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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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-- 322 —- Saarbrücken, in Köln verlebte er Jahre reichen Schaffens, und als er 1874 nach Rotterdam an die Spitze eines ausgezeichneten Orchesters berufen wurde, fühlte er sich, nachdem er schon auf dem Gebiete der Kammermusik-, Klavier- und Chorkomposition fruchtbar gewesen, zu seinem ersten großen Orchesterwerk, seiner gm. Symphonie, angeregt, der die zweite in Ls-üur und die Mirjam-Symphonie folgte, über deren Inhalt bzw. poetischen Borivurf der Komponist selbst in diesen Blättern das Wort genommen. Trotz hoher Befriedigung, die ihm die trefflichen Musikverhältnisse in Rotterdam gewährten, stand fein Herz doch wieder dem deutschen Vaterlande zu. 1890 wurde er ihm zurückgewvnnen, schwerwiegende Pflichten binden ihn dauernd an Berlin. Gernsheim steht der obersten Kunstbehörde, der Königlichen Akademie der Künste, als Vizepräsident vor, eine akademische Meisterschule für musikalische Komposition ist seiner Leitung unterstellt. Als Komponist zählt Gernsheim zu den wertvollsten und besten; sein Name ist unauslöschlich mit der Geschichte der deutschen Kunst verbunden. Lrlsulchtes. (Schlug.) Gwirski. Aus dem Russischen übertragen von Anna W i n t e r n i tz, Prag. chenka! (Kosename von Eugenie) mach' ans, sag' ich," polterte eine rohe Männerstimme. „Hörst, aufmachen sollst!" Und abermals ein rasendes Poltern. Dann wurde es still. Ich aber legte mich nicht mehr. Ich zündete eine Kerze an und ging auf den Zehenspitzen auf und ab, mit Ungeduld den ersten Tagesschimmer herbeisehnend. Ta . . . auf einmal . . . klopft es wieder. Jetzt leise und zart. „Schenitschka, schläfst du?" Ich horche. Es ist eine Frauenstimme, aber rauh und heiser. „Schenk' mir eine Zigarette, Liebe!" Ich schweige. Das Klopfen wird stärker. „Tu hast Besuch, nicht wahr? So antwort' doch, Luder! Ich höre dich doch herumgehen!" Länger hielten es die Zuhörer nicht aus und platzten heraus. Es ward wieder lustig. „Nein," ries mitten im Lachen der Gutsbesitzer, dem Arzt zugewendet: „Was sagst du zu dieser Schenka? Sie wollte auf keinen Fall antworten . . . Ho, ho, ho!" Der Arzt war förmlich zusammengekrümmt, das Gesicht ward rot wie Blut. Der Erzähler aber lächelte kaum und wartete geduldig, bis die Freunde sich beruhigt haben würden. „Ach Gott! Ach Gott! Dies sind aber Anekdoten!" murmelte der Gutsbesitzer unter stetem Lachen. „Und was war weiter?" „Weiter? Gar nichts! Ich wartete, bis es Tag wurde und reiste sofort ab. Hab' kein Geschäft gemacht und noch viel Geld zngelegt. Aber das ist noch gar nichts. In diesem Frühjahr habe ich noch was Interessanteres erlebt. Ich kehrte vom Auslande zurück und sollte ärztlichem Rat zufolge in einem unserer Kurorte eine dreiwöchige Kur durchmachen. Ich komme an, nehme einen Wagen und lasse mich in das feinste Hotel führen. Man weist mir ein sehr teures Zimmer an und verlangt meinen Paß. Ich komme dem Wunsche mit der größten Bereitwilligkeit entgegen, und zwar aus dem Grunde, weil ich noch meinen ausländischen Paß bei mir hatte, in dem kein Sterbenswörtchen darüber steht, ob ich Jude oder Christ sei. Es heißt drin: Boris Jljitsch Chmielnitzki — nichts weiter. Ein glücklicher Familienname, wie ihr seht, und die Physiognomie doch auch, nicht wahr? Darauf stützte sich meine ganze Hoffnung!" „Verzeihen! . . . Sie sind doch nicht Jude?" „Warum?" „Weil wir nicht dürfen. Es ist uns auch sehr peinlich, da wir großen Schaden dadurch haben. Aber was können wir machen. Allerstrengstens verboten." Ich sagte kein Wort, nahm mein Gepäck und ging hinaus Nahm mir aber im stillen voller Ingrimm vor: „Und ich werde doch hier eine dreiwöchige Kur durchmachen." Ein vorbeifahrender Wagenlenker hielt auf meinen Wink, ich stieg ein und srug ihn, ob er nicht wisse, wo eine Privatwohnung zu mieten wäre. Der biedere Mann zeigte mir einen Zipfel seines roten Bartes und sagte: „Ja, Herr, es ist überall voll. Es wird schwer werden. Aber," fügte er nach einigem Nachdenken hinzu, „wenn es Ihnen nicht zu einfach wäre, könnten Sie bei mir ein Zimmer bekommen. Ich habe ein eigenes Häuschen. Kinder haben wir keine. Meine Frau und ich wohnen allein. Das Zimmer ist sauber. Gute Milch im Hause. Nur zur Musik hätten Sie's weit." „Fahr mich hin! Ich will sehen!" Der Kutscher beeilte sich, zog die Zügel an und trabte davon. Ich sitze im Wagen und spähe während der ganzen Fahrt vergebens nach einem jüdischen Gesicht aus. Wir sind schon außerhalb der Stadt, sind schon an den Vorstadtvillen vorbei, fahren schon über die Chaussee und das Häuschen meines Kutschers ist noch nicht zu sehen. „Weit hast dich einquartiert, Brüderchen!" „Nitschevo, Herr! Ich werde Sie ja überall hinfahren." Endlich sind wir angekommen. Ringsum Gärten. Das Häuschen ist klein. Sein hölzernes Dach reicht bis an die Fensterscheiben. Das Zimmer? Nitschevo! Es könnte schlimmer sein. Der Plafond ist tief, die Tapete abgeklebt, viel Heiligenbilder. Eine Kommode, ein Bett, zwei Sessel, eine Waschschüssel aus Steingut sind das ganze Ameublement. Wir wurden bald handelseinig. Die Wirtin brachte das Gepäck herein, ein Glas frische Milch war bald am Tische. Nach dem Paß fragt niemand. So Hub ich denn an: „Fahren Sie mit mir zur Polizei. Ich will den Paß vorzeigen!" „Ueberlassen Sie es mir, Herr!" meint der Kutscher. „Ich werde es besorgen." „Nein, danke. Ich will es selber machen. Ich habe einen ausländischen Paß und der ist sehr wertvoll." Im Polizeibureau saß an einem langen Tisch ein Jüngling mit einem gelben Gesicht und kritzelte etwas mit der Feder herum. Ich erzähle ihm gleich die ganze Geschichte: daß ich Jude sei, daß aber im Paß nichts darüber steht. „Melden Sie mich' an und Sie bekommen 50 Rubel," schloß ich. Der Schreiber erhob seine Fischaugen, schaute mich, ohne zu zwinkern, lange an und sagte: „So was kommt bei uns nicht vor!" „Sie riskieren doch nichts dabei. Legen Sie dem Kommissär den Paß zur Unterschrift vor und fertig." „Und wenn er's bemerkt?" „Dann sagen Sie, Sie hätten sich geirrt. Der Name ist so . . . so . . . Ich hole mir selbst den Paß. Einstweilen bitte 25 Rubel anzunehmen. Und ich drückte sie ihm in die Hand und ging hinaus. Und was meint ihr? Es gelang. Am nächsten Tage spaziere ich als freier Bürger im Kurorte herum, bade, höre Kurmusik, trinke Wein usw. Und außer mir kein einziger Jude im Orte. Allmählich mache ich verschiedene Bekanntschaften: mit einem Direktor einer großen Fabrik, einem guten, gemütlichen Menschen, aber furchtbar gefräßig. Dann fiel mir unter anderen ein äußerst sympathischer Offizier aus, der

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