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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-26 · Heft 26 (26.6.1914) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
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306 (12. Juni, „Kreuzzeitung") ist sie endgültig zu verneinen. Die Mutter, Johanna Rosina geb. Pätz, stammt aus einer Familie, die nur rein deutsches Blut nachweist. Dasselbe gilt von den Ahnen des Vaters, Stadtgerichtsaktuars Friedrich Wagner. Nimmt man aber auch an, daß Richard nicht von dem letzteren, sondern von Ludwig Geyer erzeugt ist, der im August 1814 die seit dem 22. November 1813 verwitwete Frau Wagner heiratete, so kann auch von jüdischer Abstammung absolut nicht die Rede sein; denn Geyer stammt aus einer evangelischen Küstch:- und Pastorenfamilie, die sich bis 1700 in ununterbrochener Reihe Nachweisen läßt. An diesem Resultat wird man sich nun wohl genügen lassen müssen. * lieber die Lage der Juden in R u m ä n i e n wird der Wiener „Sonn- und Montagszeitung" vom 15. Juni geschrieben: Tie Wahlen zur Konstituante sind beendet. Die liberale Negierung hat zwar keinen überwältigenden Sieg zu verzeichnen, wird aber die notwendige Mehrheit beisammen haben, um die Verfassungsänderung vornehmen zu können. Der einzige, dafür aber sehr wichtige Zweck der Verfassungsänderung ist die Besserung der Lage des Bauerntums. Ties soll geschehen auf wirtschaftlichem Gebiete durch die zwangsweise Enteignung eines Teiles des Großgrundbesitzes zugunsten der landlosen Bauern und auf politischem Gebiete durch die Erweiterung des Wahlrechtes, welches zwar vom allgemeinen Wahlrechte noch weit entfernt bleiben, aber immerhin eine größere Anzahl Wähler zur Urne zulassen wird. Bisher hatte der rumänische Bauer tatsächlich weder Land noch politische Rechte, obzwar eine politisch-juristische Organisation von ausgesuchter Heuchelei ihm anscheinend das eine wie das andere gewährte. Bezeichnend für die am Ruder befindliche Partei, wie im allgemeinen für die Oligarchenschicht Rumäniens, ist es aber, daß sie jetzt, obzwar die Gelegenheit sehr günstig wäre, auch nicht daran denkt, die Judenfrage zu lösen, was durch das Einschalten eines Artikels in die Verfassung geschehen könnte, der den eingeborenen Juden Rumäniens — bisher als „Fremde ohne fremde Staatszugehörigkeit" und von Luzzatti als die „letzten Sklaven Europas" bezeichnet - die politischen Rechte gewährt. Und die Konstituante hätte die Pflicht, diese Frage zu losen! Sie hätte die Pflicht, weil sowohl die Tatsache ihres Zusammentrittes als auch der Verlauf der Wahlen zugunsten der Juden plädieren. Denn zwei Argumente wurden bisher iunner gegen die Juden vorgebracht: daß sie angeblich die Ursache der elenden Lage des Bauerntums sind und daß das Volk gegen sie ist; und dem Volkswillen kann niemand trotzen. Nun wird aber die Konstituante einberufen, um den Bauern Land und politische Rechte, welche ihnen bis jetzt geraubt waren, zu gewähren, und es wird erklärt, daß n u r auf diese Weise ihre Lage gebessert werden kann. Dadurch werden aber auch die Ursache des Elends der Bauern und die Mittel zu dessen Beseitigung aufgedeckt, und es zeigt sich, daß nicht die Juden, wie bisher behauptet wurde, schuld sind. Das Hauptargument gegen die Juden fällt also. Andererseits wurden die wenigen fortgeschrittenen Politiker, die sich den Juden gegenüber immer freundlich gezeigt haben, als Gegner der Negierung und der Oligarchie gewählt, was darauf hinweist, daß das Volk nicht antisemitisch gesinnt ist. Insbesondere untre die Wahl des Herausgebers des „Adverul", Konstantin Mille, welcher seit dreißig Jahren jede gerechte Sache, und dadurch selbstverständlich auch die der entrechteten Juden, vertritt, hervorzuheben. Gegen ihn wurde ein heftiger Kampf geführt; alle Mittel, unter welchen auch dasjenige, daß er als Kandidat der Alliance Jsraelite bezeichnet wurde, sind angewendet worden. Trotzdem wurde er gewählt, mit erdrückender Majorität, und zwar in der Hauptst a d t im kleinbürgerlichen Wahlkörper. Bon wem wurde er gewählt? Von den Juden? Sicherlich nicht, denn die Juden als „Fremde ohne Staatszugehörigkeit" sind nicht wahlberechtigt. Er wurde daher gewählt von der Mittelklasse, welche bisher von den Berufspolitikern als unversöhnlich antisemitisch hingestellt wurde. Und der Fall des Herrn Mille ist nicht der einzige. Wenn daher auch diesmal die Judensrage nicht gelüst werden wird — was einen neuen Schlag gegen die Bestimmungen des Berliner Vertrages bedeutet —, so muß berücksichtigt werden, daß nicht das rumänische Volk, sondern die Berufspolitiker, die, um die zivilisierte Welt zu täuschen, seinen Namen mißbrauchen, die Schuld tragen. Die Patriotische Mitwirkung der Juden wurde voriges Jahr von der öffentlichen Meinung mit besonderer Sympathie begrüßt, und wenn heute kein einziger Mobilisierter eingebürgert wurde, sondern, von den Feldern Bulgariens zurückgekehrt, immer derselbe „Fremde ohne Staatszugehörigkeit" geblieben ist, so ist es auch nur den Regierungen, welche in Rumänien keinesfalls als Ausdruck des Volkswillens gelten können, zuzüschreiben. S. Schattlsmvkr feierte am 19. Juni 1914 seinen 70. Geburtstag. Zu unserem besonderen Leidwesen war es uns nicht möglich, in der vorigen Nummer dieses Ereignisses zu gedenken; kommen wir auch etwas zu spät, so sind unsere Glückwünsche! nicht minder aufrichtig. S. Schvttlaender ist in Mnnsterberg i. Schief, geboren. Nachdem er den Verlagsbuchhandel in Hirschberg i. Schles., Leipzig, Stuttgart und in Paris (bei A. Lacroix, Verboekhoven u. Co., Brüssel und Paris) gründlich kennen gelernt hatte, beteiligte er sich 1873 in Breslau an der Begründung der „Schlesischen Presse", die als nationalliberales Organ geplant war. Im März 1876 übernahm er allein diese Zeitung und eröffnete zugleich einen Buchverlag, in den bereits Anfang 1878 auch die am 1. April 1877 von Paul Lindau begründete Zeitschrift „Nord und Süd" überging. Eine bedeutende Erweiterung erfuhr das bnchhändlerische Unternehmen Schvttlaenders im Laufe des Jahres 1878 noch durch die Angliederung einer eigenen Druckerei, in der seit 1. Dezember 1878 auch die „Schlesische Presse" hergestellt wurde. Zu den Autoren sowohl des Schottlaenderschcn Buchverlags wie der Zeitschrift „Nord und Süd" gehörten die hervorragendsten Schriftsteller und Gelehrten der damaligen Zeit, so daß die Geschichte des Verlags mit der literarischen Entwicklung Deutschlands während der letzten Dezennien aufs engste verknüpft ist. 1889 wurde das gesamte Unternehmen in eine Aktiengesellschaft unter der Firma: „Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt v. S. Schvttlaender, A.-G." nmgewandelt, doch behielt Schvttlaender maßgebenden Einfluß in der Gesellschaft, deren alleiniger Vorstand und Leiter er seit 1893 wieder ist. Im Schottlaenderschen Verlage erschien u. a. von 1882 bis 1888 die „Deutsche Bücherei", kleinere Abhandlungen über wichtige Themen aus den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft in zwanglosen Heften; ferner von 1883 bis 1889 die „Drei-Mark- Bibliothek" in 69 Bänden und von 1895 bis 1901 die Sammlung „Unterwegs und Daheim, Haus- und Reisebibliothek", 87 Bände belletristischer Werke zu mäßigem Preise. Von den Zeitschriften, die außer „Nord und Süd" der Verlag herausgab, seien erwähnt: die Romanzeitung „Erholungsstunden", die Illustrierten Wochenschriften „Die Heimat", „Der Berliner", „Breslauer Sonntagsblatt", „Familienzeitnng" und namentlich der „Hausfreund" (1882 bis 1902); von einzelnen Verlagswerken sei nur auf die große Prachtausgabe „Ariosts Rasender Roland" (übersetzt von Hermann Kurz, herausgegeben von Paul Heyse, illustriert von Gustav Dore) hingewiesen und auf den „Bericht über die allgemeine deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens, Berlin 1882/83", der in drei Bänden mit Unterstützung des König!. Preußischen Kultusministeriums herausgegeben wurde. Um seine Aufmerksamkeit mehr der Druckerei zuzuwenden und sich zu diesem Zwecke von anderen Arbeiten zu entlasten.

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