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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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32Ö Adepten um die berühmten Meister der Geheimlehre, deren Grabsteine unser Gewährsmann wieder aufgesunden und glücklich entziffert hat. Bekanntlich ist das siebzehnte Jahrhundert durch und durch von quietistischer Mystik durchtränkt, die auf eine rücksichtslose Aufhebung der Menschennatur hinausläuft. Schmerzliebende Naturen wie Madame Guyon kennzeichnen diese Verirrung des menschlichen Geistes. Betrachtete es doch diese von gewaltigem Leidensdrang durchglühte Frau als Erfrischung, sich jedesmal beim Siegeln eines Briefes mit Siegellack 31t betröpfeln und hin und wieder einen gesunden Zahn sich ausziehen zu lassen, während sie die kranken Zähne sitzen ließ. Diese geistige Sinnlichkeit war stets dem israelitischen Wesen srenid. Es gab viele im Ghetto, welche die „blaue Blume" der Romantik eifrig suchten, ohne 5;?« Doppel-Epitaph der 1630 und 1631 gestorbenen Brüder Horowitz, Söhne des Vorstandes derVier- Länder-Synode R. Pinchas-Ha-Levi Horowitz. deshalb in die Pfade des „reinen" Toren des Parsisalgedichtes oder unter die Gralsucher zu geraten. Denn die Kabbala wurzelt in der Religion des Judentums, welches bei aller Sublim itä t seiner Lehren nie den gesunden Boden der Wirklichkeit verläßt und als Endziel inneres Glück, aber nicht L e i d e n s d r a n g ansieht. Die jüdischen Mystiker waren damals gottgefällige Führer durch die Irren und Wirren des Lebens, welche das unvertilgbare menschliche Sehnen nach dem Höheren durch die Verbindung der praktischen Sittenlehre mit der phantasievollen, einen wonnigen Gefühlsrausch erzeugenden Mystik befriedigten. — Von mancher der aus diesem Leichenselde ruhenden Frauen mag das Dichterwort gelten: „Sie war so reich an Tugend als Talent." Letzteres entfalteten die weiblichen Bewohner des Ghetto in der uneigennützigen Pflege verschiedener Zweige sozialer Fürsorge. Oesters wird auf den Leichensteinen der unermüdliche Eifer um die Ausheiratung armer Mädchen sowie die persönliche Teilnahme am Krankenbette rühmend hervorgehoben. Eine von diesen würdigen Frauen, die „vornehme und jedermann wohlbekannte Hofs Jüdin" Leonora, deren Grabsteins Wachstein wieder aufgefunden hat, wurde am 17. März 1651, als sie in die Stadt gehen wollte, „vor dem roten Tor bei der Aufzugbrücke" von einem unbekannten Reiter mit zwei Kugeln totgeschossen. Die geschäftige Fama suchte — der judenseindlichen Zeitströmung Rechnung tragend — aus diesem Verbrechen, dessen Opfer eine Jüdin war, Kapital gegen die Juden zu schlagen, indem sie letztere der Anstiftung zum Morde verdächtigte. Ein Preis von 500 Dukaten wurde für den Entdecker und l000 Dukaten sowie Straflosigkeit für den Täter ansgesetzt, wenn er sich selber stellte! Kein Schatten von Schuld, die blindwütiger Haß auf die Juden schieben wollte, kam zutage, wie selbst nichtjüdische Quellen versichern! ein Grabstein des 1662 verstorbenen Ifachar Beermannha-Levi, Bruders des Roppel Fränkel in Wien. kleiner Grabstein erinnert an die Heldin dieser Tragödie. Vielleicht war sie eine jener Frauen, die wie holdselige Feen unter uns wandeln, als seien sie von einem gütigen Geiste ausgesandt, das Leid dieser Welt zu lindern. — Durch Wachsteins eindringende, auf lückenlose Sachkenntnis in den genealogischen und bibliographischen Details gegründete Untersuchungen ist so manche im Dunkel der jüdischen Vergangenheit sich verlierende Persönlichkeit zu neuem Leben für die Geschichtsbetrachtung erwacht. So machen — tun nur ein Beispiel zu nennen — die Erörterungen über R. Abraham Chajjim aus Opatvttch, den gefeierten, 1623 verstorbenen Rabbiner von Wien, dem Scharfsinn, der Gelehrsamkeit und Kombinationsgabe Wachsteins alle Ehre. — Die Publikation ist ein Prachtwerk ersten Ranges, das seine glänzende Ausstattung der Munifizenz der Wiener jüdischen Gemeindevertretung verdankt. Am Schlüsse seiner inhaltreichen Einleitung gedenkt Wachstein in Worten warmer Anerkennung der edlen und 2) Vgl. Abb. auf S. 319.

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