Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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; -- 303 — Die Alliance hat sofort die erforderlichen Mittel zur Reparatur des Schulhauses bewilligt und hat noch weitere Zuschüsse für die Lehrer und für Speisung und Bekleidung von armen Leuten zur Verfügung gestellt, die seit Beginn des Krieges Not gelitten hatten. Am 23. Juli 1913, am Vorabend des Jahrestages der ottomanischen Verfassung, sind die Türken wieder nach Adrianopel zurückgekehrt. Die Freude' der Einwohner über ihre Rückkehr und die erneute Besitznahme ihres Heimatlandes ist nicht zu beschreiben. Ein paar Monate später übermittelte Herr Mitrani dem Zentral-Komitee einen weiteren Bericht: Es war vorausznsehen, daß nach einem so wilden, unglücklichen Krieg, tute es der Balkankrieg gewesen ist, die gegenwärtige Lage der Provinz Thrazien, in der sich die blutigsten Schlachten abgespielt haben, eine überaus traurige sein werde. Den ganzen Schienenweg von Konstantinopel bis Adrianopel entlang sieht man nichts als verwüstete, verbrannte, zerstampfte Felder. Dre Hauptstadt Adrianopel liegt isoliert wie eine Oase inmitten einer Wüste, und diese Wüste ist von Menschenhand und durch die Zivilisation des 20. Jahrhunderts geschaffen worden. Leider muß man sich wieder an die jüdische Barmherzigkeit des Abendlandes wenden, zuerst an die Alliance und dann an den „Verband der Vereine". Man hat gehofft, daß die Weiterführung der Hilfstätigkeit von seiten dieser Vereine für die Gemeinde Adrianopel nicht verweigert werden würde, bis die Geschäftstätigkeit in dieser Gegend wieder einsetzt. Diese Hoffnung hat nicht getrogen. Auf ein erneutes Hilfsgesuch des Gemeindevorstands an die Alliance hat das Zentral-Komitee wiederum für das Schuljahr 1913/14 das vollständige Honorar für alle Lehrer der Knaben- und Mädchenschule und alle Ausgaben für Beköstigung und Kleidung der Schüler sowie für Lehrmittel und Heizung übernommen. Aus einem Brief, den das Zentral-Komitee am 31. August 1913 von einem Korrespondenten aus Saloniki erhalten hat, führen wir folgende Stelle an: . . Bier- bis fünfhundert jüdische Wanderhändler haben ihren Broterwerb verloren. Eine städtische Verordnung verbietet das Auslegen von Wgren auf den ^traßem und bisher waren nur Juden umherziehende Händler. Auch 200 jüdische Bootsleute sind ruiniert. Es wird ein sehr strenger Boykott gegen sie durchgeführt. Sie haben ihre Barken verlassen, haben aber in der Stadt noch keine andere Arbeit gefunden. Das Geschäft scheint für immer oder auf lange Jahre hinaus vernichtet zu sein. Saloniki entvölkert sich. Jedes Schiff, das unseren am verläßt, nimmt Hunderte von Auswanderern mit. In den _ en Tagen sind 400 jüdische Arbeiter nach Amerika ausgewandert; ganze Familien machen ihre Habe zu Geld und ziehen in dre Fremde. Der Krieg und die Verwüstung haben Saloniki ins Elend gestürzt; Steuern, Abgaben und Zölle belasten die importierten Waren unverhältnismäßig schtver. Unsere Zukunft liegt in den düstersten Farben vor uns." Man darf wohl hoffen, daß die hellenische Regierung die Verhältnisse prüfen und sich bemühen wird, die Lage der jüdischen Einwohner zu erleichtern. Ihr guter Wille kann nicht bestritten werden, sie hat ihn bei wiederholten Gelegenheiten und auch kürzlich wieder bei den Besprechungen bekundet, die die Minister mit den Vertretern der jüdischen Gemeinde gehabt haben. Mit besonderem Interesse lesen wir den fünften Abschnitt, der uns einen Einblick in die gegenwärtige Lage der Juden in Marokko gewährt: Aus den Zeitraum voll schmerzlicher Prüfungen, die den Israeliten in Marokko, besonders in Fez und Marrakesch, beschieden gewesen, ist eine Friedens- und Sicherhertsepoche in dem ganzen Gebiet gefolgt, in dem das französische und spanische Protektorat eingeführt sind. Hier und dort haben sich allerdings noch bedauernswerte Vorfälle ereignet, deren unangenehme Folgen die Israeliten zu tragen hatten. Wiederholt ist festgestellt worden, daß die Ortsbehörden vielfach geneigt waren, mit ungerechtfertigter Strenge und unter nichtssagenden Vorwänden gegen die Juden ei nzuschr eiten, aber es muß auch anerkannt werden, daß die vom Zentralkomitee bei der französischen und spanischen Generalrestdenz erhobenen Beschwerden mit dem größten Wohlwollen entgegengenommen und die entsprechenden Vorfälle untersucht worden sind. Danach sind Instruktionen erlassen worden, um die Wiederholung der gerügten Aebergriffe zu verhüten. Die Alliance, die seit den ersten Jahren ihres Bestehens den Israeliten von Marokko ihre Sorgfalt Zugewendet und seit fünfzig Jahren I ununterbrochen an ihrer Erziehung und sittlichen Hebung gearbeitet hat, kann den neuen Aufschwung nur freudig begrüßen, den bas Land unter dem zivilisierenden Einfluß der Rationen genommen hat. unter deren Vormundschaft es steht. Es kam daraus an, die Israeliten an allen Aeußerungen des Fortschritts teilnehmen zu lassen, die die Besetzung des Landes mit sich bringt. Deshalb ist das Zentral-Komitee der Alliance bemüht gewesen, die Juden überall, wo es möglich ist, aus den Mauern der Ghettos' (Mellah) herauszuführen, in denen sie zusammengedrängt waren, und ihnen den Erwerb von Grund und Loden zu erleichtern, damit sie künftig unter hygienischen Verhältnissen wohnen können, die ihnen vordem unbekannt gewesen sind. Eine wichtige Frage, die für die Zukunft und die moralische Sicherheit der marokkanischen Juden von großer Bedeutung ist, beschäftigt das Zentral-Komitee sehr ernstlich, es ist die Frage der Jurisdiktion, unter die das Protektorat von Marokko die Juden stellen wird. Man lveiß, daß die Israeliten bisher für alle internen Angelegenheiten (bei Eheschließungen, Scheidungen, Erbschaften, Mündigkeitserklärungen usw.) der Jurisdiktion der rabbinischen Gerichte unterstanden; bei Differenzen über bewegliche oder unbewegliche Habe aber, ganz gleich, ob die Streitigkeiten zwischen Juden oder zwischen Juden undNtohamedanern stattgefunden hatten, derJurisdittion des mohammedanischen Richters, Kadis oder Paschas. Bor das Konsutargericht kamen die Prozesse, in die ein Untertan oder ein Schützling einer fremden Macht verwickelt war. Bei der bevorstehenden, von der französischen Regierung vorgenommenen Abschaffung des Schutzes seitens fremder Mächte werden die wenigen israelitischen Schützlinge dem Privilegium dieser Gerichtsbarkeit entzogen und unter die Jurisdiktion der marokkanischen Gerichte gestellt. Die in dieser Beziehung in Tunesien gemachten Erfahrungen ließen das Zentral-Komitee befürchten, daß die marokkanischen Israeliten unter mohammedanischen Gerichten nicht die erforderlichen Garantien an Unparteilichkeit und gerechter Justizverwaltung zu erwarten hätten, und hat deshalb die Regierung des Protektorats dringend ersucht, den Juden das Recht zuzuerkennen, ihre Prozesse vor den kürzlich in Marokko eingerichteten französischen Justizverwaltung zu erwarten hätten, und hat es deshalb die Regierung eingereichten Vorstellungen werden zurzeit an den zuständigen Stellen geprüft. Die Alliance hat vom General Lyauteh die Zusicherung erhalten, daß sie mit dem größten Wohlwollen studiert und geprüft werden und daß das Bestreben vorhanden ist, sie nach Möglichkeit zu berücksichtigen. # Der sechste Abschnitt bietet bemerkenswerte statistische Daten über die Schulen und das Lehrlingswerk der Alliance seit der Errichtung der ersten Schule im Jahre 1862 bis zum heutigen Tage: Im Jahre 1S70 besaß die Alliance 14 Schulen: im Jahre 1900 100; im Jahre 1914 sind es 183. Im Jahre 1870 belief die Schülerzahl sich auf 2300, im Jahre 1900 auf 24000; im Jahre 1914 war die Zahl auf 48 000 gestiegen. Im Jahre 1870 beschäftigte die Alliance 75 Lehrer/ im Jahre 1900 798; im Jahre 1914 beträgt die Zahl der Lehrer 1472. Die Ausgaben für die Schulen sind natürlich in demselben Verhältnis gestiegen. Während sie im Jahre 1870 — 110 000 Francs, 1900 1200 000 Francs betragen hatten, beliefen sie sich im Jahre 1914 auf 2 300 000 Francs. Zu dieser letzten Summe hat die Alliance 1 200 000 . Francs und die betreffenden Gemeinden 1 100 000 Francs beigesteuert. Das Hauptzentrum der Erziehungstätigkeit der Alliance ist bisher das ottomanische Reich gewesen. In der ganzen Türkei gibt es keine einzige ansehnliche oder selbst mittlere jüdische Gemeinde, in der die Wirksamkeit der Alliance sich nicht fühlbar gemacht und feste Wurzeln geschlagen hätte. Der letzte Balkankrieg hat die Landkarte der von der Alliance begründeten Schulanstalten gründlich verändert.. Saloniki, Cavalla, Serres, Janina und Prevesa sind von Griechenland, Uschük und Monastir von Serbien und Gumuldjina von Bulgarien annektiert worden. Ob die an diesen Orten befindlichen Alliance-Schulen dieselbe Freiheit und dieselben Vorrechte genießen werden wie unter der ottomanischen Herrschaft? Diese ernste Frage ist nur schwer und nicht genau zu beantworten. Alles, was man jetzt schon sagen kann, ist die Tatsache, daß sowohl die griechische wie die serbische und bulgarische Regierung das Erziehungswerk der Alliance kennen und würdigen, daß die Alliance in der Zusammensetzung ihrer Lehrpläne von keinem engen Nebengedanken geleitet wird und nur die Interessen der Bevölkerung im Auge hat, die sie unterstützen und fördern will. Die Negierungen^haben ihre Stimmung in dieser Beziehung schon bekundet, indem fielen Alliance- Schulen gratis Lehrer der griechischen und serbischen Sprache zur Verfügung stellten. Im Jahresbericht für 1910 war der ebenso interessante wie rührende Bericht abgedruckt, den das Zentral-Komitee über eine Forschungsreise in Jemen erhalten hat. Die Alliance hatte sofort beschlossen, in Sanaa, der Hauptstadt des Landes, eine Schule zu errichten, und zugleich den Großrabbiner der Türkei.