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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
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3L1 Förderer seines Werkes, seines inzwischen leider verstorbenen Lehrers D. H. Müller sowie des in weiten Kreisen rühmlichst bekannten Herrn Dr. Leopold Kohn, dem er „für das rege und nngeschwächte Interesse", das er seinen Forschungen bewiesen, aufs innigste zu danken gern die Gelegenheit ergreift. Indem wir dem fleißigen, gewissenhaften und anerkannten Gelehrten Dr. Wachstein für seine reiche Gabe wärmsten Dank sagen, hoffen wir, daß der zweite Teil des Werkes nicht mehr lange aus sich warten lassen wirb. Dr. L. L a z a r n s. Iiidikchr Films. Von Engen Tannenbaum -Berlin, en ersten Film dieser Art sah ich vor etwa Jahresfrist. Draußen, weit in einem Vorort, wo die Häuser verebben und barhäuptige Arbeiterfrauen den geknechteten Gang ihres Lebens gehen. In einer niederen, enggestreckten Stube vor spärlich ausgefüllten Bänken rollten Szenen aus dem russisch-jüdischen Leben ab. Aber wie der Film, der mehrmals unvermittelt abbrach, war auch das Leben der jüdischen Müllerstochter Sarah brüchig, rissig, ohne Zusammenhang, belanglos. Schlimmster Roman; mit verbotener Liebe, Flucht, Taufe, Fluch, Treulosigkeit, Rückkehr und Selbstmord. Am Ende weint ein greiser Vater über der Leiche seines Kindes. Nichts griff ans Herz. Auch die Darstellung blieb ohne Seele. Gewollter Ernst wurde unwahrscheinlich lächerlich, schlechte Karikatur, wie die Erzählung von jüdischen Reisenden im Eisenbahncoupe . . . Dann kam man historisch. In einem kleinen Kino der Berliner Ghettogegend spekulierte ein Theaterbesitzer mit einem Film, der „Königin Esther". Und im Wiener Judenviertel kam ich geradezu dazu, als ein rauher Film-Esau sein Erstgeburtsrecht au Jacob verkaufte. Das geht natürlich nicht. Der Film tötet den Geist der Bibel. Die Geschichte der Königin Esther wirkte wie ein Maskenscherz, die Geschichte Jakobs wie eine Parodie. Das muß einmal festgestellt werden. Der Film, will er irgendwie Anspruch auf Kunst machen, muß auf die Vergangenheit verzichten . . . Kunst ist immer Gegenwartkunst, nicht aufgeputzte Historie. Flimmernde biblische Geschichte ist ein Unsinn, ist Entweihung. Gegenwartkuust. In einem Kino am Kursürstendamm spielte man vor einiger Zeit ein Mimodrama des Wieners Felix Salten: „Der Shylock von Krakau". Ich sehe von dem ein wenig geschmacklosen, literarisierenden Titel ab. Hier ist Stil, hier ist Gegenwart, ist Leben. Man denkt an Emil Karl Franzos' Novellenband „Die Juden von Barnow". Und eine Aeußerung des Dichters fällt mir ein: „Ich konnte nur ein Leben schildern, das ich gesehen habe." Gesehen, mehr: erlebt sind in diesem Film die Menschen, geschildert ohne Uebertreibung, ohne Beschönigung, ohne Entstellung. Die jüdische Volksseele ist an einer ihrer Wurzeln gepackt. Aus der Gegenwart heraus ist die zeitlose Tragödie des Judentums gestaltet. Rahel, des Geldverleihers Isaak Lewi älteste Tochter, wird aus Liebe zu einem adligen Kunden ihres Vaters zur Diebin: sie entnimmt dem Geldschrank ihre Mitgift und entflieht mit dem gewissenlosen Zamirsky nach Berlin. Im Elend wird sie von dem Spieler zurückgelassen und kehrt todesschwach, reuevoll zu dem Vater zurück. Der aber ist, zerfallen mit Gott und den Menschen, ein Shylock geworden, ein Christenhasser, an dem sich die Männer aus dem Stamme Zarmirskhs vergeblich um Geld wenden. Er verschenkt es an die Armen. Doch der Trost in ihm verloren. In seelischer Zerrüttung trifft ihn die Nachricht von der Heimkehr seiner Tochter Rahel. Umsonst strecken sich ihre gramdurchlaufenen Hände dem gebrochenen Vater entgegen. Erst von dem Tod nimmt er sein Kind wieder in Empfang. Friede und Versöhnung sonnen sich in seinen Augen, und der Toten nachmurmeln seine Lippen das segnende Gebet. Dies ist der leitende Gedanke. Krakau baut sich dem Film als gewaltiger Hintergrund auf. Die engen Gassen des Judenviertels, die Treppen und Stiegen, die umsturzdrohenden Maliern — und die barocken Türme und Kirchen sind wie Symbole dieses Geschehens. Und wie hineingeboren in die Ghettomauern sind die Darsteller. Rudolf Schildkraut vor allen. Er hat Würde und Heiterkeit, Gebrochensein, Haß und gottdankende Beglückungsfreude zur Rolle des Isaak Lewi zusammengetragen. Wie ganz nur jüdischer Familienvater ist der Geschäftsmann am Freitagabend, wenn er das Kidduschgebet gesprochen, die Mauzi schweigend an die Tischgenossen verteilt hat. Und wenn die Fisch' ausgetragen werden, verklärt sabbatlicher Friede die ernsten Züge. Oder: mit welcher Andacht geradezu und behaglicher Breite erzählt er dem Rabbiner eine talmudische Spitzfindigkeit (!). — Ungeahnte mimische Ausdrucksmöglichkeiten hat sein Spiel, wo alle Worte versagen müssen. Und dann am Versöhnungstag, loenn die Verzweiflung frevelnde Vermessenheit wird und er selbst zu Gericht sitzt über seinen Gott. Bis der Shylockhaß aus seinen Augen lodert. Das ist ganz groß. Wir brauchen uns nicht zu schämen, wenn wir ergriffen sind. Friedrich Gernsheim. Ein Gedenkwort zum 75. Geburtstage. Von K. Schurzmann, Berlin/ er Name Gernsheim ist mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Worms a. Rhein engstens verknüpft. Die Familie soll während der Judenverfolgungen ans Spanien ansgewandert und später mit Gustav Adolf an den Rhein gekommen sein. Der letzte Judenbischof (die Judenbischöfe wurden vom, katholischen Bischof zum Vorsteher der jüdischen Gemeinde ernannt) war ein Gernsheim. Von seinem Großvater erzählt Gernsheim folgende Geschichte: Am Mainzer Tor, das die Stadt nach der nach Mainz führenden Landstraße abgrenzte, und das in der Nähe der Judengasse lag, erhob sich ein kleines, einstöckiges Gebäude, das eine Tafel mit der Aufschrift „Jndengefüngnis" trug. Dort wurden die Juden, die sich dem damals üblichen JndenzoU 31t entziehen versuchten, interniert. Als im Jahre 1793 die französische Armee auf ihrem Siegeszug durch die Rheinlande das alte Worms besetzte, wurden die sogenannten Menschenrechte „1.68 droits de Phomrne" angeschlagen und öffentlich verkündigt. Nach diesen Rechten gab es weder Christen noch Juden, sondern Bürger, die nach der Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" eine einzige Gemeinde bildeten. Kaum waren diese Menschenrechte proklamiert, als der Großvater Friedrich Gernsheims auf einer Leiter 31t der Tafel mit der Inschrift „Judengefängnis" hinaufstieg und sie mit einem Beil zertrümmerte. Später baute der Vater Gernsheims auf dem Platze des alten Judengefängnisses sein Haus, nnd hier wurde am 17. Juli 1839 unser „Fritz" geboren. Bei den hohen musikalischen Gaben desKnaben konnte es den Eltern nicht zweifelhaft sein, ihn dem Berufe des Musikers 31t bestimmen. Nachdem er den Anfangsunterricht in seiner Vaterstadt genossen, kam der kaum Neunjährige nach Frankfurt am Main, später zur ferneren Ausbildung auf das seinerzeit berühmte Leipziger Konservatorium. Sechs Jahre fesselte ihn die Metropole des Musiklebens damaliger Zeit, Paris, wo er mit den berühmtesten Zeitgenossen in Verkehr trat. Die erste selbständige Stellung berief ihn nach

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