Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
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314 - war, was er seit seiner Begründung sein wollte: eine neutrale Stätte, an der alle Juden ohne Unterschied ihrer politischen und religiösen Richtung einträchtig Zusammenarbeiten in dem Bestreben, ohne irgendwelche tendenziösen Nebenabsichten die geistige und kulturelle Not der Juden des Ostens und des Orients zu lindern, zur sozialen, wirtschaftlichen und geistigen Hebung derer, denen wir unsere Hilfe angedeihen lassen, und im. Interesse der Gesamtjudenheit." Das Schulwerk des Hilfsvereins der deutschen Juden umfaßt 44 Anstalten: darunter in Galizien zwei mit 60 Schülern, in Bulgarien zwei mit 1800 Schülern, in Rumänien vier mit 800 Schülern, in Saloniki vier mit 700 Schülern, in der europäischen Türkei vier mit 600 Schülern, in Palästina 28 mit über 3000 Schülern, davon 14 in Jerusalem mit 2000 Schülern. Die Leistungen des Hilfsvereins auf dem Gebiete des Schulwesens verdienen die größte Beachtung. Während die Alliance in den ersten zehn Jahren ihrer Existenz nur 43 Schulen mit einer Schülerzahl von 5200 aufzuweisen hatte, unterhält der Hilfsverein, der erst seit 12 Jahren besteht, schon jetzt 44 Schulen mit einer Schülerzahl von 6960. Allerdings ist die .Schülerzahl der Allianceschulen seit 1900 um das Doppelte gestiegen: von 24 000 im Jahre 1900 auf 48 000 im Jahre 1911. Das ist ein Faktum, das der kulturellen Tätigkeit der Alliance ein glänzendes Zeugnis ausgestellt. Doch dürfen wir nicht vergessen, daß die Alliance über außerordentliche reiche Geldmittel verfügt, und daß die Gründung des Hilfsvereins, wie wir annehmen zu dürfen glauben, in Paris nicht unbeachtet geblieben ist. Das soll kein Tadel, sondern im Gegenteil, ein Lob für die Alliance sein, zugleich aber ein Beweis, daß die Gründung des Hilfsvereins eine Notwendigkeit war. * Es ist ein trauriges Bild, das der Bericht des Hilfsvereins über die Lage der Juden in dm Ländern der Unduldsamkeit entwirft:' Das Jahr 1913 hat den Inden in Galizien wiederum neue Not und neue Unglücksschläge gebrecht. Tie 0rcditeinschrünknng, die 1912 gegen Galizien einsehte, traf — wegen der Berufsgliedenmg der Juden lute wegen ihrer Zu rück - setzung bei der Kreditgewährung seitens der Landesbanken gegenüber anderen Elementen der Bevölkerung — speziell den jüdischen Handel und die jüdischen 'Kreditanstalten aufs härteste. Tie langanhaltende politische Krisis, die durch den Balkankrieg verursacht wurde und insbesondere die Interessensphäre Oesterreichs berührte, übte ans das schon in normalen Zeitläuften wirtschaftlich schwache Kronland Galizien, die Grenzprovinz gegen Nußland, den schwersten Truck ans. Tie Spannung infolge der Balkankonflikte und des österreichisch-russischen Gegensatzes, die militärische Aktionen Oesterreichs zur Folge hatte, bauerte bis tief in das Frühjahr 1913. Ueberfchwenmnmgen und Mißernten, die das Land heimsuchten, zogen auch die jüdische Bevölkerung in Mitleidenschaft. Tie schwerste Unbill und der schwerste Schaden wurde den Juden durch die Anwendung des nationalpolnisch'em Fanatismus entsprungenen Bvhkottshstems nach russisch-polnischem Muster zugesügt. Der ökonomische Antisemitismus, der auch bisher schon dem wirtschaftlichen Kampf zugrunde gelegen hatte, hat damit seine schärfste und gehässigste Form gefunden. Dieser Boykott wird dadurch charakterisiert, daß die niedrigsten und schändlichsten Mittel angewandt werden, die Polnische Stadt- und Landbevölkerung gegen die Inden aufzuhetzen, um diese gesellschaftlich zu boykottieren und wirtschaftlich zu ruinieren. Das schlimmste mW gefährlichste ist, daß dieser Kampf überall hingetragen wird, in die Kirchen, die Schulen, die Privathäuser, an die Krankenbetten, daß auch die Frauen und sogar die Kinder fanatisiert werden. Das Land wird mit tendenziösen Broschüren überschwemmt — als Titel einer solchen sei angeführt „Der Pogrom gegen das polnische Volk". Der niedere Klerus predigt den Boykott von der Kanzel herab und belegt den privaten und geschäftlichen Verkehr mit Juden mit schlveren Kircheustrafen. - - Kein Wunder, daß es dann dazu gekommen ist, daß jüdische Kaufleute in erheblicher Anzahl mit einem Schlage ruiniert werden, daß christliche Angestellte ihren Dienst bei Juden kündigen, Hebammen sich weigern, jüdische Wöchnerinnen zu besuchen, daß Heilmittel boykottiert werden, mit denen Juden handeln, und .Kranken, die sich zunächst von einem jüdischen Arzte behandeln ließen, später die ärztliche Hilfe eines christlich-polnischen Arztes versagt wird. In den Schulen Vergiftet man die Gemüter der Jugend, und dies geschieht nicht nur in kleinen Orten, sondern in den Hauptstädten, in Lemberg und Krakau; Lehrerinnen haben z. B. den Kindern während der Unterrichtsstunde erzählt, daß die Juden zur Bereitung des Ofterbrotes Christenblut verwenden, und sie ausgefordert, bei Juden nichts zu kaufen und auch von ihren Eltern das gleiche zu verlängern Diese Zustände, die der Barbarei in Rußland nahe kommen, bergen große Gefahren in sich. Im verflossenen Jahre ist auch' infolge der trostlosen Verhältnisse die Auswanderung aus Galizien eine -gesteigerte gewesen. Die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika — der Gradmesser für die Höhe der allgemeinen wie der jüdischen Auswanderung — war im Fiskal- und im Kalenderjahr 1913 so hoch wie seit einer Reihe von Jahren nicht. Die Zunahme der jüdischen Auswanderung ist mit auf den russisch-polnischen Boykott zurückzuführen, dem alsdann der galizisch-polnische Boykott gefolgt ist. Nicht viel besser sieht es in Rumänien aus. Der Bericht über die Lage der Juden dieses jetzt in nähere Beziehung zu Rußland getretenen Landes deckt sich so ziemlich mit dem der Alliarrce; wir beschränken uns daher auf die Wiedergabe folgender Notizen: Ein geheimer, vertraulicher, militärischer Befehl ist bekannt geworden, den das Blatt „Seara" vom 8. Oktober 1913 publiziert, der beweist, daß Rumänien nicht nur bis zum äußersten mit jndenfeindlichen Gesetzen geht, daß es nicht nur diese Gesetze durch die administrative Handhabung aufs schärfste und härteste zur Anwendung bringt, sondern daß noch Geheimbefehle erlassen werden, die verhindern, daß selbst das Mindestmaß an Rechten, die die Gesetze konzedieren, zur Durchführung kommt, und ferner, daß dies bereits eine bestehende alte Negierungspraxis ist! Eine der traurigsten Erscheinungen ist es, daß in Rumänien die Jugend — Mittelschüler und Studenten — durch die antisemitischen Agitationen fanatisiert wird, und auch im Jahre 1913 ist es wieder mehrfach zu tätlichen Ausschreitungen von Schülern und Akademikern gekommen. Gehören doch zu den Leitern der antisemitischen Bewegung nicht nur Hochschullehrer, sondern auch christliche rumänische Lehrer an jüdischen Mittelschulen! Ausführlich bespricht der Bericht die Lage der Juden in Bulgarien, der Türkei und Griechenland, und schließt mit sehr interessanten Mitteilungen über das Balkanhilsswerk. Wir erfahren, daß dieses insgesamt rund eine Million Frank erforderte. Ueber ein Drittel dieser Summe hat der Hilfsverein, der amch hier gemeinsam mit der ihm eng befreundeten Großloge des U. O. B. B. vorging, beigesteuert, und nahezu zwei Drittel der gesamten Ausgaben wurden durch den Hilfsverein zur Auszahlung gebracht. * Die unhaltbare traurige Lage der Juden in Rußland, der im Bericht ein längeres Kapitel gewidmet ist, wird bei «der Besprechung der Bildungsbeschränkungen besonders scharf beleuchtet durch folgende tabellarische Zusammenstellung der Gesuche um Aufnahme in die Hochschulen und der -glücklich Aufgenommenen. mit Aufnahme ausgenommen An der Universität zu Charkow .... suchten nach 187 wurden 28 „ „ „ „ Saratow .... 200 15 „ „ „ Juriew . . - . . 300 7 „ „ „ „ Moskau .... 376 16 . „ Odessa. 700 23 „ „ „ „ Kiew. 700 50 „ „ Techn. Hochschule zu Charkow . . 100 - 8 „ „ Handelshochschule zu Moskau . . 400 4 „ „ höh. Bergschule zu Ekaterinoslaw . 438 4 Am Polytechnikum zu Warschau .... 507 7