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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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311 - und Nebel. Wir stehen am Tvr und läuten. Im Ru macht uns der Portier, der heute ausnahmsweise in voller Uniform Mar, das Tor auf und läßt meinen Freund hinein und versperrt mir den Weg: „Verzeihen Sie, Herr, Sie dürfen nicht hinein! Der Schutzmann war da! Er hat es streng verboten!" „Was schwatzest du da für Unsinn?" rief mein Freund zornig aus. „Laß durch! Ich befehle es -dir! Ich bin der Hausherr und bin für alles verantwortlich! Mögen sie mich bestrafen!" „Es tut mir sehr leid, gnädiger Herr, aber ich kann nicht anders. Es ist sehr streng jetzt." Diese laute Unterhaltung brachte mich nun doch in Zorn, so spuckte ich denn aus und ging fort. Aber bald hörte ich meinen Freund hinter mir: „So höre mich doch um Gottes willen an, Boris! Renn doch nicht so!" Seine Stimme war so weich, so warm. Dies erfüllte mich mit einer Art Genugtuung. Soll er wissen, was es heißt, ein Jude zu sein! dacht' ich mir. „Verzeih mir. Lieber! Weiß Gott, ich habe nichts geahnt! So eine Lumperei! Einen hinauszujagen wie den gemeinsten Verbrecher! Kounp mit mir!" Ich schwieg, aber er redete so lange in mich hinein, bis ich umkehren mußte, und zwar nur dazu, um den Portier um Rat zu fragen, wohin ich mich wenden könnte, um diese Nacht zu verbringen. Und richtig, der Portier wußte zu raten. „Wenn Sie sich nicht beleidigen," sagte er, „werde ich Ihnen sagen, wo Sie Unterkommen können. Da drüben, schräg gegenüber wohnt ein alter Mann; er vermietet Zimmer an „solche Mädchen". Vielleicht hat er zufällig ein Zimmer frei. Fragen Sie an!" Mein Freund sah mich an, ich ihn . . . und wir verstanden uns . .. Nach einigen Minuten standen wir drüben in einem dunklen Korridor und unterhandelten mit einem großen, hageren, „ehrwürdigen" Greise. „Jawohl, es ist da ein Zimmer frei, dasjenige, wo die Eugenie wohnte. Sie ging ins Krankenhaus, aber abgemeldet ist sie nicht. Wenn Sic wollen, können Sie ihr Zimmer für zwei Tage haben. Nur müßte ich Sie bitten, sich möglichst wenig bemerkbar zu machen. Denn wenn es die Polizei erfahren sollte, so könnte es mir schlecht gehen!" Ich war so abgespannt und müde, daß ich keine Kraft hatte, weiter zu unterhandeln, und schon nach ein paar Minuten warf ich mich angckleidet aufs Bett der unbekannten Eugsnie und schlief sofort ein/ Nach kurzer Zeit wurde ich durch ein heftiges Klopfen geweckt. Es trommelte jemand mit Wucht und brummte und schrie mit heiserer Donnerstimme. Kalte Schauer überliefen meinen Körper vom Kopf bis zu den Füßen. Der Schlaf entwich. Mit weit geöffneten Augen saß ich aufrecht und bebte und zitterte wie im Fieber. (Schlup folgt.) Littrsrilchr Mittrilungrn. — C h r i st o p .1) M arti n Wieland als Dichter und Denker. Lichtstrahlen und goldene Worte aus seinen sämtlichen Werken und Briefen. Bon Dr. Adolph Kohut. Leipzig 1914. Walter Markgraf. Preis 2,50 Mark. Dieses Bach wird nicht wegen seines Inhalts, sondern um seines Verfassers willen hier angezeigt, der einer der ältesten und fleißigsten Mitarbeiter dieser Zeitung ist. ' Denn das Buch enthält, soweit ich sehe, durchaus nichts Jüdisches. Es ist eine nützliche Zusammenstellung nach besonderen Rubriken. Und zwar folgenden: „Einiges aus dem Leben und Schaffen Christoph Martin Wielands; Reflexionen, Maximen und Lebensgrundsätze; Mensch und Leben, Natur und Welt; Religion und Christentum; Deutschland, deutsches Volk, Napoleon I., politische Freiheit und Knechtschaft, Staat und Gesellschaft; Liebe, Frauen und Ehe; Vom Humoristen Wieland; Literatur, Dichtung, Kritik, Theater und Kunst; Persönliches und Biographisches." Die Zusammenstellung ist Zwar ganz nützlich, aber sie beachtet keineswegs alle Schriften Wielands, namentlich nicht die zahllosen Aufsätze in Zeitschriften. Sie mischt außerdem manches Ungehörige zusammen und läßt gar vieles Charakteristische aus. Für Wieland wäre, itm feine literarische und politische Stellung zu begreifen, ein besonderer Abschnitt über die französische Revolution, ein anderer üktzr sein Verhältnis zur französischen Literatur und Kultur nötig gewesen; man hätte wohl auch' erwarten können, daß sein Verhältnis zu einzelnen Schriftstellern, Herder und Goethe, auseinandergesetzt worden wäre. Ueberhaupt glaube ich — dieses ist allerdings eine allgemeine Bemerkung, die sich nicht speziell gegen Kohut, sondern gegen derartige „Lichtstrahlen" überhaupt wendet — daß solche Sammlungen gar zu sehr geeignet sind, ein falsches Bild einer Persönlichkeit zu geben. Denn ein Schriftsteller, der so lange gelebt und geschrieben hat wie Wieland, ist kein einheitliches, sondern ein sehr komplexes Wesen. Ein Mensch, der zu verschiedenen Zeiten verschieden denkt, sich widerspricht, tm Alter das Entgegengesetzte von dem behauptet, was er in der Jugend gesagt hat. Es mühte daher eine solche Sammlung, wenn man sie überhaupt nach Materien ordnet — dann aber müßte die Materie eine einheitliche sein und nicht wie hier in den einzelnen Abschnitten ganz verschiedenartige, manchmal heterogene Dinge Zusammenfassend — innerhalb der einzelnen Abschnitte chronologisch geordnet sein; erst dann würde man eine rechte Auffassung von der Entwick l u n g der Anschauungen eines Schriftstellers erhalten — und darauf kommt es doch hauptsächlich an. Die Einleitung über das Leben und Schaffen Wielands ist recht dürftig, eine wirklich? Vorstellung seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung erlangt man bni’iit nicht. Aber da es versucht, das Andenken Wieland, der in breiten Kreisen jetzt ziemlich vergessen ist, jetzt wieder aufleben zu machen, soll das Buch willkommen geheißen werden. L. G. * — Jakob Philip p Fallmerayer: Schriften und Tagebücher. Fragmente aus dem Orient. Neue Fragmente. Politischhistorische Aufsätze — Tagebücher. In Auswahl herausgegeben und eingeleitet von Haus Feigl und Ernst Molden. 2 Bände. 1913. München und Leipzig bei Georg Müller. Das hätte man wohl kaum geahnt, daß dem wackeren Fallmerayer ein Wiederaufleben gegönnt würde. Er gehörte zu den Schriftstellern, die man stets und überall achtungsvoll nannte, von deren Werken man aber herzlich wenig wußte. Fallmerayer, geboren am 10. Dezember 1790, gestorben am 25./2G. April 1861, war Fragmentist, wie er sich gern nannte. Hebbel hat ihn einmal gezeichnet: „Bewunderungswürdig und vielleicht beispiellos und einzig ist sein Blick für die Physiognomie der Erde und für das Antochthonisch'e der Völker, welche ihre verschiedenen Striche bewohnen; er stellt den Menschen und die Natur, wie sie sich.gegenseitig bedingen, mit fast dramatischer Energie hin." F. war in den Freiheitskriegen Soldat, dann Professor, reiste vielfach im Orient, beteiligte sich an der orientalischen Frage, war Mitglied des deutschen Parlaments, der sogar bei dem Rumpfparlament in Stuttgart aushielt. Seine Skizzen aus dein Orient und aus Griechenland sind noch heute höchst lesenswert, obgleich gar manche von ihm vorgebrachte wissenschaftliche Theorie als unhaltbar widerlegt worden ist. Für unsere Leser ist die neue Sannnlnng schon deswegen zu erwähnen und nachdrücklich Zu empfehlen, weil in ihr Band 1, S. 45—141, zwei 1851 geschriebene Aufsätze: „Bier Wochen in Jerusalem" und „Die heiligen Oertlichkeiten in Jerusalem" abgedruckt werden. Der erste Aufsatz ist rein landschaftlich und zeigt die Vorzüge, die Hebbel an unserem Schriftsteller rühmte, der Zweite gibt weniger eine Beschreibung als eine Geschichte der Belagerung und Zerstörung Jerusalems, Mitteilungen über den Ort, wo Christus gekreuzigt wurde. Leider sucht man darin vergebens ausführliche Bemerkungen über die damaligen Zustände der Juden in Jerusalem. Außerdem ist für unsere Zwecke besonders wichtig die kurze Besprechung von Döllingers Schrift „Heidentum und Judentum. Vorhalle zur Geschichte des Christentums". Dagegen enthalten die Tagebücher kaum eine Notiz, die jüdische Verhältnisse oder Persönlichkeiten streifen. Aber die erwähnten Aufsätze über Jerusalem sind allein schon bedeutsam genug, um eine Erwähnung des sehr würdig ausgestatteten Neudrucks an dieser Stelle zu rechtfertigen. L. G. — Revue des Etudes Juives. Publication Trimestrielle de la Societe des Etudes Juives.

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