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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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- 309 geschnittenen Probleme gelangen erst im nächsten Bande zur Erledigung und sollen bei dessen Besprechung hier behandelt werden. Sie Mulik in der Synagoge. Von Oberkantor MagnuH Davidsoh», Berlin, uf wissenschaftlichen und sonstigen Gebieten muß das Judentum seit Jahrhunderten sich unberechtigten Angriffen gegenüber in fortwährender Abwehrstellung befinden. All diejenigen, die das Vorurteil aus den Tagen des finsteren Mittelalters bis in das 20. Jahrhundert gegen uns mit hinübergenommen haben, scheuen selbst davor nicht zurück, die Einrichtungen unseres religiösen Kultus zu verunglimpfen. Auch die Angriffe auf unsere religiöse musikalische Betätigung sind nicht neu. Im Jahre 1850 bereits, zu jener Zeit, da die Kultur der jüdisch gottesdienstlichen Musik durch Salomon Sulzer und andere Meister zu nicht geringer Höhe gelangt war, erschien Richard Wagners Artikel über das Judentum in der Musik. Es hat in all dieser Zeit an kräftigster Abwehr nicht gefehlt. Dennoch finden sich immer Beckmessernaturen, die der Haß gegen das Judentum zu kritischen Behauptungen veranlaßt, an denen man nicht mit verachtungsvollem Schweigen allein vorbeischauen darf. In einer Musikzeitschrift befindet sich in der Kritik über ein Konzert des in Berlin bestens bekannten Männergesangvereins Thpographia, der es unter der ausgezeichneten Leitung Alexander Weinbaums zu einer ansehnlichen künstlerischen Höhe gebracht hat, folgender Passus: „Schade, daß die Tenöre sich diesen eigentümlichen nasalen Klang angewöhnt haben, den man von den Tenorstimmen der jüdischen Chöre im Ohre hat. In diesem Punkte halte ich Herrn Weinbaums Einfluß nicht für glücklich. Wir verzichten gern auf diese Synagogenillusion." Diese Verunglimpfung unserer gottesdienstlichen Gesangspflege kann nur von einer Persönlichkeit ausgehen, die ebensowenig Ahnung von dieser Kunst hat wie alle jene, die es wagen, die Ethik der jüdischen Religion anzutasten. Die Eigenart des Stils der Synagogenmusik bedingt die Tradition, doch wie darf man es wagen, von der Abart einer Ausführung zu sprechen, die der Aesthetik moderner Gesangsweise zuwiderläuft. Würde jener Merker sich einmal die Mühe geben, das Gotteshaus zu besuchen, an dem Herr Weinbaum auch künstlerisch tätig ist, dann würde er vielleicht die Ueberzeugung mit nach Hause nehmen, daß es in der Synagoge ebensowenig näselnde Tenorstimmen gibt wie sonstige unästhetische musikalische Momente, die geeignet sind, auf die Uebertragung in der Konzertproduktion ungünstig zu wirken. Doch zu dieser Ueberzeugung wollen die Herren ja ebensowenig kommen, wie in vielen anderen Momenten die Gesinnungsgenossen des Rezensenten die Werte des Judentums anerkennen werden. Hundert Jahre sind es her, da man mit dem Ausbau der Reformation unseres jüdischen Gottesdienstes begann. Wort und Ton hielten gleichen Schritt. Mit unendlicher Liebe und Sorgfalt sammelte Sulzer in Wien unsere heiligen traditionellen Gesänge, um den Grundstein für den Fundamentalbau der Synagogengesangliteratur zu schassen. Innerhalb seines eigenen Betätigungsfeldes gab er im Wiener Tempel ein mustergültiges Beispiel für die Gesangspflege des jüdischen Gottesdienstes. Nicht nur unsere Glaubensgenossen waren ergriffen und erhoben von solch idealer Gottesverehrung, Kaiser und Fürsten lauschten in tiefster Andacht diesen heiligen Gesängen. Wir wissen ja, daß Franz Liszt gelegentlich eines Besuches in diesem Tempel die denkwürdigen Worte niederlegt: „Selten haben wir eine so überwältigende Erschütterung aller Seiten der Gottesverehrung und des menschlichen Mitgefühls erlebt, als an diesem Abend." In Berlin arbeitete Levandowski unentwegt all der Kultur der Synagogenmusik. Seine musterhaft gepflegten Chöre in der Synagoge Oranienburger Straße finden Nachahmung in allen Gotteshäusern des Deutschen Reiches. Ueberall, selbst in den kleinsten Synagogen, finden wir das Bestreben der Gesangspflege, die sich freihält von jeder unnatürlichen Abart. Weshalb spricht man also von einer Synagogenillusion, die nach seinen Worten doch nur schädlich gedacht ist? Den Stempel der Fremdheit innerhalb der musikalischen Kultur will man ohne Zweifel damit diesem Kunstzweig aufprägen, will zeigen, daß auch hierin eine Kluft »ns trennt von unseren Mitmenschen anderer Religionsgemeinschaften. Doch unser Empfinden, es bleibt das gleich ethische, wie das der uns umgebenden Mitmenschen, auch in der Pflege unseres religiösen Gesanges. Mir müssen es mit aller Entschiedenheit betonen, daß der Charakter der gottesdienstlichen Musik nicht ungewohnte Reproduktion für sich in Anspruch nimmt. Die Erfahrung lehrt, daß in den Berliner Synagogen, wo jener Kritikus doch einmal hinhören lvollte, die sorgfältigste musikalische Ausführung im Interesse der Erbauung und Erhebung gerade gut genug ist. Unablässig wird in den beteiligten Kreisen für die höchste Vollendung gottesdienstlicher Musikpflege gearbeitet. Wir stehen den anderen konfessionellen Kulten absolut nicht nach. Ich hörte oft genug in großen Kirchen Gesang und Musik, könnte über die Art der gesanglichen Zelebration in 'diversen Fällen mein gesangsästhetisches Veto erheben, doch man würde mich mit Recht der Taktlosigkeit zeihen können, wollte ich das religiöse Empfinden der Gläubigen durch derart kritische Urteile verletzen. Es geht uns vielfach mit der Musik in der Synagoge bei den Fernstehenden, die vielleicht noch nie ihren Fuß über die Schwelle eines Tempels gesetzt haben, wie mit unseren Schulen, die ja doch nach der Ansicht unserer Gegner die Pflegestätte eines ungeregelten Unterrichtes und sonstigen Chaos verkehrter Jugenderziehung bedeuten. Glücklicherweise haben staatliche Behörden oft genug, in letzter Zeit besonders, den ausgezeichneten Stand der noch vorhandenen jüdischen Volksschulen anerkannt. Wir müssen das Vordringen karikaturistischer Schilderungen, die geeignet sind, unsere heiligsten Gefühle zu verletzen, mit aller Entschiedenheit abwehren. Wir dürfen nicht dulden, daß man über einen wesentlichen Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes Behauptungen aufstellt, die der Wahrheit geradezu ins Gesicht schlagen. Hierzu ist aber auch notwendig, daß man in den eigenen Reihen der sorgsamen Arbeit, die die Pflege der gottesdienstlichen Musik bedingt, die regste Aufmerksamkeit entgegenbringt. Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen vorwärts schreiten in diesen unseren idealen Bestrebungen. Je mehr hinterhältigen Angriffen wir ausgesetzt sind, um so kräftiger muß der Gegenbeweis sein, den wir zu liefern imstande sind. Ueberall dort, wo sich unsere Glaubensgenossen zur Gottesverehrung -vereinigen, wo die Mauern der Synagoge sie umschließen, mag neben Gotteswort auch die herrliche Gabe des Gesanges in edler Läuterung vorhanden sein. Die Großgemeinden Deutschlands, insbesondere Berlin, weisen diesbezüglich die Wege. Seien die gegebenen Hilfsmittel noch so bescheidene, durch fortwährende Pflege und unablässige Arbeit, die allerdings von religiöser Begeisterung getragen sein muß, wird man doch in der kleinsten Gemeinde jene Kultur erreichen, die für unseren gottesdienstlichen Gesang unbedingt erforderlich ist. Doch bei all dem bleibe uns unsere Tradition gewahrt. Keine Nachahmung, die geeignet ist, den Charakter des jüdischen Gottesdienstes zu rauben. Soweit ist ja die Forschung bereits gediehen, daß wir mit vollem Recht von einer Geschichte der Sy uagogenmusik sprechen können. Die Berufsgenossen aber seien mahnend auf die Aeußerungen

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