wenn man ihnen vorgeschlagen hätte, ihre Scheiterhaufen gegen die Vorteile des heidnischen Lebens einzutauschen? Meinst du, sie wären von ihrem Scheiterhaufen herabgestiegen? Nicht wahr, nein? Und wie kannst du nun verlangen, daß die Juden von ihren Scheiterhaufen, auf denen sie schon viele tausende Jahre brennen, heruntersteigen sollen? Nein, Liebs er, dies Vergnügen mache ich niemandem. Ist doch so ein Scheiterhaufen nicht jedermann zuteil geworden! Daran beute nur!" Der Gutsherr und der Arzt erwiderten kein Wort. Literarische Mitteilungen. — Ans Vergangenheit und Gegenwart der israe - 1 irischen ©cmciitbc W o r m s. Von Samson Rothschild,! Lehrer au der Stadtschule zu Worms a. Nh. Fünfte, vermehrte und;j verbesserte Auflage mit sechs Phototypien. Verlegt bei I. Kanjsmann, Frankfurt a. M. 1913. Preis 1,20 Mark. Das; ein jüdisch-lokalgeschichtliches Werk in fünfter Auflage erscheint, ist ungemein selten. Schon aus diesem Umstande ist die kleine Schrift zu begrüßen. Aber auch wegen ihres Inhalts, ihrer Dar- ']{ stellung, ja auch wegen ihrer Ausstattung. Während man sonst geü wohnt ist, Bücher über Geschichte der Juden in einzelneu Städten in j recht ärmlicher Gewandung vor sich zu sehen, ist die Aufmachung ' dieses Buches höchst geschmackvoll; es ist gut gedruckt und mit manchen hübschen Bildern geziert, aber auch die Darstellung ziemlich vielgestaltig und anregend: Synagogen, Freibad, der Indenbischof werden in besonderen Kapiteln behandelt. Neu ist in dieser Auslage die Zufügung sämtlicher Sagen und Legenden des Maash-Nistm-Buches, J eines Wlmderbttchcs, das von.Iosua Schamesch herrührt, der zuletzt i in Worms lebte und dort 1678 starb. Das Werk liegt freilich nur in 1 einer jüdisch-deutschen Uebersetznng feines Sohnes Eliefer Libermann I vor. In diesen Geschichten finden sich sehr merkwürdige, z. P. „Das verkanfte Kind", eine sehr lehrreiche Geschichte, in der erzählt wird, wie die Juden einen ihnen augesonueuen Ritualmord verhindern j und den unnatürlichen Vater der Polizei übergeben. Das nützliche - und geschmackvolle Büchlein, das nicht bloß für die Mitglieder der Wormser Gemeinde Interesse hat, sei allen geschichtsfrenndliehen s Lesern wärmstens empfohlen. L. G. * — Salons. Bilder gesellschaftlicher Kultur ans fünf Jahr- *1 Hunderten. Von Valerian Tornins. Erster und zweiter Band. Mit je 24 Tafeln. Leipzig 1913. Verlag von Klinkhnrdt & Viermann. Von diesem anmutigen und ungemein reich ausgestatteten Buche nehmen wir an dieser Stelle gern Notiz, obgleich es keineswegs ans- / schließlich jüdischen Dingen gewidmet ist. Denn in den großen Abschnitten über Renaissance und Barockzeit findet man nichts über Inden. Es wäre gewiß reizvoll genug gewesen, von der Gesellschaft I der Inden in Spanien bis zum Ende des 15. Jahrhunderts und der Ti der Juden in Holland zur Zeit Uriel Acvstas und Spinozas zu : sprechen. Vielleicht hätte auch ein Hinweis aus den Kreis des jüngst in diesen Blättern gewürdigten Herzogs von Naxos, Ton Joseph Nasse, sich gelohnt. Der Verfasser, der allerdings in erster Linie Quellen benutzt, aber, ohne geradezu seine Phantasie spielen zu lassen, doch das Historische mit Novellistischem verbrämt, hätte vielleicht das Zeug dazu gehabt, solche Bilder zu zeichnen. Leider hat er sich diesen Versuch versagt und bleibt in den bekannteren Bahnen Italiens und Frankreichs während dieses Zeitraums stehen. Auch in der Zeit des Nokokv und der Empsindsamkeit finde ich Juden nicht erwähnt. Dagegen ist in dem Kapitel „Romantik" ein Abschnitt: „Die kleine Berlinerin und ihre Schöngeister" überschrieben. Die kleine Berlinerin ist natürlich die Jüdin Nahel Levin, in dem ihr gewidmeten . Aufsatz ist kurz von Henriette Herz, Ludwig Robert Dorothea Veit, V etwas ausführlicher von Eduard Gans und Heinrich Heine die Rede — merkwürdigerweise wird David Veits, der in Rahels Geistesleben eine Rolle spielt, wenn er allerdings auch mehr durch seinen Brief» Wechsel mit ihr als durch einen persönlichen Verkehr bekannt ist, nicht gedacht. Hauptsächlich jedoch handelt es sich in dem Aufsatz um :|j den Kreis christlicher Schöngeister und Gelehrter, in dem sich Nahel bewegte. Es ist eine ganz Lesenswerte Skizze, in der absichtlich s| Phantasie und freie Erfindung mit dem wirklich Historischen vorj| mischt sind. Das, was wir besonders in einer solchen Darlegung er- 'M warten würden: die Aufzeigung der Umstände, unter denen sich diese I kleine Jüdin so vollkommen in die Kultur ihrer Zeit hineingearbeitet J hatte, so daß sie aus einer Schülerin zur Meisterin ward, der Einschlag;| jüdischen Wesens in diese deutsche Kultur wird nicht aufgezeigt. In