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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 heraus, welcher Zorn in den Herbsttagen des vorigen Jahres alle Intellektuellen in Nußland erfaßt hatte, wie die Kiewer Schmach alle Geister beunruhigte. Da befand sich unter den Angeklagten auch der bekannte konservative Rechtsanwalt Bobristschew-Puschkin, eine forensische Berühmtheit. Er hatte trotz seiner politischen Richtung am eifrigsten für die Resolution agitiert, welche die Ritualmordanklage verurteilte. Nunmehr mußte er zusammen mit den oppositionellsten Rechtsanwälten die Finessen der russischen Justiz auskosten und fonntc sich also einmal an seinem eigenen Schicksal davon überzeugen, welche Willkür heutzutage im russischen Gerichtssaal herrscht, wenn auch nur ein Hauch von Politik hineinweht. Und nun gar ein Echo des Beilisprozesses! Da gibt es kein Gesetz, keine Vernunft und keine Scham. Demgemäß ist auch in diesem Prozeß ein rigoroses Urteil gefällt worden, ein Urteil, das eine ganze Schar der hervorragendsten Petersburger Advokaten, darunter illnstre Namen, für viele Monate in die Gefängnisse schickt. Die russischen Gerichtshöfe haben aber dabei keine besonderen psychischen Konflikte zu überwinden, da sie ausreichende Traditionen besitzen, die sie beruhigen können. Wenn man die Blüte der ersten Duma nebst dem tiefernsten und sittlich hochstehenden Präsidenten Muromzew hat hinter Schloß und Riegel bringen dürfen, wenn man die gesamte sozialdemokratische JVraftton der zweiten Duma ohne jeglichen Grund zur sibirischen Zwangsarbeit verurteilen konnte, wenn man seit Jahrzehnten die fähigsten Teile der russischen Jugend durch unerhörte Strafen <Galgen, Deportation u. dgl.) dezimieren mag, warum sollte da ein Petersburger Gerichtshof just auf die Advokaten Rücksicht nehmen? Der Gerichtshof war deshalb äußerlich sogar korrekt und fällte dann das sicherlich bereits vorher festgesetzte Urteil. * Professor H. G uthe in Leipzig veröffentlicht in der „Voss. Ztg." zwei Artikel, die auch unseren Lesern manches Interessante bieten. In dem ersten: „Die Juden in Jerusalem" heißt es: Jerusalem ist eine vorwiegend jüdische Stadt geworden. Man schützt gegenwärtig die Bewohner Jerusalems auf 120 000 Seelen und nimmt die Zahl der Juden darunter zu 80 000 an, d. h. zwei Drittel der Gesamtzahl, freilich sind die Zahlen durchaus unsicher, eine „Volkszählung" veranstaltet man in der Türkei nicht. Die Juden Jerusalems sind sämtlich seit dem Mittelalter eingewandert. Zuerst kamen die spanischen Juden (Sephardim), die hauptsächlich in dem alten Judenquartier im Süden der Stadt wohnen und sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen. Allmählich wuchs auch die Zahl der zuwandernden polnischen Juden sAschkeuasim), meist armer Leute, die auf die Unterstützung von seiten ihrer europäischen Glaubensgenossen angewiesen waren. Vornehmlich waren es religiöse Motive, die sie nach Jerusalem trieben. Sie wollten gern dort begraben sein, wo gemäß der jüdischen Hoffnung das letzte Gericht, verbunden mit der Auferstehung, stattfinden soll, oder sie betrachteten Jerusalem als den Ort, wo sie, ungehindert durch mancherlei Forderungen des modernen Staates lz. B. Schulzwang, Kriegsdienst) in vollem Maße nach ihrem Gesetz leben könnten. Sie begannen schon im Norden der Stadt sich anzubauen, wo jetzt der größte Teil der Inden wohnt. Später weckten mancherlei Quälereien und Verfolgungen, denen sich die Juden in europäischen Staaten ansgesetzt sahen, die Sehnsucht nach der alten Heimat, und gleichzeitig wurde auch unter den Juden des Ostens die Liebe zu Jerusalem lebendig: die Bucharei, Arabien und Nordafrika nahmen an der Bewegung teil, ferner hat der Versuch, jüdische Kolonien in Palästina zu begründen, auch in wirtschaftlicher Hinsicht die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf Jerusalem und feine Umgebung gelenkt, und schließlich hat die starke Betonung des nationalen Gedankens durch den Zionismus die alte Hauptstadt des Bottes nachdrücklich in den Vordergrund jüdischen Denkens gestellt. Dadurch sind zu den älteren frommen Kreisen auch solche Personen hinzugekommen, für deren Denken und Handeln religiöse Erwägungen nicht in der ersten Linie stehen. Der Gegensatz war vorhanden und wurde gefühlt, aber man vertrug sich leidlich. Während der Zionismus in Jaffa durch die Gründung von Tell Abib unbestrittener Herrscher wurde, besaß er die Führung in Jerusalem nicht. Nach ziemlich objektiven Ausführungen über den Sprachenkampf wird ferner gesagt:' Es ist mir ganz verständlich, daß sich die Zionisten, die durch die Erneuerung der hebräischen Sprache die Juden fester untereinander verbinden wollten, verpflichtet glaubten, gegen den Beschluß des Berliner Kuratoriums zugunsten der deutschen Sprache am Haifaner Technikum vorzugehen. Als Kampf gegen das Deutschtum war der Schritt nicht gemeint, wenn er auch von ausländischer Seite wiederholt so verstanden und benutzt worden ist. Aber man hätte wohl vorsichtiger sein können, damit auch der Schein einer deutschfeindlichen Stimmung nicht hätte entstehen können. Ob der Schritt richtig und zeitgemäß war, ist eine andere Frage, die ich nach reiflicher Ueberlegung nicht zu bejahen wage. Und was bedeutet der leidenschaftliche Angriff auf die Schulen des Berliner Hilfsvereins in Jerusalem? Man kann doch nicht behaupten, daß dieser, dem auch das Technikum untersteht, nur dort für die Zionisten erreichbar gewesen wäre, und man sieht nicht ein, weshalb ein Sturm auf diese Schulen veranstaltet wurde, die doch für den Beschluß des Berliner Kuratoriums nicht verantwortlich gemacht werden konnten. Wollte man dadurch eineu Zwang ausüben, so war das Mittel brutal. Bernmtlich handelt es sich bei dem Kampf jedoch nicht nur um eine Beeinflussung des Berliner Vorstandes, sondern, um die Herrschaft der Zionisten über die jüdischen Gruppen in Jerusalem. Diese zu erringen, scheint mir das eigentliche Ziel des Streits in Jerusalem gewesen zu sein. Die Zionisten haben dabei nicht nur mit Begeisterung, sondern — zugestandenermaßen — mit Fanatismus gekämpft. Das hat eine tiefe Spaltung unter den Jerusalemer Juden zuwege gebracht, während doch die Wiederbelebung der gemeinsamen Sprache einen friedlichen, wenn auch langen Weg zum allmählichen, aber festen Zusammenwachsen darbvt. * Der zweite Artikel „Die Zukunft Jerusalems" schließt mit folgenden Worten: Was für eine Zukunft entspricht der bedeutsamen Geschichte Palästinas? Das Land nimmt eine einzigartige Stellung unter allen Provinzen des türkischen Reiches ein. Die christlichen Kirchen und Völker haben teils schon seit langer Zeit, teils erst seit dem Beginn des „friedlichen Kreuzzuges" feste Beziehungen mit den bekanntesten Orten Palästinas angeknüpft; ihre dort errichteten Anstalten bringen nicht nur alljährlich stattliche Beträge an Geld ins Land, sie verrichten auch stetig sehr achtungswerte Leistungen zum Besten seiner Bewohner, die dadurch immer enger mit europäischen, christlichen Gewohnheiten vertrant werden. Unsere deutschen Kolonien, die bald 50 Jahre bestehen, bedeuten ein ansehnliches Kapital und unmeßbare Werte an Fleiß. Was die Eingeborenen betrifft, so verlangen die Muslimen mit Recht die Achtung ihrer Rechte, aber auch die Christen suchen das, was sie von ihrem Besitz noch gerettet haben, eifrig zu Pflegen und zu bessern. Durch die jüngsten Ansiedlungen der Juden werden endlich deren Schutzmächte, abgesehen von der Türkei besonders Rußland und Oesterreich, wieder in ganz anderer Richtung für Palästina in Anspruch genommen. Fürwahr, merkwürdig viel Gegensätze arbeiten in dem kleinen Lande neben- und gegeneinander! Heute hat der Gedanke, sie mit dem Schwert in der Hand znm Austrag zu bringen, für die Mehrheit der Beteiligten sicherlich keine Zugkraft mehr. Man wird lieber aus einen Ausweg sinnen, durch den das Heilige Land überhaupt aus den Werten, mit denen die Politik rechnet, ausscheiden kann. Als solcher empfiehlt sich meiner Meinung nach, dem Lande unter ähnlichen Bedingungen, wie man sie dem Libanongebiet 1862 zugestanden hat, weitgehende Selbstverwaltung zu geben, es unter den Schutz der europäischen Großmächte zu stellen und es gegebenenfalls für politisch neutral zu erklären. So könnte das Land, das für drei Religionen hervorragende Bedeutung hat und deshalb oft der Schauplatz erbitterter Kämpfe gewesen ist, dauernden Frieden erhallen und für alle, die an ihm arbeiten wollen, eine Stätte friedlichen Wettstreits werden. J. Loewenberg, „Uns swei Mellen" h. Besprochen von Ludwig Geiger. akob Loewenberg hat uns mit einem trefflichen Buche \ beschenkt, das vielen Freude und Erquickung bereiten wird, wenn es auch noch nicht der jüdische deutsche Roman ist, den wir erhofften. I Aus zwei Quellen von Jakob Loewenberg. Egon Fleischel u. Co. Berlin 1914.

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