Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
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-~ 31g den Grabsteinen ziemlich häufig Namen wie Auerbach, Falk, Goldschmidt, Wolf usw., die als „befreite Hofjudenfamilien" im höchsten Ansehen bei der Gemeinde standen und durch ihre vornehme Abstammung aus Deutschland, Frankreich und Italien sowie durch ihre Gelehrsamkeit und Opferwilligkeit hervorragten. Unter anderen erfreute sich der Hofbankier A. Oettingen der besonderen Gunst Kaiser Ferdinands II. und war wegen seiner weitgehenden Geschäftsverbindungen und der im großen Stile geübten Wohltätigkeit sehr geschätzt. Zwei aus Venedig eingewanderte Brüder haben das Bankgeschäft in seiner Großzügigkeit von ihrer italienischen Heimat nach Wien verpflanzt, wo die jüdische Gemeinde durch Einwanderungen und Heiraten — besonders aus Süddeutschland — rasch wuchs, der Wohlstand im Ghetto durch Erschließung neuer Erwerbsquellen zunahm und der Gesittung ein kräftiger Einschlag verliehen wurde. Die aus Worms, Fürth, Frankfurt am Main und anderen Städten Neuangekommenen verschmolzen bald mit der bodenständigen Bevölkerung und befestigten durä) ihre Intelligenz, Makellosigkeit und Betriebsamkeit den ausgebreiteten Ruf der alten Gemeinde, deren Glieder ein starker Bildungsdvang beseelte. Nicht nur die religiös-nationalen Studien wurden mit heiligem Eifer gepflegt — Wien zählte damals 'fast nur Koryphäen zu seinen Rabbinern, Vorstehern und Aeltesten — auch die weltlichen Wissenszweige hatten Juden zu ihren begeistertsten Anhängern. Jüdische Aerzte zeichneten sich durch besondere Tüchtigkeit und Gewisseu- Grabstein^der Jüdin Leonora. Hastigkeit in ihrem Be- Bufe aus, so daß sie auch bei der vornehmen christlichen Bevölkerung eine ausgedehnte ärztliche Praxis auszuüben pflegten. Von diesen Aerzten war einer Doktor dreier Fakultäten, und zwar der Medizin, Physik und Philosophie; ein anderer hatte einen solchen Zulauf, daß er die Besuche nicht „erlaufen" konnte und deshalb seine Krankenvisiten zu Pferde machen mußte. Auch Kinder von außerordentlicher Begabung — man nennt sie Wunderkinder — wuchsen in der dumpfen Atmosphäre des engen Ghetto im „untern Wörth" auf: Von einem zehnjährigen Knaben kündet ein Denkstein, daß er die phänomenale Gelehrsamkeit eines großen Gelehrten in sein frühes Grab mitgenommen habe. Während beim schlichten Manne aus dem Volke neben frommem Sinn die oft weniger beachteten, aber gleichwohl heroischen Charakterzüge hervorleuchten, seine Berufstreue, seine Seelenstärke im Ertragen von Leiden sowie strengste Rechtlichkeit im Verkehre mit Christen und Juden betont werden, wird den „Spitzen" der Gemeinde, die als warme Fürsprecher für ihre unterdrückten Brüder stets mutig eintraten, Lebensklugheit und Gewandtheit in allen schwierigen Situationen nachgerühmt. Das Almosengeben im verborgenen gilt als besonders verdienstvoll, und fast auf allen Leichensteinen wird der Wvhltätigkeitssinn des Verstorbenen gepriesen. Denn ungeachtet eines scharf ausgeprägten Subjektivismus, welcher den Begriff des auserwählten Volkes und die älteste Inkarnation des monotheistischen Gottesbegriffes geschaffen hat, ist die Fähigkeit der Hingabe an eine Idee, an eine hehre Sache unter Aufgabe jedes Persönlichkeitsgefühls gleichfalls ein Grundzug der jüdischen Rasse. Wenn „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun", dann deckt sich in diesem Punkte wenigstens der germanische Charakter mit dem jüdischen. Von einem Meister der Wissenschaft, der im ganzen Gebiete der „Gottesgelahrtheit" bewandert war, heißt es auf einem Denkmal: „Verschwenderisch im Wohltun, kasteite er sich selbst durch Fasten alle seine Tage." Einem Manne, der in den bescheidensten Verhältnissen gelebt, wird rühmend nachgesagt, daß er von seinem ganzen Einkommen den Zehnten wohltätigen Zwecken gewidmet habe. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte in einer kleinen Gemeinde Deutschlands ein armer Grabstein des N. Abraham Chajjiin aus (vpatow. Rabbiner, der fein wöchentliches, ans drei Preußischen Talern bestehendes Einkommen gewissenhaft verzehntete. Kein noch so schwerer Schicksalsschlag konnte den Juden im Ghetto in der Erfüllung seiner sozialen Pflichten beirren; die., stets um ihr armseliges Leben zu zittern hatten, halfen anderen die Bürde des Lebens tragen. Deshalb hat auch die Hervorhebung kleiner Aufmerksamkeiten, wie Krankenbesuch, gütevoller Zuspruch, Trostspenden der Trauernden, Friedenstiften zwischen Mann und Frau, etwas ungemein Rührendes. Auch der Aermste durfte in der Uebung solcher Liebeswerke seine Kraft erproben, auch er konnte ohne einen Deut, dessen Ausgabe ihm schwer wurde, weil er ihn nicht übrig hatte, das altt e st a m e n t li ch e Gebot der Nächstenliebe erfüllen, so er nur seine liebeglühende Seele in selbstloser Hingabe in den Dienst der guten Sache stellte. — Die intensive, dem Weltgetriebe abgewandte Beschäftigung mit den Urkunden und alten Ueberlieserungen hat in der damaligen Judenheit die kontemplative Richtung gestärkt und den Hang zum Geheimnisvollen, Mystischen gefördert. Wen war damals das Mekka der Kabbalisten; hier sammelten sich begeisterte