Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229150--70528-3282878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

78. Jahrgang. Nr. 26 Der Oemeindevate. Berlin, 26. Juni I9H Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums" korrrlpondrnHm und Aschrichten. SeutschlanL. Y. Berlin, 23. Jnn,i. Unter Teilnahme staatlicher undstädtischer Behörden, 'fast sämtlicher Mitglieder des Vorstandes- und der Re- Präsentant enversammlung der Jüdischen Gemeinde, Zahl reicher Gemeinde Mitglieder und Gönner aller jüd-ilschen Wohlfahrtsib-estrebungeu wurde gestern mittags 12 Uthr das neue Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde feierlich ein>gewei>ht. In Vertretung des Herrn M i n i st e r s> des Innern war Geheimer Meidiizmalrat Dr. K r o >h n e, vom Magistrat der Stadt Berlin waren die Herren B ü r g e r m e i st er Dr. Reicke, Geheimer Sanitätsrat Dr. Straß m a n n und Geheimer Regierungsrat Dr. Weber, als Vertreter der Sta'dtverordnetenvers ammlung außer dem Stadtv erordnetmvorsteher M i ch eiet die Stadtverordneten Gericke, Dr. W e y.l, L o e s e r und I saa c, -ferner Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat B u m m, der Präsident des Reichsgesinndheitsamts, Polizeipräsident v. L ü d i g h a u s e n - Schöneberg, und- Ä Vertreter des Magistrats von Schöneberg Herr Stadtrat Sanikätsrat Dr. Rabnow, als Vertreter Neuköllns die Herren Oberbürgermeister Kaiser und Stadtverordnetenvorsteher Sander erschienen. Auch der ehemalige Gemeindeälteste L. M. Bamber-ger, sowie die Erbauer des neuen Hauses, die Herren königlichen Bauräte R e i m e r und Körte, wohnten der Feier bei. Ginget eit et wurde der festliche Mt durch den Chorgesang,: „Wie lieblich ist deine Wohnung, o Herr!" Dann ergriff zunächst Herr königlicher Baurat Körte das Wort. Er dankte allen, die mitgeavbeitet' und das Werk gefördert halben, den jüdischen Gemeindebehörden, der Baukommission und dem Vorsitzenden derselben, Herrn Kommerzienrat Netter, den Aerzten, die ihre Zeit geopfert Zur Erteilung, der wichtigen Informationen' für Einrichtungen itifnx, den Beratern der technischen Leitung, mb ganz besonders auch der Gartenv-er Wallung, deren Vorsitzender in Herrn Garteninrspektor U l r i ch einen» Fachmann zur Verfügung stellte, mit dessen Hilfe die so wirkungsvollen gärtnerischen Anlagen erst erstehen konnten. Mit der Bitte, daß man sich, falls sich, hier und da kleine Mangel dennoch vorsiniden sollten, mit ihm .in Verbindung setzen und nicht -gleich den Stab über ihn brechen möge, übergab er den Bau dem Vorstand. Darauf hielt Rabbiner Dr. Weiße die Weihepredigt: Wer objektiv-kritisch den Erscheinungen unserer Zeit nachgehe, der werde nicht verkennen, daß der Zug unserer Zeit nach religiöser Verinnerlichung strebe. Wir belsinden uns in der Periode der Wiedergeburt desreligiösen Empfindens. Hineingeftellt in eine Webt der technischen und sonstigen Errungenschaften, die mit titanischer Knast nach vorwärts dringt, .sucht unser Geschlecht einen Ausgleich in der Schassung des Guten, nicht wehr planlos, nicht mehr für eirren engen Kreis, sondern umfassend und großzügig. So ist die Humanität, die ein ,feinsinniger deutscher Dichter als die herzlichste Blüte feierte, zu einer Kraft'geworden, die immer mehr das« öffentliche und soziale Leben gestaltet. In der Bibel wird Gott oft als Arzt bezeichnet. Darum wurde bei den Juld-en von altersher die Ausübung der Krankenpflege und der Heilkunde als ein göttliches Tun betrachtet, daher sei nach der Vorschrift der Religion' der Arzt, wenn er in seinem Beruf tätig, ist, befreit von der Jnnehaltung verschiedener religiöser Gebote, denn fein. Tun ist göttlich. Und darum ist der Arztberus bei den Juden' stets bevorzugt und mit Vorliebe ergriffen worden. Gerade in den traurigsten Leidenszeiten wandten sich die Juden in großer Zähl dem.ärztlichen Berufe zu. Das bezeugt am deutlichsten den unerschütterlichen Glauben der Juden an die werbende Kraft des gütigen Menschenherzens, eineu Glauben, den sie sich nicht entreißen ließen. Groß ist die Zahl hervorragender Meister und Lehrer der medizinischen Wisseuschast unter den Juden in alter wie in neuer Zeit. Von jeher war auch den Gemeinden die Krankenpflege ein oberstes religiöses Gebot. Wo immer sich eine jüdische Gemeinde bildete, war die erste Institution die für die Kranken. Die jüdische Gemeinde Berlin hatte vom ersten Tage ihres Bestehens diese Wohlfahrtsinstitution. Vor 238 Jahren, lange Jahrzehnte vor dem Bau eines Gotteshauses, entstand in Berlin das erste Krankenhaus. Die weitere Entwicklung wird dann von dem Herrn Rabbiner in kurzen Strichen gezeichnet und besonders betont, daß man bei den großen Anforderungen, die in den letzten Jahrzehnten an die Jüdische Gemeinde auf den verschiedensten Gebieten gestellt waren, den Gemeindebehörden doppelt dankbar sein müsse, daß sie uns dieses mit den Errungenschaften der modernen medizinischen Wissenschaft ausgestattete herrliche Krankenhaus geschaffen haben. „Wir sind stolz darauf, daß dieses Haus als ein Wahrzeichen echter Humanität und Religiosität emporragt. Möge der Segen Gottes über diesem Hause walten. Wir aber wollen in dieser seierlich-ernsten Stunde das Gelöbnis ablegen, daß wir bestrebt sein wollen, unseren Mitmenschen, die in Leid und Drangsal sind, zu helfen, noch bevor sie an die Pforten dieses oder eines Krankenhauses überhaupt pochen, wir wollen Vorbeugen, und dabei wollen wir keinen Unterschied machen, ob der Kranke unserer Abstammung und unseres Bekenntnisses ist oder nicht." Er schloß seine eindrucksvollen Worte mit innigem Gebet und dem Segen für alle, die in dem neuen Hanse Zu wirken berufen sein werden, für die Gemeinde, ihre Vorsteher und Vertreter, für die Vaterstadt, für Kaiser und Reich. Dann folgte der Chorvortrag des Psalms „Gott ist mein Hirt." Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. Feilchenfeld begrüßte hierauf die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, sowie alle Erschienenen namens des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde. Er gab einen hochinteressanten historischen Ausschnitt aus der Geschichte der jüdischen Krankenpflege in der Berliner Gemeinde. In dem neuen Krankenhaus, das zunächst für 230 Betten eingerichtet sei, würde jedes Bett etwa 15 000 Mark kosten und, wenn man die Grunderwerbskosten hinznrechne, sogar auf 20 000 Mark zu stehen kommen. Allein, so hoch das erscheine, dürfe mit Genugtuung festgestellt werden, daß dafür das neue Krankenhaus sich den besten und modernsten gleichstellen dürfe. Bon Interesse aus seinen Mitteilungen ist ferner, daß im jüdischen (alten) Krankenhaus im vergangenen Jahre auch 155 Nichtjuden ausgenommen und verpflegt wurden, und daß in diesen Tagen dem Staate für den Kriegsfall 30 Betten im neuen Krankenhaus zur Verfügung gestellt sind. Er stattete namens des Vorstandes zugleich allen Gönnern Dank ab und teilte ferner mit, daß Frau Rosa Sachs zu diesem Tage 10 000 Mark zugunsten solcher Kranken gespendet habe, die aus der Krankenpflege bereits entlassen sind. Sein Dank gelte auch den Erbauern des Hauses, vor allem aber Gott, der seine schirmende Hand über das Haus halten möge, wie er es während des Baues getan, da auch nicht ein einziger Unfall beim Bau zu beklagen sei. Herr Louis Sachs erklärte hieraus sich bereit, als Vorsitzender des Krankenhausvorstandes das neue Gebäude zu übernehmen. Es gereiche ihm zur großen Freude, heute, nach 33 jähriger Amtszeit, diesen Tag zu erleben. Er schilderte dann Geschichte und Zustände des alten Krankenhauses, das trotz seiner Mängel Großes geleistet habe und auch von Nichtjuden gern ausgesucht wurde. Die neue Anstalt kostet, wie Herr Sachs im einzelnen dartut, insgesamt mit Grunderwerbskosten und innerer Einrichtung 4 800 000 Mark. Er dankte der Stadt Berlin, daß sie den Baugrund zu mäßigem Preise der Gemeinde abgegeben, ferner der Baukonunission und deren Vorsitzendem Netter, den Baumeistern Körte und Reimer, den Aerzten, dem Damenkomitee und besonders der Vorsitzenden Frau G e r s o n, die eigens aus der Sommerfrische im Süden zur heutigen Einweihungsseier hergekommen sei. Mit der Einweihung sei aber das Werk noch nicht vollendet; noch fehlen unter anderem Abteilungen für Nervenkranke, für Haut- und Geschlechtkrankheiten usw. Er schloß, indem er an die Worte seines Vorgängers Simon Deutsch bei der Einweihung des alten Krankenhauses „Aller Anfang mit Gott" erinnerte und den Segen Gottes auch auf dieses neue Krankenhalls herabflehte. Nalnens des Herrn Ministers des Innern sprach dessen Vertreter, Herr Geheirner Medizinalrat Dr. Krohne, den Dank für die Einladung aus. Er empfinde persönlich Genugtuung darüber, daß der Herr Minister ihn beauftragt hat, an der Feier teilzunehmen. Das Krankenhauswesen inr allgemeinen habe irr letzter Zeit eine große Unnvandlung erfahre«'. Was es früher gab, waren meist nur Siechenhäuser, jetzt aber wäre eine ganze Reihe großartiger Krankenhäuser entstanden. Der Herr Minister habe mit großem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.