Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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298 der Schule nicht nach sogenannten gesellschaftlichen Motiven, sondern nach der Begabung des Kindes sich richten, und — wenigstens auf diesem Gebiete sich möglichst von der Mode emanzipieren. Die Eltern haben ja an der Notwendigkeit und dem Umfang der Nachhilfe einen Maßstab dafür, ob das Kind eine Schule ertragen kann. Die Erziehung zur Selbständigkeit erfordert, daß die häuslichen Arbeiten (nicht bloß die der Schule!) möglichst früh ohne Mithilfe der Erwachsenen geleistet werden. Es ist schlimm, wenn ein häuslicher Aufsaß des Kindes als eine Familienangelegenheit betrachtet wird. Sehr schlimm ist es freilich auch, wenn eine Schule sich nur als Aufgabeapparat ansieht und das Arbeitenlehren und Neben den Eltern überläßt und die notwendige Erholungszeit des Kindes cnich noch unberechtigterweise für sich in Anspruch nimmt. Heilighaltcn soll man die Eigenart der Kinder auch insofern, als man ihre Harmlosigkeit nicht allzufrüh auf Gebiete ablenke, die kindlichem Begreifen naturgemäß verschlossen sind. Tie Forderung sexueller Aufklärung, um über dieses jetzt glücklicherweise schon nicht mehr ganz beliebte Modethema ein Wort zu sagen, wird meistens gar zu wichtig genommen. Es ist sicherlich Pflicht des Vaters oder der Mutter, zu gegebener Zeit ein ernstes, vernünftiges Wort über diese Dinge zu reden, aber auch hier muß man vor Verfrühung warnen. Alan rede sich doch nicht ein, mit solcher Aufklärung, die sich meist nur an den Verstand wendet und selten auf Gemüt und Willen wirkt, etwas sonderlich Wertvolles geleistet zu haben. Ein Gefühl für die Heiligkeit der Sache ist bei Kindern schwer zu wecken. Die vorbildliche Reinheit des Familienlebens, die strengsittliche Gewöhnung der Kinder zu Pflicht und Arbeit, besonnene und der Verantwortung sich bewußte Aussicht, stete Inanspruchnahme des kindlichen Tätigkeitstriebes, Mäßigkeit im Genuß, körperliche Hebungen, durch die das Kind von selbst Freude erhält am Erstarken und Wachsen und seinen Körper ehren lernt -- dies alles ist viel wichtiger, freilich auch viel schwieriger als die sogenannte sexuelle Aufklärung. Es ist ein Glück, wenn die Eltern an den geistigen Interessen der Kinder teilnehmen, wenn sie auch in diesem Sinne mit ihnen leben, und ihre Blicke nach und nach erheben können zu den hohen Dingen des Lebens. Um das Interesse für Kunst, Wissenschaft und Religion zu wecken, bedarf es nicht tiefer Kenntnisse auf diesem Gebiete. Ein reiner Sinn und eine echte Freude am Schönen und Guten schasst Anhänger. -Hier wirkt Begeisterung ansteckend. Die kurze Wegstrecke gemeinsamen Lebens in diesen Ideen bestimmt oft für das Kind die Richtung des langen Weges, den es allein gehen muß. Wenn das Herz früh gewöhnt ist, im Edelsten zu genießen, hier seine reinsten Freuden zu finden, wird es am besten gefeit sein gegen die Lockungen niederer Art. Wenn die Eltern an dem Tisch, an dem das gemeinsame Mahl die Familie sammelt, auch seelisch Erquickendes vermitteln und spenden können, so schlingt sich hier ein Band um die Familie, das wirklich festhält. Ist musikalische Begabung unter den Familienangehörigen vorhanden, so kann eine Art Hausorchester sich bilden; man mag gemeinsam gute Bilder betrachten, die heute in Ueberfülle jedem zugänglich gemacht werden; vor allem aber vereine an manchem Winterabend ein Buch die ganze Familie um sich, ein echtes Jugendbuch, das ist ein Buch, das den Alten und Jungen Freude spenden kann. Und ich darf in diesem Zusammenhänge sagen: es ist aufs innigste zu wünschen, daß im Familienkreise recht oft, sobald die Stimmung da ist, ein Stück aus unserer Bibel gelesen wird. Dieses Licht, das die Eltern und die Kinder um sich vereint, das leuchtet nicht nur mit stillem Glanze durch das ganze Haus, es spendet Helle und Wärme noch in späte Tage hinein. Und wenn nun gar im Kreise ein graues Haupt leuchtet, von der Liebe der Kinder und Enkel umhegt, und Tage der Vorzeit aus unmittelbarem Bericht lebendig werden und vor den großen Augen der Kinder der Vorfahren wechselndes Geschick sich entfaltet, da lernt es, wie die Glücket von Hameln sagt, von was für Leuten es stammt. Und sein Stolz wird wach, wenn es sich als Glied einer langen, langen Kette suhlt, und das lebhafte Gefühl für die Familie wird es aneifern, sich ihrer würdig zu erweisen, nichts zu tun, dessen es sich vor Vater und Mutter schämen müßte. Gewiß sehen wir hierin nicht daS höchste Motiv sittlichen Handelns, aber aus dem Wege zur sittlichen Reifung sind uns alle guten Geister willkommen, die zum Guten führen. Wenn das Kind so seiner Väter gedenkt und seines Platzes im Hause sich sicher fühlt, wird es gern bekennen und einstehen für seine Art und seinen Namen. Da wird es nicht feige verhüllen, was sein ganzer Stolz sein darf, daß es ein Jude ist. Dieser Stolz freilich bleibt auf die Dauer nur berechtigt, wenn er sich mit strenger Selbsterziehung paart. Das Judentum lehrt die Feindesliebe. Aber wenn es sie auch nicht lehrte, wie sehr müßten wir uns zur Feindesliebe verpflichtet fühlen, wenn wir bedenken, was wir unseren Hassern verdanken können/ Sie seien gesegnet, die beständig uns erinnern, auf uns zu achten! Mögen andere sich bemühen, die Ungerechtigkeit ihrer Behauptungen nachzuweisen. Wir wollen doch wirklich nicht damit zufrieden fein, wenn wir statistisch berechnen können, daß wir mit unseren Hassern moralisch auf gleicher Stufe stehen. Nein, es gilt aus den Niederungen herauszukommen und Höhen zu erklimmen, wie unsere Religion sie uns zum Ziele setzt. Und wir alle, die wir als Erzieher etwas erreichen möchten in der Schule und in der Familie, wir wissen, daß wir nicht wirksamer zum Heile unserer Jugend arbeiten können, als wenn wir stets an unserer eigenen Vervollkommnung arbeiten und durch unser Beispiel schon früh den Sinn wecken zur Selbsterziehung. Dir rillen Schritte. Von A. W e r b i tz k y. Deutsch von Marie Beßmertnh. m zehn Uhr morgens ging Iwan Pawlowitsch Morosow ins Gymnasium zum Aufnahmeexamen. Er war schon seit zwanzig Jahren Lehrer der russischen Sprache und nannte sich selbst einen „berufsmäßigen Junggesellen". Allein war er in seinem bescheidenen Heim und allein im Lehrerkollegium, wo er als „gefährliches-Element" betrachtet wurde. Er stand abseits von den jungen Kollegen, die Karriere machen wollten, und fern von den starren Formalisten, denen der tote Stoff wichtiger erschien als das lebendige Schülermaterial. So war er in der Tat der letzte der Mohikaner, der die Jugend liebte, und besonders den Keim des Guten in ihre Seele pflanzen wollte. Die Knaben liebten ihn, die Kleinsten nannten ihn „Onkel Wanja". Die weiche Mailuft versetzte ihn in eine heitere Stimmung. Unwillkürlich ging er langsamer, um noch länger den Anblick des blauen Himmels zu genießen. „O, wie schön muß es jetzt im Dorfe, im Walde und auf den Feldern sein!" flüsterte er. Kaum war er in den Schulhof getreten, als er den Schweizer fragte: „Haben sich viele gemeldet?" „Noch nie war ein derartiger Ansturm," lautete die Antwort. „Es geht nicht, sage ich dir, und — du wirst es nicht wagen," hörte er hinter seinem Rücken einen Knaben erregt sagen,