Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gegen alle Machinationen der Kiewer Machthaber zugunsten des Judentums ausgesprochen. * Der dritte Abschnitt macht uns mit der gegenwärtigen Lage der Juden in Rumänien vertraut: Während des Jahres 1913 hat man sich in allen jüdischen Kreisen fast ununterbrochen mit der Lage der rumänischen Israeliten beschäftigen müssen. Hervorragende Staatsmänner, wie Georges Elemenceau in Frankreich und Luigi Luzzatti in Italien, haben öffentlich darauf hingewiesen, welche Verletzung des internationalen Rechts, der Achtung vor Staatsverträgen mW der vor bm Augen von. ganz Europa übernommenen Verpflichtungen die gesetzliche Stellung bedeutet, die Rumänien fortgesetzt den jüdischen Untertanen einräumt. Sie' ist der Gegenstand von wiederholten Verhandlungen zwischen den Staatskanzleien gewesen. Die damals am Ruder befindliche konservativ-demokratische Partei hat im Parlament, in Privatgesprächen und in der Presse Miene gemacht, die Wünsche der jt'ldischen Bevölkerung wenigstens teilweise zu befriedigen. Dies war die Stimmung der konservativen Regierung in bezug auf die Juden, als im Frühsommer 1913 die auswärtigen Greignlsse den Erlaß der allgemeinen Mobilisierung notwendig machten. Die Zahl der Juden, die sich auf den Aufruf gemeldet hatten, wird aus 25 000 geschätzt; unter ihnen befanden sich nicht nur Militärpflichtige, sondern Dausende von Freiwilligen. Die jüdischen Hospitäler, Schulanstalten und selbst Synagogen wurden oen Behörden zur Verfügung gestellt. Allerhand Gaben an Geld und Naturalien flössen zusammen, und man nimmt an, daß von den gesammelten 4 Millionen Francs zur Unterstützung der Witwen und Waisen von Gefallenen wenigstens die Hälfte von Israeliten gespendet worden ist. In der vom Kriegsministerium herausgegebenen offiziellen Liste der im Laufe der kriegerischen Vorgänge gefallenen Soldaten findet man die Namen vieler Juden. Diese Haltung der Juden machte Eindruck, und in der Senatssitzung vom 14. Juli lenkte der bekannte Politiker Emil L a h o v a r y die Aufmerksamkeit der Regierung darauf und verlangte von ihr, daß sie ihre Anerkennung dafür in der Gewährung der Naturalisation an die mobilisierten Juden beweise. Beinahe einstimmiger Beifall der ganzen Körperschaft folgte dieser Erklärung. Der Finanzminister Marghilomau gab eine kurze Antwort darauf, in der es zum Schluß heißt: Ohne un Namen der Regierung eine diesbezügliche Verpflichtung zu übernehmen, darf ich wohl unser aller lleberzeugung dahin aussprechen, daß die Naturalisation unverzüglich und sobald wie möglich allen Israeliten und sonstigen im Lande geborenen und erzogenen Fremden gewährt werden wird, die jetzt bereit sind, ihr Blut für dieses Land zu vergießen. So vorsichtig die Worte des Ministers auch gehalten waren, so enthielten sie doch implizite ein Versprechen. Die Presse imb die öffentliche Meinung waren der Zulassung der Juden günstig, die am Feldzug teilgenommen hatten. Der „Verband der eingeborenen Iuoen" veranstaltete eine Enquete über diese Angelegenheit im Kreise der rumänischen Notabeln, die sich zum größten Teil gleichfalls für eine en bloe-Natnralisation der Mobilisierten und Freiwilligen anssprachen. Allein nach den diplomatischen Erfolgen, die die Lage des rumänischen Staates in Europa befestigt haben, nahmen die polnischen Parteien wieder ihre eigene Bewegungsfreiheit in Anspruch und die Juden gingen leer aus. Das Hauptorgan der antijüdischen Bewegung, die „Liga Culturala", eröffnete eine heftige Preßkampagne und veranstaltete in den meisten Städten öffentliche Versammlungen, in denen sie die angebliche jüdische Gefahr verkündete. Die in diesen Meetings auftretenden Redner, darunter die Professoren Cusa, Jorga und Arion, bewarfen die Juden mit den schlimmsten tendenziösen Beschuldigungen, nannten sie eine minderwertige, unschmiegsame und für das Land gefährliche Rasse. Als die Israeliten ihrerseits Abwehrversammlungen emberiesen, um sich gegen die Angriffe zu schützen, bedrohten die rumänischen Antisemiten die Juden mit Pogromerl, erinnerten sie daran, daß das rumänische Volk bei Gelegenheit ebenso grarrsam sein könnte wie sein slawischer Nachbar und brachten die Ereignisse vom Jahre I866, die Ertränkungen von Galatz, die Plünderung der Bnkarester Synagoge in Erinnerung. Der sehr instruktive Bericht über die Lage der Juden in Rumänien schließt mit folgender Betrachtung: Die Gesamtnaturalisierung der eingeborenen Juden kann nur durch' eine Aenderung des Artikels 7 der Verfassung erfolgen. Run hat die neue Regierung erklären lassen, daß sie diesen Artikel für unangreifbar hält, daß sie ihn als das „Schild der nationalen Interessen" betrachtet, und ein ehemaliger Minister, Herr Badarau, hat in einer politischen Rede in aller Form ausgesprochen, daß das augenblicklich gegen die Juden angewendete System weiter beibehalten werden würde. Ist eine Intervention von seiten einer der Berliner Signatarmächte zu erwarten? Die rumänischen Politiker hören nicht auf, sich gegen diese legitime Anschauung zu wenden. Noch kürzlich hat ein hervorragendes Mitglied der Liberalen Partei, Herr Stere, nach Erwähnung der Tatsache, daß die Regierung nicht die Absicht habe, den Artikel 7 der Verfassung zu ändern, behauptet: „Die Judensrage ist eine interne Angelegenheit, und nichts voll außen Kommendes kann die liberale Regierung bei der Lösung dieser Frage beeinflussen. Die Liberalen werden sich zu gelegener Zeit mit der Judensrage beschäftigen, wie sie sich mit den anderen inneren Reformen befassen werden, die das Land verlangt. Sie werden das Iudenproblem ohne jede äußere Einmischung und im alleinigen Interesse des Landes lösen." Unglücklicherweise haben die rumänischen Staatsmänner in den beinahe 40 Jahren seit dem Bestehen der Judensrage noch niemals die „gelegene Zeit" gefunden, um die Emanzipation der Juden durchzuführen. * Der vierte Abschnitt bespricht die Ereignisse auf der Balkanhalbinsel, die 1912 begonnen nnb die jüdische Bevölkerung dieser Länder arg in Mitleidenschaft gezogen haben. In den großen Städten wie in Saloniki und Konstantinopel wurden die lokalen Verpflichtungen noch durch das Eintreffen zahlreicher jüdischer Familien vergrößert, die aus der Nähe des Kriegsschauplatzes geflohen waren, um ihr Leben zu retten, und die nun von den größeren Gemeinden Obdach und Existenzmittel erbaten. Die Israeliten des Abendlandes mußten einschreiten, um für den Unterhalt der Flüchtlinge und der nach Tausenden zählenden anderen bedürftigen Familien zu sorgen. Während dieser traurigen Zeit hat die Alliance alle erforderlichen Opfer gebracht. Der Geist der Solidarität unter den Israeliten der ganzen Welt hat ihr die Erfüllung dieser Aufgabe ermöglicht. Die Alliance hatte die Hilfsaktion zuerst allein begonnen und hat zu ihrer Durchführung ihre Vertreter und die Lokal-Komitees der vom Unglück betroffenen Gemeinden zugezogen. Danach hat sie ihre Bemühungen mit denen des „Verbandes der Wohlfahrtsvereine" verbunden, der sich in Brüssel konstituiert hatte, und hat diesem den größten Teil der Summen zur Verfügung gestellt, die nach dem Ablauf vom Jahre 1912 zusammengekommen waren. Diesem gemeinsamen Vorgehen ist es zu danken, daß man während der ganzen kritischen Zeit die armen Familien, besonders solche verpflegen konnte, deren Oberhaupt oder Söhne im Felde standen, und daß man nach beendetem Kriege die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückbefördern konnte. Dieses Hilsswerk ist noch jetzt nicht beendet. Es bleibt überall noch viel zu tun, wie aus den folgenden Mitteilungen zu ersehen ist, die an die Alliance gelangt sind. Der Direktor der Knabenschule von Adrianopel schreibt: Der Krieg hat alles zugrnude gerichtet: unsere Gemeinde, die Schulen und unsere Znkunftspläne. Ueber 500 Familien hatten es möglich gemacht, nach Konstantinvpel zu flüchteu. Da sie in der Mehrzahl wohlhabende Leute waren, machte sich das Fehlen ihrer Beiträge zur Erhaltung der Gemeindeinstitutionen bald fühlbar. Unserem ersten Gedenken gemäß wollten wir nach dem Muster der Militärverwaltung in entsprechendem Verhältnis ebenfalls Proviant für die Dauer der voraussichtlichen Belagerung anschaffen, um damit die armen Familien zu unterstützen, die keine.Existenzmittel mehr befassen. Aber zu diesem Zweck waren Geldmittel oder Kredit erforderlich, und leider hatten wir zu jener Zeit weder Geld noch Kredit. Anfang November war die durch einige Geldsammlungen und private Gaben mühselig gespeiste Gemeindekasse vollständig leer, und der Vorstand der Gemeinde befand sich in sehr schwieriger Lage. Einige nach Konstantinopel geflüchtete Notabeln der Adrianopeler Gemeinde ahnten die unglückseligen Verhältnisse und beklagten sie aufrichtig. Sie wendeten sich an den Großrabbiner Nahum und baten ihn, beim Kriegsministermm die erforderlichen Schritte zu tun, damit die Erlaubnis gewährt würde, die von der Alliance der Gemeinde von Adrimwpel zugedachten Hilssgelber durch drahtlose Telegraphie an die dortige Filiale der Ottomanischen Bank zu überweisen. Da die Vertreter des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" in Berlin und der Bne-Brith-Logen dasselbe Gesuch eingereicht hatten, konnten nach erfolgter Bewilligung den armen, unglücklichen Juden in Adrianopel drei Geldsendungen von zusannnen 46 000 Francs übermittelt werden. Unzählige arme Glaubensgenossen der belagerten Stadt konnten dadurch vor dem Hungertode bewahrt werden. Als die erstell Kanollenkugeln der Belagerungsarmee in Adrianopel einschlngen, wurde unsere Schule von über 500 Familien angefüllt, die hier eine Zuflucht vor den mörderischen Kugeln suchten. Durch ein wahres Wunder hat niemand die geringste Verletzung erhalten, obgleich zwei Geschosse das Schulgebäude getroffen und einen Teil des Daches, die Einfassungsmauer und den Parkettboden von fünf Sälen vernichtet haben.