Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · p. Seite 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229151--70537-3282888
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

31? Es ist eine Mischung von Roman und Autobiographie. Ohne die Lebensereignisse Loewenbergs im einzelnen zu kennen, darf man doch sagen, daß der Verfasser gar vieles aus seinem eigenen Leben in die Geschichte hinübergenommen hat. Auch er stammt, wie der Held der Geschichte, aus einer armen Familie Westfalens, auch er war zuerst jahrelang Elementarlehrer, bereitete sich selbst zum Studium vor, studierte in Marburg und landete endlich in Hamburg. Damit freilich sind die Aehnlichkeiten zwischen dem Verfasser und dem Held seiner Geschichte zu Ende, denn während der letztere in Hamburg stirbt, nachdem er sich während einer Choleraepidemie in den Dienst der Sanitätskolonnen gestellt hatte, erfreut sich der Dichter des Lebens und wirkt in rüstigem Schaffen. Der Inhalt der Geschichte ist kurz folgender: Moses Vennhausen wächst in einem Dorfe Westfalens auf. Er ist der Sohn eines armen Händlers, besucht zunächst eine jüdische Schule, dann die christliche Volksschule seiner Heimat, bezieht später ein Volksschullehrerseminar und wird Volksschullehrer. In die Zeit seiner Kindheit fallen wichtige Ereignisse. Der Krieg von 1870 bricht aus, Moses' älterer Bruder muß in den Krieg ziehen und stirbt in der Schlacht von Mars-la-Tour. Der Vater überlebt den Tod seines Sohnes nur um kurze Zeit. Die schwächliche Mutter, die bisher nur den Haushalt geführt, übernimmt nun auch die Sorge für den Sohn und weiß ihm ein ganz sorgenloses Leben zu gestalten. Viele Jahre wirkt er segensreich als Volksschullehrer, aber er empfindet die Sehnsucht ■ nach höherer Ausbildung, verschafft sich die Grundlagen humanistischer Kenntnisse, macht sein Abiturientenexamen und bezieht die Universität Marburg. Während er bisher unter seinem Judentum kaum gelitten hatte, lernt er nun die antisemitischen Strömmungen kennen, lebt infolgedessen ziemlich vereinsamt und bekämpft nur teilweise seine Verbitterung durch den Umgang mit einem kampfmutigen und lebensfrohen Freunde Josef Mainzer. Nachdem er seine Examina bestanden hat, sucht er an einer öffentlichen höheren Schule praktische Beschäftigung, findet sie nach langen vergeblichen Mühen, kann aber eine Stellung nicht erlangen. Infolgedessen geht er nach England zur Erlernung der englischen Sprache, muß sich dort sehr quälen, lernt bittere Armut kennen, stärkt sein deutsches Bewußtsein und wird von Heimweh erfaßt. Nach mehreren Monaten kehrt er nach Deutschland zurück auf den Ruf eines ihm freundlich gesinnten Direktors, die Vertretung eines erkrankten Lehrers zu übernehmen. In dieser Stellung leistet er Außerordentliches. Er ist in gleicher Weise beliebt bei seinen Kollegen und Schülern und erlangt das Vertrauen seines Direktors in so hohem Grade, daß dieser ihn trotz seines Glaubens zu einer festen Anstellung empfiehlt. Aber der Schulrat, von dem diese Anstellung abhängig ist, ein orthodoxer Herr, legt ihm mit dürren Worten dar, daß die Vorbedingung zu einer solchen Anstellung der Uebergang zum Christentum ist. Durch eine solche Zumutung empört, tritt Moses mit starker Energie gegen den Schulrat auf und gebraucht bei dieser Abwehr derartige Ausdrücke, daß die Folge davon seine sofortige Entlassung und das vollkommene Scheitern seines Lebensplanes ist. Zu diesem ersten Mißgeschick gesellte sich das zweite. Moses liebt ein junges reiches Mädchen, Helene Bergheim; die Bekanntschaft hat sich in etwas romantischer Weise gestaltet. Helenes Mutter war die Freundin oder Geliebte von Moses' erstem Lehrer, die, da sie ihren Tod herannahen fühlte, in Begleitung ihres Kindes an den Sterbeort des Jugendfreundes eilte, dort vom Tod überrascht und an der Seite des Jugendfreundes bestattet wurde. Seitdem kam das Mädchen häufiger in das Dorf und schloß sich, nachdem Frau Lennhausen an den Wohnort Helenes gezogen war, ihr enger an. Der alte Bergheim, ein Wucherer, dabei aber ein wohltätiger Mann und ein herzensguter Vater, will dem Glücke seines Kindes nicht entgegentreten. Um aber das Praktische mit dem Idealen zu verbinden, macht er Moses den Vorschlag, mit einem anständigen Gehalt, dem doppelten der Summe, die Moses als Lehrer verdient hatte, in sein Geschäft einzutreten. Moses lehnt dieses Anerbieten ab, aber er begnügt sich nicht mit einer sehr brüsken Abweisung des Angebots, sondern erläßt sich zu solchen Beschimpfungen des Alten hinreißen, daß dieser sich empört von ihm entfernt und auch die Tochter die Anhänglichkeit zum Vater höher stellt als die Neigung zu dem Geliebten. Sie ist so wenig eine Heroine, daß sie den Forderungen des Vaters, einen anderen zu heiraten, sehr bald Gehör gibt. Der junge Mann, der nun keinerlei Aussicht mehr besitzt, in seinem Berufe vorwärtszukommen, der durch den Verlust seiner Liebe im Innersten getroffen ist, will mit feiner Mutter nach Amerika auswandern, aber die Mutter stirbt, und Moses bleibt-allein. Von tiefer Verzweiflung erfüllt, denkt er kurze Zeit an Selbstmord, rafft sich aber bald aus, will nun wirklich nach Amerika übersiedeln und reist nach Hamburg. Dort aber, wo eine große Choleraepidemie ausgebrochen ist, betrachtet er es als eine Feigheit, sich zu retten und die Bevölkerung einer ganzen Stadt zugrunde gehen zu lassen, stellt sich in den Dienst der Sanitätskolonne und stirbt. Man muß gestehen, der Held ist von einem durchaus falschen'Idealismus erfüllt. Es muß freilich in höchstem Maße anerkannt werden, daß er mit Mut und Entschiedenheit das Ansinnen des Schulrats abweist, aber freilich: eine solche Zurückweisung müßte, wenn Moses auch nur einen Gran von praktischer Lebensklugheit besäße, in milderer, weniger verletzender Form geschehen, als es hier erfolgt. Es ist ferner im höchsten Maße zu billigen, baß ein ideal gesinnter Mann seinen Lehrerberuf so hoch stellt, daß er die Uebernahme einer kaufmännischen Tätigkeit als Degradation empfindet. Aber es zeugt doch von einem Mangel an Klugheit und Zartheit, daß er dem Vater des geliebten Mädchens, dessen gute Eigenschaften er kennen müßte, wenn er auch die Art nicht billigt, sin der dieser zu seinem Gelbe gekommen ist, in einer so harte» und das gewöhnlichste Billigkeitsgefühl verletzenden Weise seine Meinung sagt. Und endlich ist sein Benehmen in Hamburg, das seinen Tod verursacht, von falschem Idealismus getragen. Es ist gewiß sehr löblich, seiner Vaterstadt sich nicht zu entziehen, wenn Not und Gefahr eiutritt. Aber in einer fremden Stadt, die eben nur ein Durchgangsplatz ist, zu verbleiben, seine Lebenspläne zu opfern, um sich in den Dienst eines fremden Gemeinwesens zu stellen, dem man in keiner Weise verpflichtet ist, bedeutet einen unangebrachten Heroismus, eine unkluge Uebertreibung der Menschenpslicht. Mit diesen tadelnden Bemerkungen, die ich nicht zurückhalten mochte, soll aber das Buch durchaus nicht verurteilt werden. Es ist voll der schönsten Stellen. Die Entwicklung eines jüdischen Knaben ist ausgezeichnet dargestellt, die Gestalt des jüdischen Lehrers, eines sehr fähigen Mannes, der im Leben Schiffbruch gelitten hatte, ist wundervoll gezeichnet. Die Freunde des Helden, Josef Mainzer und ein Kollege während seiner Vertretungszeit, Martens, sind Prachtgestalten. Das Liebesverhältnis mit Helene Bergheim ist ungemein zart entwickelt. Mit der größten Innigkeit wird die Gestalt der Mutter verklärt, einer geistig ungebildeten Frau, aber von reicher Herzensbildung, die als eine wahre Lichtspenderin durch den ganzen Roman geht. Die Darstellung der englischen Verhältnisse ist von großem Reiz: die episodischen Figuren, die etwas breit geschildert werden, gute und schlechte, werden höchst anschaulich vorgeführt. Ein ganz besonderer Vorzug des Werkes ist die Verklärung des Lehrerstandes. Die Berichte über die pädagogische Tätigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.