Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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305 Der deutsche Kaiser und der König von Hachsen sprachen telegraphisch ihren Dank für den dargebrachten Huldigungsgruß aus. Nach der Finanzdebatte fanden Montag nachmittag die Wahlen stakt, in der der bisherige Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Arthur H a n t k e - Berlin, wiedergewählt wurde. Der bekannte amerikanisck^e Philanthrop und Förderer der zionistischen Palästinabestvebungen Nathan Straus hatte dem Delegiertentag ein sehr beifällig aufgenommenes Begrüßungstelegramm geschickt. v * Wie weit Hoffnungen und Wünsche der Zionisten gehen, tritt aus zwei Artikeln zionistischer Blätter klar hervor. In dem einen aus der „Jüdischen Rundschau" heißt es u. a.: Alan will auf dem Leipziger Delegiertentag die Gründung und Zusammenfassung neuer zionistischer Jugendvereine in die Hand nehmen. Hat man nicht wirklich schon genug Kurse, Vorträge, Generalversammlungen, Sitzungen, Konferenzen zur „Lösung der Judenfrage"? Wie versündigen wir uns an unserer Jugend! Man sehe diese nervösen, blassen, entnervten Jünglinge. Ist >es wirklich unbedingt nötig, sie am Abend nach dumpfer Bnre-auarbeit noch mit derlei Torturen zu quälen? Das ewige „Diskutieren" ist ja das größte Unglück unseres Volkes,, und wir fangen wieder damit an: Sind die Juden ein Volk, eine Rasse, eine Nation? Ist eine vollkommene Assimilation der deutschen Juden möglich? Was verstehen wir unter Assimilation? Glaubt man allen Ernstes, so die Menschen heranzuziehen, die wir suchen? Die Jugend, die aus diese Weise zu uns kommt, geht uns leicht auf ähnliche Art verloren. Nein! Laßt die Bengels den Stafettenlauf Potsdam—Berlin „für Judas Ehre" laufen, laßt sie gegen „Teutonen", „Borussen" usw. unter dem Zeichen des Magen David kämpfen, laßt sie in Gottes unendlich schöner Natur unsere kernigen, jüdischen Jugendlieder singen. So schassen wir Mili-ms, die unsere Jugend braucht. Hier schaffen wir Frohsinn, Freiheit, Nebermut in einer jüdisch gefärbten Atmosphäre. Kurzum: hier sind die starken Quellen einer neuen Jugend. In dem anderen, in der „Welk" abgedruckten, wird gesagt: Je bekannter der Zionismus wird, um so ernster und schwieriger wird die Frage der inneren Politik. Immer mehr werden wir gezwungen sein, auf die Probleme emzugehey, mit denen das Judentum der Diaspora sich in Wahrheit beschäftigt; immer weniger wird es uns möglich sein, mit allgemeinen Redensarten über die inneren Konflikte der Menschen, die wir für unsere Sache gewinnen wollen, hinwegzuleiten; immer klarer werden wir einsehen müssen, daß es einen Punkt gibt, an dem auch die klügste taktische Berechnung keine befriedigende Auskunft mehr erteilen kann. Und so wird uns denn nichts anderes übrigbleiben, als die innere Politik des Zionismus so zu leiten, daß durch sie die Juden im Gegensatz zu allen, durch die Assimilation geschaffenen, gewohnten Gedankengängen zu der Erkenntnis erzogen werden, die wahre Freiheit und das volle Lebensglück nur itt einer neuen Sonderexistenz des jüdischen Volkes und der damit verbundenen Lebensgemeinschaft in Palästina zu finden, wo für alle an stelle der Berechnung -und der Apologetik der nationale Wille und Oie Fülle der eigenen Kultur treten werden. Deutlicher als in den obigen Ausführungen, die Don Kurt Blumenfeld und Henry Unna herrühren, kann man nicht sein. Hier wird ganz klar ausgesprochen: vollkommene Trennung der jüdischen von' der deutschen Jugend; Sonderexistenz des jüdischen Volkes in Palästina. Man kann von unserer Seite nicht energisch genug gegen diese Tendenzen Front machen und muß immer wieder vor der Gefahr warnen, die solche Bestrebungen für die Zukunft in sich tragen. * Durch die Zeitungen geht folgende Notiz: Die in Wien erscheinende „Deutschnationale Korrespondenz" berichtet: Auf dem vor einigen Tagen in Marburg abgehaltenen Burschenschaftertag der österreichischen Burschenschaften wurde seitens der anwesenden Delegierten der verschiedensten Burschenschaften auch die Satisfaktionsunfähigkeit der Juden verhandelt und bei diesem Punkte mit Stimmenmehrheit der Beschluß gefaßt, das sogenannte Waidhofner Prinzip fallen zu lassen. Die Satisfaktionsverweigerung seitens der österreichischen Burschenschaften gegenüber den Juden, die unter dem Namen Waidhofner Prinzip bekannt ist, wurde auf Antrag der Innsbrucker Burschenschaft „Germania" im Jahre 1896 als Grundsatz der österreichischen Burschenschaften ausgestellt, und außer den Prager Burschenschaften schlossen sich nur wenige Wiener Burschenschaften diesem Prinzip nicht an. Auf einem kurze Zeit hierauf abgehaltenen Verbandstag der akademischen Vereine und Verbindungen in Waidhofen wurde der Antrag auf Verweigerung der Satisfaktion gegem über den Juden auch von diesem angenommen und unter dem Namen Waidhofner Prinzip bekannt. Unter den Burschenschaften hat über diesen Punkt nie eine volle Einigkeit bestanden, und auf dem Marburger Burschenschaftertag wurde diese Frage rteu-erltdf) erörtert. Der Großteil der Burschenschaften ließ das sogenannte Waidhofner Prinzip fallen. Wir sind durchaus keine Anhänger studentischer Mensuren, aber da sie nun einmal bestehen, wäre es dringend zu wünschen, daß die Burschenschaften wenigstens die jüdischen Kommilitonen als gleichberechtigte Gegner anerkennen. * Den „Mitteilungen des Abwehrvereins" entnehmen wir folgende Skizze: Von Ed na r d L a s k e r -entwirft die bekannte Publizistin Alberta v. Pnttkamer, die Gemahlin des verstorbenen nationalliberalen Par. lamentariers und späteren Staatssekretärs der Reichslande, die in beit Jahren 1867 bis 1881 in Gesellschaft ihres Mannes — als einzige Vertreterin des weiblichen Geschlechts — sehr' oft an dem gemeinsamen Mittags tisch der großen nationalliberalen Parteiführer Bennigsen, Miguel, Laster, wie an den dabei geführten politischen Unterhaltungen teilnahm, in einer Porträtstudie dieser Männer in der „Neuen Freien Presse" (11. Juni -dieses Jahres) folgendes Charakterbild: „Eduard Laster war mir besonders lieb. Der „kleine Jude", wie ihn Bismarck nannte, war in der äußeren Erscheinung und im Gebaren der Unansehnlichste. Er sprach im scharf abgegrenzten Daktylus —oo). Das tat seinen Parlamentsreden, die an Gedankengehalt, scharfer Dialektik und Stil ganz mustergültig waren, dvch einigen Abbruch . . . Wohl war Laster auch bedeutend in der aus bauenden Rede, aber viel größer war er in der Replik. Er spitzte die Gegengründe wie glänzende Pfeile und schoß wirkungsvoll scharf auf seine Ziele. Laster war von den drei Häuptern der Nationalliberelen der am meisten theoretische Politiker, während die anderen in den praktischen Erfolgen der Staatstunst deren echte Lebensnerven erkannten. Eduard Laster war unverheiratet und war im Verkehr mit Frauen etwas unbeholfen. Man merkte ihm an, daß sein ganzes Leben in ernstester geistiger Arbeit, in Studien und in der Betätigung höh-erer Staatskunst sich vollzog. Er hielt sein Gefühlsleben stolz verschlossen; ich glaubte aber aus einigen Gesprächen (er war m-it mir beredt und bis zu einem -gewissen Grade vertraut) entnehmen zu können, daß er Idealist und tief gefühlvoll war. Die von Auerbach herausgegebenen „Erlebnisse einer Mannesseele", die übrigens bald von Laster selbst aus dem Buchhandel zurückgezogen wurden, lassen das auch -erkennen ... Er war von lauterstem Charakter, gänzlich intakt von dem damals in Berlin üppig wuchernden Gründerschwindel, und seine Reden gegen die Politik des preußischen Handelsministers v. Jtzenplitz waren doch von solch wirksamer Kraft, daß die Einsetzung einer Kommission die Folge war, die den Zusammenbruch des Gründerschwindels bewirkte . . . Er starb, ein Einsamer, mit dem großen, ungestillten Heimweh nach der Erfüllung seiner Ideale in der Seele. Merkwürdig, wenn ich an den kleinen Mann mit den hellen, scharfsichtigen Augen, die aber manchmal verträumt blicken konnten, mit seiner raschen, frischen, geistreichen Rede denke, -erfaßt es mich immer wie -ein großes Mitleid, ein tragisches Erschüttern . . . Er' ist ja auch der einzige von den vieren gewesen, der nur Negatives von all seinem Streben, idealen Wollen und Wirken als Endergebnis hatte. Wohl ist auch in dem Leben der anderen drei viel Kampf, viel Enttäuschung und ein trüber Ansktan-g gewesen, aber sie hatten auch viel Positives geerntet: Erfolge, äußere Ehrungen, Siege." * Die Frage, ob Richard Wagner jüdischen Stammes war, ist in neuerer Zeit häufig ventiliert worden. Sie hat im Grunde für uns nur ein geringes Interesse. Nach den neuen abschließenden Untersuchungen von Stephan Kekule v. Stradonitz