Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 27 Berlin, 3. Juli 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTT. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps-» Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag voi» Rudolf Mosse, Berlin. ffttftafr* Der zwölfte Jahresbericht des Hilfsvereins der deutschen jßNLIULL. Juden. Von A. K. — Die W o ch e. — I Loewenberq, „Aus zwei Quellen". Besprochen von Ludwig Geiger. — Was alte Leichensteine erzählen. Von Dr. L. Lazarus. — Jüdische Films. Bon Eugen Tannenbauin, Berlin. — Friedrich Gernsheim. Von K. Schurzmann, Berlin. — Feuilleton: Erlauschtes. Von Anna Winterni tz, Prag -- Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Lissa i. P., Görlitz, Strelitz, Köln, Nürnberg, Gotha, Wien. — Von Nah und Fern._ Der zwölfte Jahresbericht des hilfsoereins der deutschen Juden. er Hilfsverein besitzt nicht den universellen Charakter der Alliance, verfügt nicht wie diese über zinstragende Fonds und sonstige gewinnbringende Vermächtnisse; er ist ausschließlich auf die gelegentlichen Zuwendungen und laufenden Jahresbeiträge seiner Anhänger und Mitglieder angewiesen, die — von einer geringen Anzahl im Auslande abgesehen — aus deutschen Juden bestehen. Allein, in seiner Bedeutung als Hilfsorganisation steht er der Alliance nicht nach, in seiner segensreichen Tätigkeit kommt er nicht minder als diese den Unterdrückten und Verfolgten der jüdischen Gesamtheit zugute. Nur kleinliche, beschränkte Denkungsart und blinde Verkennung der eigentlichen Motive, die zur Gründung des Hilfsvereins führten, mögen noch jetzt von einer Konkurrenz des Hilfsvereins gegen die Alliance sprechen. Wer aber die Zeitverhältnisse unbefangen beurteilt und über die politische Lage der westeuropäischen Juden, wie die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts sie gestaltet haben, ernstlich nachdenkt, muß zu dem Ergebnis gelangen, daß die Gründung des Hilfsvereins kein überflüssiges Werk, sondern aus mannigfachen Ursachen eine unabweisliche Notwendigkeit, ein Akt der Humanität von größter Tragweite war. Ich möchte hier an ein Wort des verstorbenen H i r s ch Hildesheimer erinnern: „Auf dem Gebiete der Humanität gibt es keine Konkurrenz, für die sich betätigende Bruderliebe ist das Wort „unlauterer Wettbewerb" umsonst geprägt." Da gibt es nur einen edlen Wetteifer, ein bald gegenseitiges, bald gemeinsames von Mitleid und Barmherzigkeit dekretiertes Anspannen der Kräfte mit dem alleinigen Ziel, dort mit ihren Mitteln helfend einzuspringen, wo Hilfe dringend erforderlich ist, dort Licht zu verbreiten und neue Lebenswege zu ebnen, wo finstere Vorurteile und lnenschenentwürdigender Barbarismus den sozial Schwachen und geistig Geknechteten jeden Fortschritt hemmen und jede Lebensmöglichkeit unterbinden. Bei der großen materiellen und noch größeren geistigen Not, unter der viele Millionen des jüdischen Stammes seufzen, darf nicht darüber gestritten werden, ob die Alliance oder der Hilfsverein die berufene Organisation sei, Hilsswerke ins Leben zu rufen und auf Mittel und Wege zu sinnen, um das bittere Geschick der Schutz- und Wehrlosen einigermaßen erträglich zu gestalten. Da wäre es töricht, von einem Vorzugsrecht zu sprechen. Beide Organisationen, der Hilfsverein nicht minder als die Alliance, haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich als die berufenen Instanzen zu betrachten, denen es obliegt, das ihnen von ihren Mitgliedern und der jüdischen Oeffentlichkeit entgegenaebrachteVertrauen durch ihreWirksamkeit im Interesse der hilfsbedürftigen Stammesgenossen zu rechtfertigen. Und das tun sie beide in vollem Maße. Das geht, wie aus dem Bericht der Alliance, dessen Inhalt wir im Auszuge in der vorigen Nummer Wiedergaben, auch aus dem uns heute vorliegenden Bericht des Hilfsvereins hervor, dem wir folgende Details entnehmen: Die trübe Gesamtlage der Juden des Ostens und des Balkans erforderten Anstrengungen und Aufwendungen des Hilfsvereins, wie sie in gleichem Umfange nur in den Pogromjahren notwendig gewesen sind. Die Gesamtausgaben des Hilssvereins betrugen im Jahre 1913 annähernd eine M i l l i o n M a r k, und Zwar wurden durch den Hilfsverein für das Balkanhilfswerk einschließlich' der ihm vom American Jewish Committee überwiesenen Summe 370 000 Mark, für die Auswanderung und das Hilfswerk für Rußland 230 000 Mark, für das Schulwerk und dessen Verwaltung 294 000 Mark verausgabt und 40 000 Mark für andere notwendige Aufgaben. Auch im abgelaufenen Jahre, wie in jedem bisher, ist der Hilfsverein in weiterem Aussteigen begriffen. Die Mitgliederzahl hat sich erhöht. Mehr als 30 000 Mark an neuen Jahresbeiträgen hat ihm das Jahr 1913 gebracht, so daß er heute mit den Neuanmeldungen für 1914 bereits 187 000 Mark Jahresbeiträge hat und 27 000 Mitglieder. Mit dieser Summe an Jahresbeiträgen steht der Verein an der Spitze aller gleichartigen jüdischen Institutionen der Welt. Welch großes Vertrauen der Hilfsverein in allen Kreisen der deutschen Judenheit und darüber hinaus bei großen Teilen der ausländischen Juden besitzt, das erwies sich so recht während des traurigen Kampfes, der in der letzten Zeit gegen ihn inszeniert worden war. Die Einzelheiten dieses Kampfes sind noch in aller Erinnerung. Den: Versuche, der durch diesen Kampf gemacht worden ist, den Hilfsverein und seine Tätigkeit zu einer einseitigen Tendenz zu zwingen, seine Anstalten in Palästina gewaltsam in Bahnen zu drängen, die zu anderen Zielen führen als den seinigen, die da sind: — „d e r jüdischen Jugend des Orients durch eine sorgfältige traditionell jüdische, religiöse und w i ss e ns ch aft lich e Erziehung ein w i r t s ch a f t l i che s und kulturelles F o r t k o m m e u Z u e r m ögliche n" — mußte der entschiedenste Widerstand entgegengesetzt werden. Der Kamps hot das Gegenteil von dem erreicht, was er bezweckte. Man suchte den Hilfsverein mit allen Mitteln zu verdächtigen und zu schädigen. Aber gerade während der Kampf tobte, haben sich in reichem Maße die Sympathien dem Hilfsverein zugewendet. 20 000 Mark neue Jahresbeiträge sind ihm gerade während dieser Zeit Zugeflossen, und außerdem wurden ihm bisher Extrabeitrüge in Höhe von 200 000 Mark gegeben, die auf mehrere Jahre verteilt, die Tätigkeit des Hilssvereins nach jeder Richtung hin sichern sollen. Weitere besondere Beitrüge dieser Art gehen ihm noch fortwährend zu. „Das -- fährt der Bericht fort — ist die beste Antwort auf die Angriffe gegen uns. Der Hilfsverein wird sich, so lange er auf solches Vertrauen sich stützen kann, nicht irre machen lassen in seiner Tätigkeit, er wird bleiben, was er