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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-19 · Heft 25 (19.6.1914) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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300 „Nun, was machst du denn für ein finsteres Gesicht? Du bist ja ausgenommen, du kleiner Glückspilz!?" „Onkel Wanja", sagte der Knabe ernst, „dieser da", und er zeigte auf den dunkeläugigen, weinenden jüdischen Knaben, „hatte eine Fünf — und siel durch, ich hatte eine 'vier und — bin ausgenommen. Was hat er denn getan?" In das Gewirr von Bewegungen und Stimmen schien eine kleine Pause eingetreten zu sein, Morosow war verstummt. Er drückte instinktiv die Hand des kleinen Nika, den sein Mentor, der Student Andreas, hinausführen wollte. Er merkte, daß der Kleine sich unsäglich elend fühlte, und angstvoll flüsterte er Morosow zu: „Mein Liebling ist leider mit einem Herzfehler erblich belastet. Seine Geschwister sind alle daran gestorben!" Mit traurigem Lächeln strich Morosow dem Knaben über die Wange. „Auf Wiedersehen, Nika! Was wirst du der Mutter erzählen? Hat es dir hier gefallen?" In seiner herzgewinnenden Ehrlichkeit erwiderte der Knabe traurig: „O, nein, es gefällt mir nicht ... ich mag auch hier gar nicht sein, ich dachte hier wären alle so brav und gut . . . aber nur Sie sind es, Onkel Wanja! Sie wollten uns immer helfen und es uns leicht machen bei der Prüfung, ich habe es bemerkt, aber die anderen — ich habe Sie lieb, Onkel Wanja, sehr lieb, ja im'»» ich noch in Ihre Klasse kommen könnte!" . . . Er war schon mit seinem Begleiter einige Schritte gegangen, da drehte er sich um und warf „Onkel Wanja" noch zärtlich eine Kußhand zu. Ganz unwillkürlich zog der alte Lehrer den Hut tief vor diesem reinen Kinde. Er schritt dann langsam seiner einsamen Junggesellenwohnung zu und murmelte kopfschüttelnd: „Welch ein herrliches Geschöpf ist dieser schöne, geweckte, wahrheitsliebende Knabe! Schon deine ersten Schritte ins Leben waren dornenvoll, und was werden wir, armes Kind, in der Schule in den ersten paar Jahren schon aus dir machen!... Und —" fügte er seufzend hinzu — „was soll der arme, vergewaltigte Judenknabe mit seiner „Fünf" anfangen?!" Litersrilchr Mitteilungen. Zionistische Kolonisationspolitik. Bericht an den elften Zionistenkongreß von Dr. Arthur Ruppin, Leiter des Palästina-Aintes in Jaffa. 1914. Jüdischer Verlag, Berlin W 15, Sächsischestraße 8. Der vortreffliche Bericht Ruppins beleuchtet weniger die erzielten tatsächlichen Ergebnisse, als das System der zionistischen Kolonisationspolitik nebst seinen Vorzügen und Mängeln. Man erkennt deutlich, trotz der optimistischen Grundstimmung der Auslassungen, daß Ruppin für die Schwierigkeiten der Palästinaarbeit einen sicheren Blick hat. Manche Stellen verraten sogar eine gewisse leise Skepsis. F—n. Sprrchsaal. Sehr geehrter Herr G e h e i m x a 1! Das erste Juniheft des von Dr. Ferdinand Avenari-us herausgegebenen „Kunstworts" enthält eine Erklärung des Bundesleiters des Wandervogels, Direktor Dr. Neuendorff, Mülheim a. d. Ruhr, zur Frankfurter Entschließung dos Bundes, eine Erklärung, die geeignet sein dürfte, den bisher noch Zweifelnden volle Klarheit zu verschaffen. Der in dem Bunde herrschende Geist erhellt zur Genüge aus folgenden Anführungm: „Im allgemeinen hatten die Juden weder viel Verständnis, noch viel Neigung für ihn (den Wandervogel). Das -w ar ja im Grunde auch gar nicht verwunderlich. Im Wandervogel erwuchs ganz unbewußt und wie s. e l b st v e r - stündlich eine fast fanatisch zu nennende Liebe für deutsches Volkstum heran. Alte deutsche Lieder wurden ebenso ehrfurchtsvoll gesammelt, wie altes deutsches Hausgerät oder alte deutsche Kleidung. Die germanische Sonnwendfeier wurde neu belebt." „Wenn man diese Jungen gefragt hätte, ob sie „Antisemiten" wären, hätten sie den Frager wahrscheinlich erstaunt angesehen, hätten vielleicht nicht einmal gewußt, was Antisemiten eigentlich feien, wenn sie auch im Tiefsten fühlten, daß ausgeprägte j üdische Art ihrer eigenen ganz und gar fremd war." „Das Wesen des Wandervogels ist ganz und gar -deutsch und wurzelt in deutscher Vergangenheit. Daher ist es verständlich, daß Juden mit besonders ausg-eprä.gten.R.asseneigen° t ü m l i ch k e i t e n, die für d i e s e V e r g a n g e n h e -i t n a t u r ° gemäß kein Verständnis haben, nicht in deu Wandervogel passen werden." „Laut -erhebt man heute die Forderung, der Wandervogel müsse unter allen Umständen frei von Tendenzen bleiben. Niemand wünscht das mehr als der Wandervogel selber, nur freilich, daß -er den Willen, vaterländisch -gesinnt zu sein -und d e u t sch.e E i g >e n a r t z u -e r h a l t e n, nicht zu den „Tendenzen" zählt." Unsere Glaubensgenossen sollten sich auf Grund dieser Auslassung 'entschließen, weder die Wandervogelbewegung, deren antisemitischer Geist nun offenbar ist, noch auch -eine Zeitschrift, die sich zum Sprachrohr für derartige Darlegungen hergibt, fernerhin in irgendeiner Weise zu unterstützen. Stockholm, 5. Juni 1914. Felix Saul. * Z. Zt. Hamburg, 6. Juni 1914. Hotel Atlantic. Sehr geehrte Reda-kt i on! Im Nam-en der Delegierten der Emigrationskonferenz, welche am 5. und 6. Juni im Verwaltungsgebäude der Hamburg-Am erika-Linie Zwischen der letzteren und dem Norddeutschen Lloyd einerseits und Vertretern jüdischer Emigrationsgesellschaften aus Rußland andererseits getagt hat, -erlauben -wir uns um Veröffentlichung folgender Erklärung in der nächsten Ausgabe Ihrer geschätzten Zeitung zu bitten: In der letzten Nummer -des „Israelitischen Famil-ienblattes" in Hamburg erschien eine Notiz, in der mit Bezug aus -bt-e oben erwähnte Konferenz behauptet wird, daß an derselben keine humanitären Gesellschaften, sondern lediglich Agenturen, die gegen Provisionarbeiten, teilneh-rnen würden. Demgegenüber stellen wir fest, daß an der Konferenz folgende Gesellschaften, teilgenomm-en haben: der Verein für die Regelung der jüdischen Emigration in St. Petersburg, der Minsker Hilfsverein für jüdische Auswanderer, das Warschauer Juformationsbur-eau für jüdische Auswanderer, die Ki-ewer und Lodzer Abteilung des Vereins für die Regelung der jüdischen Emigration. Ferner hat die jüdische Emigrationsgesellschaft in Kiew (Jto) und das russische Zentralkomitee der Jto sich mit uns soLidarisch erklärt. Die Konferenz -erhielt s-erner Begrüßungstelegramme von, den -drei jüdischen Dumaabgeordneten Dr. Bomasch, Rechtsanwalt Friedmann und Gurewitsch und von einer größeren Anzahl namhafter jüdischer Persönlichkeitenin Rußland. Die gesamte Mische öffentliche Meinung in Rußland hat unsere Konferenz zum Wohl der jüdischen Auswanderer auf das wärmste begrüßt. Im Namen unserer Gesellschaften und im Namen der Delegierten zu der Hamburger Konferenz, von deren Verlauf im Interesse unserer emigrierenden Brüder wir befriedigt sind, weisen wir die in der erwähnten Notiz des „Israelitischen Familienbl-attes" enthaltene Verdächtigung mit aller Entschiedenheit und mit dem Ausdruck der Entrüstung gegen die Urheber derselben zurück. lieber die Resultate 'der Konferenz wird demnächst ein ausführlicher Bericht erscheinen. Mitgrößter Hochachtung (gez.:) Rechtsanwalt B. Mandel, Vorsitzender des Vereins für die Regelung der jüdischen Emigration in St. Petersburg, (m-) St. Weißblatt, Wirklicher Kaiserlich Russischer Staatsrat, Exzellenz, Vizepräsident, (gez.:) G. Gurewitsch, Königlich Dänischer Konsul und 'Ehrensekretär der jüdischen Gemeinde i n Kiew.

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