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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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308 religiöser Verfall. Da trat ein Umschwung ein, eine beherzte fromme Jüdin, Serach, wurde das Weib des obersten Kriegsherrn, der nächst dem König k-ie größte Macht im Lande hatte; sie erreichte zusammen mit ihrem frommen Vater, der „ihn den Weg des Lebens lehrte", daß er umkehrte und wieder streng nach den Vorschriften des Judentums lebte. Da er ein erfolgreicher, sieggekrönter und angesehener Feldherr war, wirkte sein Beispiel sehr nachhaltig aus die Wiederbelebung des religiösen Sinnes nicht nur unter den eingewanderten Inden, sondern auch in der einheimischen Bevölkerung. Es scheint nun, daß dieser Umschwung und eine damit verbundene energischere, von Erfolg begleitete Propaganda weithin Aufsehen erregten^ die mächtigen Reiche, die dem Ehasarenlande benachbart waren, wurden darauf aufmerksam. Und nun erzählt unser Bericht, daßder bhzantinische Kaiser („die Könige von Mazedonien") und der Kalif Boten an die Ehasarenfürsten mit Schmähungen gegen die Juden sandten, daß beide den Versuch machten, die Bevölkerung zu ihrem Glauben herüberzuziehen. Da kam dem Fürsten der Ehasaren der glückliche Gedanke, ein Religionsgespräch zwischen den Vertretern der drei monotheistischen Religionen vorzuschlagen, das, wie bekannt, mit dem Triiemph des Judentums endete. Nun aber wurde unter den Ehasaren Ernst gemacht. Seit alter Zeit besaßen sie Schriften über die Lehre Moses; diese wurden nun im Volke verbreitet, von den zur Disputation herbeigekommenen Gelehrten ausgelegt. Außerdem wandelten wiederum zahlreiche Juden aus Babylonien und Griechenland ein, sie förderten die Belehrung und Bekehrung der Bevölkerung. Es wurde eine Bestimmung eingeführt, daß der oberste Richter, der Chagan, in der jüdischen Lehre sehr gut bewandert sein mußte. Dem König gab man den hebräischen Namen Sabriel. Die Abweichungen dieser Erzählung von dem bisher bekannten Bericht sind zahlreich und auffällig. Zwei Stufen der Bekehrung, eine oberflächliche unter Bulan, und eine ernstere, bei welcher der König, Josephs zwölfter Vorfahre, den biblischen Namen ObadjaJ angenommen hatte, waren auch bisher bekannt. In dem neuen Bericht aber wird die zweite Stufe der Bekehrung nicht auf den König, sondern auf den Vizekönig, den Ehagan oder Peg, bezogen, der allerdings, wie wir wissen, bei den Ehasaren die größte Macht hatte, da der König, so wie bis vor einer Reihe von Jahren der Mikado in Japan, mit dem Volke in keinerlei Berührung treten durfte. Aber die Hauptdifferenz vermag keineswegs ausgeglichen zu werden. Bisher mußtp angenommen werden, daß die zweite Stufe der Bekehrung auf einen freien Entschluß des Königs, die erste auf das Religionsgespräch zurückging. Hier aber dient das Religionsgespräch nur als Anlaß zur Wiederbelebung und Kräftigung des jüdischen Glaubens, der zwar in Verfall geraten, aber lange vorher aus unbekannten Gründen, die vielleicht in dem unserem Fragment vorausgehenden Stücke des Briefes geschildert waren, bereits angenommen worden war. Ohne weiteres glaubwürdig sind beide Berichte nicht, der jetzt vorliegende hat den Vorzug, daß er die erste Bekanntschaft der Ehasaren mit der jüdischen Religion nicht aus übernatürliche Ursachen zurückführt. Das Religionsgespräch wiederum kann nicht auf freier Erfindung beruhen, denn auch arabische Schriftsteller wissen davon zu erzählen, freilich mit der eigenartigen Wendung, daß zwar die christlichen Geistlichen durch Gründe überwunden, die Muftis hingegen (da unmöglich eine Niederlage des Islams zugestanden werden konnte) auf dem Wege zum Chasarenreiche meuchlings ermordet werden').—Eine fernere Abweichung, wenn ') Schechters Versuch, eine Identität zwischen Sabriel und Obadja herzustellen (£. 189 f.), ist nicht annehmbar. :1) Interessant ist M. Radins Nachweis (S. 511 fs.) von der Verivertnng desselben Stoffes in einer italienischen Novellensammlnng ans dem 18. Jahrhundert. auch nicht von großem Belang, ist die, daß in unserem Briese die Abstammung der Ehasaren auf den Stamm Simon zurückgeführt wird, allerdings ohne daß der Verfasser die Behauptung mit Sicherheit aufstellen will; in dem bekannten Schreiben hingegen bestreitet König Joseph ganz entschieden die israelitische Abkunft seines Volkes, obwohl er seinem Korrespondenten damit eine schwere Enttäuschung bereitet. An die Bekehrungsgeschichte schließt unser Dokument einen Bericht über kriegerische Verwicklungen unter den folgenden Königen, während deren nur das Volk der Alanen, das ebensalls zum Teil den jüdischen Glauben angenommen hatte, auf seiten der Ehasaren kämpfte, während „der König von Asien, der König der Türkei, die Petschenegen und der König von Mazedonien" ein Bündnis zur Bekriegung der Ehasaren geschlossen hatten. Später unter König Aaron fielen auch die Alanen ab, aber mit Hilfe der Türken wurden sie besiegt und wieder zu Freunden gemacht. Endlich unter dem regierenden König Joseph gab es neue schwere Verwicklungen. Der byzantinische Kaiser Romanus verfolgte die Juden seines Reiches. Joseph versuchte, sich an byzantinischen Untertanen zu rächen, Romanus aber bestimmte durch reiche Geschenke den russischen Feldherrn Oleg (Helgi) zu einem Feldzuge gegen die Ehasaren; diese hatten einen tüchtigen Feldherrn mit Namen Pesach, der zunächst dem byzantinischen Reiche schweren Schaden zufügte, dann die Russen niederrang und nur unter der Bedingung Frieden mit ihnen schloß, daß sie gegen Konstantinopel zogen, wobei sie schwere Verluste erlitten. Alle diese neuen Daten bringen unbekannte Einzelheiten, die überdies mit den Nachrichten nichtjüdischer Quellen nicht leicht in Einklang zu bringen sind. Nach den russischen Chroniken müßte Oleg mindestens eine Generation vor Joseph gestorben sein, sie berichten auch, daß er siegreich gegen die Ehasaren gekämpft hatte, so daß sie in vollem Widerspruch zu unserem Dokument stehen. Freilich wollen die russischen Chronisten, daß Oleg auch gegen Konstantinopel siegreich vorgedrungen ist, was jedoch mit den griechischen Quellen nicht übereinstimmt. Wenn wir also hier vorläufig noch ganz im unllaren bleiben, so darf doch wiederum der Widerspruch gegen das bisher bekannte Schreiben des Königs nicht übersehen werden; danach erhalten die Ehasaren von den Russen ohne Widerstreben ihren Tribut, und seitdem die Ehasaren sich zur Religion Israels bekehrt haben, sind ihrem Lande Frieden, Glück und Erfolg beschützen. Wenn wir nach all den Problemen, welche die neue Form des Chasarenbriefes uns aufgibt, schon heute zu einem Schluß gelangen sollen, so wird es wahrscheinlich der sein, daß beide Schreiben nicht echt, sondern beide nach einer ursprünglichen Vorlage, vielleicht für erbauliche oder Unterrichtszwecke, bearbeitet sind. Immerhin wird man an dem neuen Dokument nicht vorübergehen können, sehr viel spricht dafür, daß es dem Original am nächsten kommt; es ist kaum auszudenken, wie ein jüdischer Schriftsteller in späterer Zeit all die erwähnten Einzelheiten und die ihm ganz ungewohnten Namen ersonnen haben soll. Die Forschung wird noch oft zu diesem Problem zurückkehren und hoffentlich durch ergänzende Funde gefördert werden. Schon heute verdient der Herausgeber, der die Wissenschaft um einen neuen Schatz bereichert hat, unseren wärmsten Dank. Gegenüber dieser überraschenden Publikation treten alle anderen Aufsätze des Jahrgangs an Bedeutung zurück, selbst eine so interessante Abhandlung wie die von M. lSulzberger über die Kommunalverfassung der israelitischen Städte in alter Zeit <S. l—81), die sicherlich noch sehr eingehende Untersuchungen anregen wird. Zum großen Teil bringt der Band Fortsetzungen der im vorhergehenden begonnenen und bei dessen Besprechung') charakterisierten Abhandlungen. Einige der an- •) Vgl. Jahrg. 1913, S. 187.

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