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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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$18 des jungen Lehrers, sein Verhältnis zu den Schülern, das innige Mitempfinden mit diesen Knaben, das bei aller Wahrung der Autorität ein echt kameradschaftliches wird, verdient außerordentliches Lob. Bei dieser Inhaltsübersicht und Kritik ist der Titel des Werkes noch nicht berührt. Er ist nicht unabsichtlich gewählt. Die „zwei Quellen", aus denen Moses Lennhausen schöpft, aus denen er die Kraft seines Wesens und vielleicht auch dessen Schwäche schöpft, sind das Judentum und das Deutschtuin. Was Jakob Lvewenberg in seinen herrlichen Gedichten in so großartiger und unnachahmlicher Weise häufig verkündet hat, daß der deutsche Jude die Pflicht habe, seinem Glauben treu zu bleiben und die gesamte Kultur des Deutschen sich anzueignen, daß er das Recht besitze, trotz oder vielleicht wegen seines Judentums als Deutscher von Deutschen anerkannt z» werden, das wird auch in diesem Buche gelehrt, und zwar nicht in ausdringlicher Weise, in leeren Deklamationen, sondern durch den ganzen Gang der Geschichte. Die Szene, wie der ältere Bruder Moses' mit seinen christlichen Kameraden zum Kriege auszieht, loie die Begeisterung sich des ganzen Dorfes bemächtigt, wie Moses' Eltern, die visher das Kausen oder Lesen einer Zeitung als Zeit- und Geldverschwendung betrachtet hatten, es nun sür selbstverständlich halten, aus eine Zeitung zu abonnieren, nicht etwa bloß, um über die Geschicke! des Sohnes unterrichtet zu werden, sondern, um die Kriegsbegebenheiten schnell und genall kennen zu lernen, ist ungemein fesselnd und packend erzählt. Jakob Loewenbcrg, der zwar auch früher schon einige Novellen geschrieben hatte, ist inr Grunde nicht Epiker, sondern Lyriker lind Pädagoge. Als solcher belvährt er sich auch in diesem neuen Buche. Aber wenn dieses auch nicht der große deutsch-jüdische Roman ist, der schließlich einmal geschrieben werden muß, es ist ein gutes, tapferes, an erquicklichen und schönen Einzelheiten reiches Buch, und man muß dem Verfasser sür diese köstliche Gabe lebhaften Dank sagen. Mas alte Leichenttelne erzählen. ^^önen uns auch aus den Erüberreihen, die freundliches Erinnern mit wehmutsvollen Sprüchen zu schmücken liebt, jene von Höflichkeitsphrasen überströmcnden Schmeichelstimmen entgegen, die so oft im Leben das ganze Füllhorn von Lobessuperlativen ans die verwöhnten Schoßkinder des Glücks herabschütten? Oder muß vor der Majestät des Todes, die den stillen Friedhofsgarten mit bannender Gewalt umschwebt, jedes verbindliche Kompliment wie wesenloser Schein in sein Nichts zerfließen und die gleißnerische Unwahrheit, welche mit ihrem Sirenenklang der Eitelkeit der Erdenkinder schmeichelt, für immer verstummen? Diese Fragen sind nicht so leicht mit einem einfachen „Ja" oder „Nein" zu beantivvrten, denn bei aller innigen Liebe zur Wahrheit, von der wir auch nicht ein Quentchen dem Sinnenkitzel zu opfern bereit loären, ist doch zu erwägen, daß „des Todes rührendes Bild" uns oft duldsam und nachsichtig im Urteil über die Heimgegangenen macht. „Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich", wenn wir von den Tugenden und Vorzügen der Hingeschiedenen schwärmen, die uns riesengroß erscheinen, während wir über ihre Fehler und Schwächen gern hinweggleiten. Die Bitterkeit des Treunungsschmerzes wird durch daS lebhafte Bestreben versüßt, den teuren Toten - losgelöst von den Schlacken irdischer Unvollkommenheit als ein Vorbild engelgleicher Reinheit in der Erinnerung festzuhalten. Mag indes auch der bekannte Satz: de mortuis nil nisi Lene als ethische Forderung schön klingen, seineunbedingte Anerkennung würde die Möglichkeit einer objektiven Bewertung des Verstorbenen nahezu ausschließen, überhaupt willkürlichen Geschichtskonstruktionen Tür und Tor öffnen. Es ist nur recht und billig, dem Toten die Wahrheit nachzusagen, denn ihm kann keine Schönfärberei mehr nutzen. Goethe 'sagt einmal: „In der Gestalt, wie ein Mensch die Erde verläßt, wandelt er unter den Schatten." Auch im Gedächtnis später Geschlechter lebt die geistige Physiognomie, die seelische Struktur der Vorfahren in den Zügen fort, die von den Zeitgenossen als teures Vermächtnis festgehalten wurden, um sie in Stunden ruhiger Sammlung in kernigen Grabsprüchen für die Nachwelt einznsangen. Darum sind Grabdenkmäler nicht nur pietätvolle Liebeszeichen dankbarer Nachfahren, sondern auch geschichtliche Dokumente, in welchen sich das Leben und Weben, das Bangen und Irren, das Ringen und Hoffen dahingegangener Generationen spiegelt. Denn die Worte, die Liebe und Verehrung dem Marmelstein eingemeißelt haben, sind wie Grüße, die uns aus dem Jenseits winken. Mit warmer Teilnahme lesen wir die oft verwitterten Inschriften auf den Leichensteinen, die uns von vergangener Menschengröße und erblichener Erdenherrlichkeit so manches zu erzählen wissen. Das gilt auch von dem altehrwürdigen Gräberfelde, das sich auf einem vom israelitischen Versvrgungs- und Siechenhaus im Norden und Osten begrenzten Platze im neunten Wiener Stadtbezirk (Seegasse) ansdehnt und bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein als „Judenfreithof" diente. Schon vor vielen Jahren hat es der bekannte Dichter Ludwig August Frankl unternommen, das Dunkel, welches über dieser Totenstadt in der alten, damals „der obere Wörth" genannten Roßau schwebte, zu verscheuchen und die vergessenen Denksteine durch Veröffentlichungen vieler Inschriften aus ihrem Dornröschenschlafe zu erwecken. Aber erst dem rühmlichst bekannten Forscher Dr. Bernhard Wachstein in Wien war es beschieden, das Werk seines Vorgängers zu ergänzen und vielfach zu berichtigen. Im Aufträge der rüstig schaffenden historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien hat Wachstein das gesamte Jnschriftenmaterial dieses Gottesackers von neuem gesichtet, durchforscht und in mustergültiger Weise dem Studium weiterer Fachkreise zugänglich gemacht. Mit dem Rüstzeug der solidesten, allseitig orientierten Wissenschaft ausgestattet, bildet diese im Verlag von W. Braumüller erschienene, mit prächtigen Textabbildungen und Tafeln versehene Ausgabe der „Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien" (Wien und Leipzig 1912) einen wichtigen Beitrag zur Kultur- und Literaturgeschichte der Juden im siebzehnten Jahrhundert, darf aber auch ivegeu der Fülle der darin aufgedeckten Beziehungen zur großen, besonders durch die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges mächtig bewegten Außenwelt ein über die Lokal- und Volksgeschichte hinausgehendes Interesse beanspruchen. Flüchten wir auf kurze Zeit aus dem im stürmischen Farbenwcchsel buntester Wirklichkeiten sich bewegenden Treiben der Großstadt aus die vom immergrünen Laub der Zypressen beschattete, von schweigsamer Einförmigkeit umwobene Ruhestatt der Toten. Indem wir uns der kundigen Führung Wachsteins anvertrauen und die vom Zahn der Zeit zermürbten Grabsteine mit ihren verwitterten Inschriften betrachten, wollen wir uns erinnern, daß die hier im ewigen Schlafe Liegenden einem Volke.angehörten, dessen vorstechendster Zug das Persönlichkeitsgefühl ist, das durch eine ungewöhnliche Zähigkeit des Intellekts und ein Talent zu metaphysischer Spekulation genährt und gefördert wurde. Jedes enorm gesteigerte Selbstgefühl nürd in Zeiten physischer Not und im Existenzkämpfe zur schneidigen Waffe, um sich zu behaupten. Wer fortwährend im Ausnahmszustande der Rechtlosigkeit lebt, wird darauf bedacht sein, sich aus allen Kräften durchzusetzen. Um den ewigen Quälereien der unduldsamen Stadtbehvrden zu entgehen, suchten sich damals viele Juden unter die Gerichtsbarkeit des Oberst-Hvfmarschallamts zu stellen und für teures Geld günstige Privilegien zu erkaufen. Wir begegnen auf

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