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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 310 (sequence 10)
Language
German
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des antisemitischen Merkers hingewiesen, damit sie in rastloser Arbeit die Leistirngen ihres gottesdienstlichen musikalischen Apparates wie auch die eigenen zur höchsten künstlerischen Vollendung führen, um damit Religion und Kunst in schönster Verbindung der Gottesverehrung zu weihen. Lrlsulchtes. Swirski. Aus dem Russischen übertragen von Anna W i n t e r n i tz, Prag. 3ch sitze am Verdeck. Meine müden, übersättigten Augen gleiten mit Entzücken über die üppig-grünen Ufer des Dnjepr, die nebenan an uns vorüberzufließen scheinen. Es ist ein herrlicher Junimorgen. Die noch nicht allzu heißen Sonnenstrahlen durchzittern die zarte Luft; sie streuen glitzernde Silbergarben aufs Wasser, vergolden mit rötlichem Glanz die Ufer und führen, in abwechselnder Reihenfolge, einen Tanz aus voll schimmernder Farbenpracht. Das rechte Ufer, hoch und steil, steht unter dem blauen Feiertagshimmel aus wie eine endlose Kette lebender Dekorationen. Ruhig und ernst kommt an uns das Kloster vorbei mit seinem Glockenturm, der fünftürmigen Kirche, dom Gasthalls und den einsamen schwarzen Gestalten der Mönche im dichtbeschatteten Parke. Hinter dem Kloster erscheint, einer grauen, schwebenden Wolke gleich, eine Herde von Schafen am Bergesabhang. Ein wenig weiter lacht, über dem üppigen Grün der Garten, eine leuchtende Hütte uns freudig entgegen. Weiter kitzelt das Auge der Anblick der reifenden Weingärten mit ihrer nahen Ernte. Und dort, in der Ferne, am grausteinigen Abhang heben sich kletterartig die kleinen Häuschen einer Stadt vom strahlenden Himmel ab. Ueberall, wohin das Auge reicht, ist Licht, Schönheit, Leben und Kraft. Ich aber habe schon all meine Begeisterungsfähigkeit auf dieser Reise aufgebraucht, bin schon genußsatt und muß, wenn auch widerwillig, meine Aufmerksamkeit der nächsten Umgebung znlvenden. Der alte Dampfer schleppt sich nur mit großer Mühe vorwärts; er faucht, pfeift, zittert und plätschert mit den Bindern überm Wasser, wie ein kranker Vogel mit seinen durchschossenen Flügeln. Es klirren die Räder der verbrauchten Maschine und die billige Steinkohle strömt einen rauchigen Dllnst aus. Es ist früh am Morgen, aber trotzdem läßt die Sonne schon ihre Macht fühlen. Ich sitze im Schatten der Kapitänsbrücke und lausche einem lauten Männerlachen, das in brausenden Kaskaden vom Innern des Dampfers hinauftönt. Ich weiß, wer so lacht. Es sind Passagiere erster Klasse. Sie sitzen gerade beim Frühstück in der Kajüte. Es sind ihrer drei: ein reicher Gutsbesitzer am Dnjepr, ein Hüne, mit einem schamgrauen Bart, glatten Schädel und einem jungen Gesicht, welches an dasjenige des Weihnachtsmannes erinnert; der zweite ist ein Militärarzt aus Eherson, ein kleiner schwarzäugiger Herr in weißem, frischgewaschenem Kittel mit Epauletten, die auf seinen noch kindlichen Armen baumeln; der dritte ist ein Getreideerporteur aus Odessa, ein untersetzter Mann auf kurzen Beinen, mit großen, grauen Augen und einem sorgsam zugestutzten Bart. Gutsbesitzer, Arzt und Exporteur „duzen" einander und ihr gegenseitiges Verhältnis zeigt jene eigentümliche Familiarität, die den Bewohnern Südrnßlands eigen ist, dort, wo es so'viel Weizen, Zucker und Geld gibt, wo die Menschen Wein statt Wasser trinken und wo die Freundschaft beim „Brudertrunk" ihren Anfang nimmt. Ich beobachte sie seit gestern abend und muß gestehen, daß mich, den übermüdeten, entnervten Petersburger, ein Gefühl des Neides überkam beim Anblick dieser gesunden, ruhigen und ach, so fröhlichen Menschen. Es zieht mich ganz mächtig zu ihnen, und freudig zuckte ich aus, als ich alsbald bemerkte, daß die drei Herren die Treppe zum Verdeck hinaufstiegen, noch inr Gehen krampfhafte Lachsalven mit Mühe unterdrückend. „Ho, ho, ho!" dröhnt es, wie aus einer Kanone, aus des heldenhaften Gutsbesitzers Brust. „Geh zum Kuckuck!" ruft er dem Exporteur zu. „Wenn man mit dir spricht, kann man vor Lachen platzen! Und ist das alles auch wirklich wahr? Ho. ho, ho!" Der Exporteur hält an sich, er lacht nicht. Aber man merkt, wie seine Pupillen tanzen und die festgeschlossencn Lippen beben. Er trägt einen weißen englischen Anzug und einen Panamahut; in der blaßlila Krawatte blinkt ein seiner Saphir. Der Arzt will seine Lachlust bekämpfen: er pustet, zischt, hustet, niest, hat die Augen voller Tränen und das kleine, schmale, schwarzäugige Gesicht ist von einer dunklen Röte überdeckt. Erst nach einer Weile wendet er sich an den Erporteur, aber auch da mit schwerer Mühe, denn das ausbrechende Lachen verschlägt ihm die Rede. „Nein . . . s . . . s ... sag mir, Boris Jljitsch, n ... n ... nur das eine, hi . . . hi . . . hi . . w . . . wie war das möglich, daß . . . s . . . s . . . der Oberst nicht gleich . . . Kchchi . . . den Juden in dir chi . . . chi . . . erkannte?" „Na, das ist sogar selbstverständlich," antwortet statt seiner der Gutsbesitzer. „Ich selbst habe volle sechs Monate mit ihm verkehrt, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß ich mit einem Inden befreundet bin. Was ist das übrigens für ein Jude? Schau ihn an! Sieht er nicht wie ein echter „Kacap" aus? Spricht ein reines Russisch, ohne jeden Akzent! Wer soll sich dann in so einem Teufelskerl auskennen!?" Boris Jljitsch scheint geschmeichelt und lächelt leise. „Na, na! Ich werde euch noch was Besseres erzählen. Setze dich, Gutsherr!" Sie nahmen alle drei nebeneinander Platz und der Exporteur Hub an: „Was ich euch erzählen will, trug sich vor zwei Jahren zu. Ich kam nach Moskau in einer äußerst wichtigen Sache, steige in „Bolschaja Moskowskaja" (eins der ersten Hotels Moskaus) ab, nehme ein seines Zimmer, kleide mich um, gebe den Paß ab und renne in die Stadt. Zu Mittag komme ich zurück. Da kommt mir schon der Chef mit einem rätselhaften Gesicht entgegen: „Entschuldigen Sie, bitte. Es ist da etwas mit Ihrem Paß . . .?" „Was?!" frage ich, und ein Schauer läuft mir den Rücken entlang. „Na . . . das . . . die ... die Polizei hat Ihre sofortige Abreise verfügt." „Das kann nicht sein! Ich bin Kaufmann II. Gilde; halb Moskau kennt mich. Ich komme alle Jahre her!" „Wie Sie wollen, Herr! Ich kann nichts dafür und bitte Sie, das Zimmer zu räumen!" „Was konnte ich also tun? Ziehen mußte ich. Aber da erinnerte ich mich an einen Freund in Moskau, einen bekannten Antisemiten. Ich fahre zu ihm hin und erzähle die ganze Geschichte. „So, geschieht Euch recht," sagte er und lachte. „Logiere einstweilen bei mir. Meine Frau weilt im Anslande; ich bin ganz allein!" „Und was wird mit den Dokumenten?" frag'ich. „Pack sie dir in den Kittel ein! Ich melde dich gar nicht an! Basta! Der Portier ist mein Mann." Ich dankte und übersiedelte zu ihm. Wir haben dann, gemeinsam folgende Tagesordnung ausgearbeitet: der ganze Bormittag gehörte den Geschäften, nachmittag ein kurzes Schläfchen, abends Eremitage, Bar (feine Caserestaurants) oderandere Lokale. Nach Hause kamen wir erst -in der Morgenstun-de, als alles noch in tiefem Schlaf lag. Auf diese Weise Verliesen glücklich vier Tage. Am fünften war's vorbei. Wir kamen nach Hanse so gegen drei Uhr. Ich war-schlaftrunken, todmüde und hielt mich kaum aus den Beinen. Es w<rr ein Hundewetter: ein nasser Schnee, mit schneidend kaltem Wind

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