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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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812 Tome LXVI. No. 131. t er Juillet 1913. Tonte LXVII. No. 132. 1 er Octobre 1913. Paris. A la Libralric Durlacher, 142 Ilue du Faubourg Saint-Denis. 1913. Die beiden Hefte der Vortrefflichen Zeitschrift enthalten zum Teil Fortsetzungen von früher schon erwähnten Arbeiten. Der Charakter der Zuschrift bleibt sich gleich: Biblisches, Talmudisches, Geschichtliches lnamentlich aus der Geschichte der Juden in Frankreich) wird gleichmäßig berücksichtigt. Bon ganz besonderer Wichtigkeit war mir die tüchtige Arbeit von Liber über die Juden und die allgemeine Ständeversammlnng. Auch die Protokolle über die Sitzungen der Gesellschaft bieten mannigfaches Interesse, namentlich durch die Mitteilung der eleganten Neben, die in ihnen gehalten werden. Manche deutsche Zeitschrift könnte sich an dieser französischen Schwester ein Muster nehmen. L. G. * -- Ci n e h e b r ä i s ch e A n t h o t o g i e. G e o r g e A lerander K o h u t. 2 Bände. Berlag von S. Bacharach, Cincinnati 1913. 1399 Seiten. Preis 7,50 Dollar. Auch in dem neuesten Werk, das George Alexander Kohut unter dem obigen Titel herausgegeben, zeigen sich alle Vorzüge dieses Gelehrten und Forschers. Bereits haben die namhaftesten amerikanischen und englischen Kritiker das in englischer Sprache erscheinende umfangreiche Werk mit warmer Anerkennung besprochen, doch verdient es, daß auch die deutsche maßgebende Publizistik es gebührendermaßen würdigt. Die vorliegende Sammlung ist die umfangreichste ihrer Art, die je in englischer Sprache erschienen ist. Kohut hat in seiner umfassenden Anthologie fast alles verzeichnet, indem er sämtliche Gedichte und Auszüge aus Dramen englischer oder amerikanischer Dichter, ausnahm, die auf Juden Bezug haben. Die Auswahl ist vorzüglich getroffen. Die meiste Beachtung verdient wohl jener Abschnitt, der den metrischen Uebertragungen und Paraphrasen biblischer Originale gewidmet ist. So wird zum Beispiel das vollständige Buch der Psalmen in verschiedenen Formen der englischen Poesie wiedergegeben. Und zwar von Autoren, unter denen sich berühmte Namen, wie John Milton, John Addison, George Herbert, Thomas Moore, Philipp Sidneh, James Thompson, Elisabeth Barrel Browning, Lord Byron, Fitz Green Halleck, Felicia Hemans und Lydia Sigourney befinden. Es sind darin auch berühmte nretrische Wiedergaben enthalten von Kapiteln aus Jesaias, Jeremias, Hesekiel, Daniel, Jona, Habakuk, Sprüche Salomonis und dem Buch Sirach. Zu diesen biblischen Sammlungen fügte der Sammler mit unermüdlichem Fleiß und feinem Geschmack Uebertragungen aus dem Talmud und Midrasch, Legenden von Dichtern, die mehr oder weniger berühmt waren, sowie Originalgedichte über jüdische Themen aus der Feder nichtjüdischer Verfasser. Band I enthält lyrische, erzählende und geistliche Gedichte, und Band II Auszüge aus Xrmneit, und zwar Jahrhunderte vor der Zeit der Königin Elisabeth beginnend bis zum heutigen Tage. Es ist hochinteressant, auf Grund dieser Anthologie den Einfluß der Bibel, der hebräischen und talmudischen Poesie und Literatur auf die christlichen Poeten zu verfolgen. Ihm ist das Verdienst zuzuschreiben, daß er einige Edelsteine der lyrischen, novellistischen und dramatischen Poesie aus bisher unbekannten Quellen hervorgeholt, die nunmehr durch ihn in glänzender Fassung dem Publikum dargeboten werden. Er hat auch recht daran getan, daß er nicht bloß die Berühmtheiten, sondern auch die weniger bekannten Alltoren, die aber Treffliches leisteten, zu Worte kommen ließ. So finden wir z. B. in seiner grundlegenden Anthologie eine sehr interessante alte angelsächsische Paraphrase der Judithsage, die im neunten Jahrhundert entstand, sowie Bruchteile einer merkwürdigen und bedeutsamen Beschreibung vom Sündensall und einen dramatischen Auszug aus ,.The songs of songs“, der von einer Dichterin des achten Jahrhunderts geschrieben wurde. Der zweite Teil, die Apokryphen und die nachbiblischen Ueberlieferungen umfassend, ist besonders wegen der vielen Gedichte über Zion bemerkenswert. Dieselben enthüllen das Sehnen des menschlichen Geistes nach einem idealen Jerusalem, wie es in dem Herzen und dem Kopf des Dichters lebte und webte. Doch muß ausdrücklich bemerkt werden, daß es - nicht Zionisten in modernem Sinne waren, die ihren Gefühlen und Empfindungen für Jerusalem Ausdruck gaben. Der dritte Teil der Anthologie ist wohl der wertvollste, da er sehr vi;l Neues und Interessantes bietet. Dort wird der Einfluß nachgewiesen, den die rabbinischen Schriften auf große englische Poeten ausgeübt haben. Am Schluß des ersten Bandes befinden sich noch einige kraftvolle Proteste gegen die Bigotterie und Unduldsamkeit, wie sie von einigen christlichen Schriftstellern gegen die Juden geübt wurden. So kann man sein Werk in der Tat als ein grundlegendes bezeichnen, das in höchst dankenswerter Weise eine Lücke in der Literatur ausfüllt. Es ist nicht eine sinn- oder systemlose Zusammenstellung des unendlich reichen Materials, sondern das Ergebnis eines wohldurchdachten Planes, der dazu dient, den Beweis zu liefern, daß die hebräischen und biblisch-rabbinischen Schriften die englische Literaturmächtig beeinflußt haben. A d o l p h K o h u t # — I. Herzbe r g. Ringende Gewalten. Ein Posener Ghettoromau aus der Zeit des siebenjährigen Krieges. Jena, Hermann Costenoble, 1913. 160 S. 2,25 Mark. Joseph Hameln, der sich in Posen mi? der Jeschiba talmudischen Studien widmet, lernt dort Malta, die Tochter des ersten Borstehers Salomvn Perez kennen und lieben. Der Bereinigung mit der Geliebten steht der Widerstand der Gemeinde und der des Vaters, der auf die Anschauungen der Gemeinde Rücksicht nehmen zu müssen glaubt, entgegen, denn die Welt der Posener Judenheit ist eine ganz andere als die der deutschen Juden, zu denen Joseph Hameln gehört. Da fügt es das Geschick, daß Joseph Hameln der Gemeinde, ihren Vorstehern — unter ihnen auch Salomou Perez — sowie der bvn ihm geliebten Malka einen großen Dienst zu leisten vermag lind sich dem geliebten Mädchen den Weg zum Glücke bahnt. Düe Erzählung spielt im Jahre 1759, während dessen Posen und besonders die dortige jüdische Gemeinde sehr unter den Wirren des siebenjährigen Krieges zu leiden hatte. Die Erzählung ist, wie die Inhaltsangabe beweist, nicht gerade reich an Handlung. Das würde an sich noch kein Fehler sein, wenn sie sonst Vorzüge in der Entwicklung ihres Problems und seiner Lösung, in der Verwendung des geschichtlichen Materials oder sprachliche Schönheiten aufzuweisen hätte. Es muß leider gesagt werden, daß nichts von alledem der Fall ist. Das Problem des Gegensatzes Zwischen der polnischen und deutschen Judenheit des achtzehnten Jahrhunderts — soweit von einem Gegensätze die Rede sein kann — müßte doch eingehender behandelt und vor allem vertieft werden, um den Widerstand des Vaters und der Gemeinde gegen die Verbindung Malkas mit Joseph Hameln glaubhaft und verständlich zu machen. Besonders, wenn es sich um einen Sohn der Glückel Hameln handelt, mit deren Kindern Abkömmlinge der besten Familien der deutschen Judenheit Ehebündnisse eingegangen sind. Aber gerade das ist ein Hauptfehler der Erzählung, daß sie den Glanz, der von dem Namen der Glückel Hameln ausstrahlt, sich zu eigen zu machen sucht. Abgesehen von dem Namen Joseph Hameln, der Person des Grün-Mosche und dem Briefe der Glückel an ihren Sohn, in welchem der Verfasser sich an die Denkwürdigkeiten der Glückel etwas enger anlehnt (S. 73/74, vergleiche die Ausgabe Kaufmanns S. 121 bzw. die deutsche Ausgabe Feilchenfelds S. 101/102), steht der Joseph Hameln der Erzählung zu seinem Vorbild in gar keiner inneren Beziehung. Dazu kommt, daß die geschichtlichen Daten in keiner Weise stimmen. Glückel Hameln wurde im Jahre 1646 geboren und ist 1724 gestorben. Da sie nur 1660 geheiratet hat, so mag ihr Sohn Joseph, ihr neuntes Kind, um 1770 geboren worden sein und um 1785 bis 1790 in Lissa — nicht in Posen —- studienhalber sich aufgehalten haben. Joseph Hameln heiratete später eine Tochter des Meir Stadthagen in Kopenhagen. Diese Darlegungen waren notwendig, um den Erweis zu erbringen, daß der Verfasser den Begriff der dichterischen Freiheit denn doch etwas zu weit gefaßt hat. Gewiß mag er die Tatsachen seinen Zwecken dienstbar machen, gewisse Personen, die durch ein Jahrhundert voneinander getrennt sind, in persönliche Beziehungen zueinander setzen, aber die dichterische Wahrhaftigkeit darf darunter nicht leiden, die dichterische Freiheit nicht zur Willkür werden. — Die Sprache der Erzählung entbehrt der stilistischen Schönheit, wenn auch nicht verkannt werden soll, daß sie einige ganz hübsche Schilderungen, beispielsweise der bedrückten und rechtlosen Lage der Posener Juden, des feierlichen Gottesdienstes beim Amtsantritt der neuen Darschans und jüdischen Sitten auszuweisen hat. Aber als eine wertvolle Bereicherung unserer Erzählungsliteratur kann ich das Buch nicht bezeichnen; es hinterläßt keinen bleibenden Eindruck. N. M. Nathan.

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