Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-19 · Heft 25 (19.6.1914) · p. Seite 299

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229149--70507-3282856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

299 dessen Stimme und Tonfall die jüdische Abstammung verrieten. Bald darauf ließ sich die Erwiderung vernehmen: „Warum? .. Du sollst mal sehen, ich fürchte nichts!" . . . Iwan Pawlowitsch drehte sich um. Vor ihm stand ein etwa zehnjähriger Knabe mit weiß-rosigem Gesicht, blondlockigem Haar und wundervollen großen Augen. „Guten Tag, Onkel Wanja," ries das Kind dreist, und streckte seine kleine Hand aus. „Guten Tag mein kleiner Mann, wie heißt du?" „Nika Jbrajew," sagte der Knabe mit silberheller Stimme. „Nika? Ist das ein Knaben- oder ein Mädchenname? Was hast du aber für lange Locken!" „Mama wünscht es so . . . ich sagte ihr schon: Ich mag diese Haare nicht, aber dann ärgert sie sich." „Und ist deine Mama mit dir gekommen?" „Ach nein — sie hat kranke Füße und sitzt immer in einem Lehnstuhl. Mein Lehrer Andreas brachte mich her, er ist Ihr Schüler! Gleich, als ich eintrat, sagte ich: „Ich will Onkel Wanja begrüßen, da meinte hier der kleine Junge (er wies auf den dunkeläugigen Judenknaben, der zurückgetreten war): „Es geht nicht," und der Schweizer flüsterte auch: „Man wagt nicht mit dem Lehrer zu sprechen!" Ha, ha ha . . . warum sollte ich es nicht wagen? . . . Sie gefallen mir sehr gut, „Onkel Wanja", und wir haben schon oft von Ihnen gesprochen." „Du gefällst mir auch, mein Kind," entgegnete der Lehrer und wollte noch etwas hinzufügen. In diesem Augenblick zog sich das Gesicht des Schweizers in ernste Falten und er flüsterte: „St . . . man kommt!" . . . Still wurde es plötzlich in den Reihen der harrenden Knaben., : Die Inspektoren erschienen in ihren Uniformen, der Direktor im Frack, und es erscholl der Ruf: „Zur Prüfung in den Saal." Der kleine Nika bemerkte, wie „Onkel Wanja" sich mit ehrerbietiger Miene vor dem Direktor tief herneigte. Er ließ sich jedoch nicht verblüffen, faßte den Lehrer'unter den Arm und sagte ganz vergnügt: „So, Onkel Wanja, wir gehen zusammen hinein!" Lächelnd fragte der Lehrer: „Du bist wohl das einzige Kind bei deinen Eltern?" „Ja . . . das heißt . . . wir waren vier, aber die anderen starben, und Papa ist schon lange tot." „So, so, also doch der einzige, darum bist du so eigenartig!" Die Türen des Prüfungssaales schlossen sich, und draußen in der Halle standen die Eltern dicht gedrängt und mit dem Ausdruck starker Erregung. Auch der Student Andreas, der Nika hergeführt, war unter ihnen. Er rieb nervös seine Hände und, sprach leise zu sich selbst: „Nika kommt sicher durch, aber — wer wird sich hier um die besondere Wesenheit dieses Kindes kümmern? Wie wird aus ihn wohl das Kasernenshstem wirken?" All die Wartenden waren in derselben Stimmung und von derselben Ungeduld beherrscht. Die meisten zeigten einen so unglücklichen Ausdruck, als hätten sie die Kinder nicht zur Prüfung, sondern zu einer gefährlichen Operation gebracht. Manche nahmen wiederholt die Uhr heraus und steckten sie wieder ein, ohne zu wissen, wieviel es an der Zeit sei. Dem Studenten fiel besonders eine anmutige, junge Frau auf, die sich bemühte, gleichgültig zu scheinen, aber beim geringsten Geräusch jenseits der Saaltür zusammenfnhr und erbleichte. Andreas bemerkte auch, wie ein Student sich in der größten Aufregung wiederholt mit der Hand durch das Haar strich. Er kannte ihn und wußte, daß er die Stunden in dem reichen Hause verlieren würde, wenn der Schüler nicht die Prüfung bestehen sollte. Allmählich bemeisterten die Leute ihre Erregung so weit, daß sie miteinander zu sprechen begannen. „Bei dieser unglaublichen Fülle muß die Prüfung natürlich erschwert werden." „In sämtlichen Lehranstalten ist derselbe Andrang, und immer schließen sich die Türen vor dem Unbemittelten, während die Reichen ihre Kinder stets unterbringen." Derartige Bemerkungen waren mehrfach zu hören. „Herr Studiosus," sagte eine Dame, dicht neben Andreas, „wissen Sie, ob Pogodin auch prüft?" Ehe er noch antworten konnte, fuhr sie eifrig fort: „Bei Pogodin ist mein armer Petja schon voriges Jahr durchgefallen, er zitterte bei dem bloßen Namen . . . und wie ist das Kind lernbegierig!" „Haben Sie nur den einen?" fragte er. „Wo denken Sie hin, fünf hinterließ mir mein Mann, als er im Kriege fiel. Jetzt führe ich die Buchbinderei fort, die Kinder sind begabt, und man möchte sie doch weiterbringen!" . . . Die Türe des Saales öffnete sich, und die Kinder kamen mit rotem Kopf und so schweißtriefend heraus, als wären sie im heißen Bade gewesen. Die Mütter stürzten ihnen entgegen. Sie überhörten, wie die Kleinen seufzend sagten: „O, wie ist es heiß, man kann kaum atmen", sie übersahen auch den Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit bei vielen der Geprüften. Selbst die Dame, die gleichgültig scheinen wollte, fragte ihren Sohn ganz laut: „Nun, bist du durch . . .?" „Gefallen", erwiderte der Knabe schluchzend. „Warum heulst du denn so?" fragte die Mutter verlegen. „Vor . . . Freude . . .", sagte er weinend, und die Ilmstehenden mußten über die Naivetät lächeln. „Ich wollte gerade den Satz zu Ende schreiben, bums diktiert er schon einen zweiten! Ich habe wirklich keine Schuld, das kannst du mir glauben," so klärte ein Knabe seinen Bater arlf. Eine neue Welle von kleinen Schülern ergoß sich aus dem Saal. Wiederum Händeringen, Ausrufe schmerzlicher Enttäuschungen und Erblassen der Mütter. Die Aufregung steigerte sich noch, als die zwei Inspektoren in der Saaltür erschienen und die Namen derjenigen bekannt machten, die durchgcsallen waren. Eine Mutter fiel in Ohnmacht, eine andere bekam einen Weinkrampf, die meisten weinten taut oder leise, ein Vater machte eine drohende Handbelvegnng und schrie: „Ich werde mich beim Direktor beklagen, mit einer „runden Drei" läßt man ein Kind nicht durchfallen!" „Das ist alles Pogodins Werk!" ließ sich eine heisere Stimme vernehmen. „Da ist er!", rief ängstlich ein Knabe, als ein hübscher, brünetter Herr mit dem Ausdruck eines Auguren aus der Treppe erschien. Giftige Blicke von Männern und Frauen hefteten sich auf sein selbstzufriedenes Antlitz. „Das Endresultat ist erst in drei Tagen zu erfahren," verkündete schließlich der Inspektor und racibte damit auch denjenigen die Ruhe, die einen guten Ansgang erhoffen durften. „Es ist empörend, die Kinder so zu quälen . . ." „Diese bodenlose Ungerechtigkeit, mein Junge hat drei und vier!" . . . „Das Konkurrenzexamen ist noch verschärft worden! . . . es wird eine „runde Fünf" verlangt . . . wegen der Ueberfüllung . . ." „Herr Lehrer," sagte die Mutter des jüdischen Knaben, eine blasse, ärmlich aussehende Frau zu Morosvw, „mein Sohn hat ja eine „Fünf" ... er war so riesig fleißig . . . zweimal ist er schon zurückgewiesen worden . . ." Der gutmütige Mvrosow war gerade im Begriff, nach dem Portal zu gehen, als er die verzweifelten Worte der jüdischen Frau hörte, die ihm die Schamröte ins Gesicht jagten. Er war innerlich empört über die ihr und ihrem Knaben widerfahrene Ungerechtigkeit. Sein Blick fiel in diesem Augenblick auf den kleinen Nika, dem er mit gekünsteltem Humor zurief:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.