Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
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297 Alle guten Einwirkungen der Familie werden verstärkt, wenn — wirklich Familie da ist. Auch vom Standpunkte der Erziehung ist es ein Segen, wenn, nach des Psalmisten Wort, Kinder wie Oelbaumsprossen rings um den Tisch wachsen, wenn die verschiedenen Familiengrade wirklich erlebt werden, wenn all die helfende, tragende, dienende Fürsorge wechselseitig geübt werden kann, wenn Bruder und Schwester mit Bruder und Schwester sich freuen und -ihre Kräfte messen können. Und in diesem möglichst mannigfaltigen Hin und Her des Gewährens und Empfangens, aber zugleich des gemeinsamen Dienens für die Zwecke eines Ganzen — hier der Familie, der Urzelle gesellschaftlicher Gestaltung — liegen auch die wichtigsten Keime zur Gewöhnung im Dienste staatsbürgerlicher Erziehung. Mit der Förderung der körperlichen Qualitäten werden Nebenzwecke verfolgt, die in den Dienst der gesamten Erziehung treten. Ein guter Turnunterricht diszipliniert. Er lehrt das Sichunterordnen unter allgemeine Zwecke und doch auch wieder das Hervortreten mit der eigenen Kraft, wenn der Augenblick es gebietet. Er unterstützt so den Geist, wie er in unseren Familien herrschen soll, in denen ständige Gewöhnung dafür sorge, daß Bescheidenheit und Zurückhaltung der Jugend eigne, nicht aber Vordringlichkeit und Aufdringlichkeit, daß jedoch ein selbständiges ruhiges Eingreifen erfolge, wenn man nach vernünftigem Abschätzen der eigenen Kraft der Sache dienen kann. So gedeiht ein berechtigtes Selbstbewußtsein, das um so wertvoller ist, je mehr man bestrebt ist, das Selbst wertvoller zu machen. Turnen, Sport und Spiel schützen vor Verweichlichung. Kleine Stöße und Verletzungen werden leicht überwunden. Man nimmt bei uns einen kleinen Schmerz der Kinder oft zu wichtig. Etwas Magenbeschwerde macht das Kind gleich zum Zentrum der Familiensorgen. Und in Fällen, in denen man vielleicht nicht einmal den Hausarzt bemühen sollte, ruft man den Spezialisten und Professor. Und mit wieviel Gaben überschüttet unzeitiges Mitleid das kranke Kind! Es wäre oft viel besser, wenn man es seiner Einsamkeit überließe, nicht nur aus hygienischen Gründen. Es schadet nichts, wenn man die Kinder einmal einen Schmerz echt durchkosten läßt. Die Sehnsucht, wieder in die Gemeinschaft der Gesunden zu kommen, wird die Heilung nur beschleunigen. Und es ist sehr wichtig, daß ein Kind früh fühlt, daß es im Leben Leid gibt, dem sich niemand entziehen kann. Urgefühle des Religiösen wachen auf. Die Abhängigkeit unserer Existenz, das Sichbeugenmüssen unter eine höhere Macht, die Notwendigkeit des Leides und seine Ueberwindung durch Ausharren und Tun, durch Tapferkeit und Stille — das alles muß, wenn auch nur dunkel, zum Bewußtsein kommen. Aber solche Erfahrungen müssen auch gemacht werden, wenn die allgemeine Religion des Erlebens die väterliche Religion apperzipieren soll, daß „sie zu einem Fleische, werden". Für die nach und nach sich entwickelnde Selbsteinfchätzung des Kindes ist es von Belang, wenn es fühlt, daß die kleinen Schmerzen seiner kleinen Persönlichkeit nicht bedeutungsvoll genug sind, um allgemeine Anteilnahme zu wecken oder die wichtigen Arbeiten der Erwachsenen zu stören. Durch eine mehr naturhafte Erziehung hoffen wir jene Wehleidigkeit und Sentimentalität zu bekämpfen, die traurige Geschicke nutzlos noch trauriger erscheinen läßt, statt sie klaren Auges und mit ruhigem Ernst zu bekämpfen, jene Sentimentalität, die in ihrer koketten Form nur eine Verzerrung wahren Gefühls ist, das keusch sich verbirgt und oft nur gezwungen sich äußert, stets aber dem Willen edelste Antriebe gewährt. Es gibt natürlich keine rechte Erziehung ohne volle Beteiligung und Hingabe des Herzens. Aber davon ist denn doch jene schwächliche Weichlichkeit weit entfernt, die das Kind vor jedem rauhen Luftzug des Schicksals schützen möchte. Jedes Kind „muß gewagt werden, um etwas zu werden." Gerade die jüdische Familienerziehung leidet oft an einem Uebermaß von Liebe, die ja dann eigentlich keine mehr ist. Es scheint ein alter und daher um so gefährlicherer Fehler zu sein. Wenn in den Sprüchen Salomos und Sirachs so merkwürdig oft betont wird, daß strenge Züchtigung, körperliche Züchtigung die echte Liebe zeige, daß gegenwärtige Unannehmlichkeiten der Züchtigung ausgewogen würden durch ihre künftige Segensfolge, so werden wohl die Weisen schon in jenen alten Zeiten Gelegenheit gehabt haben, das Uebermaß von Nachsicht und Liebe zu verurteilen. Es ist ja auch bezeichnend, daß in der Bibel selbst mehrere Beispiele von allzu milder väterlicher Zucht gegeben werden. Man denke an Eli, David — vielleicht auch an Jakob. Wenn man schon zur Zeit Achabs unter den Nachbarvölkern wußte, daß die israelitischen Könige 1251 '3^2 (Kön. 1, 20, 31) waren, so scheint eS mir festzustehen, daß die israelitischen Eltern schon in uralter Zeit sich als „Könige der Liebe" bewährt haben. Lichtenberg macht einmal die bittere Bemerkung: „Es ist in der Tat verkehrt, wenn man unseren Kindern alles mit Liebe beibringen will, da in dem höheren Leben, wenn wir älter werden, uns das Wenigste zu Gefallen geht, und wir uns immer unter einen Plan demütigen müssen, den wir nicht übersehen. Also je eher, je lieber zu jenem künftigen Leben gewöhnt." In diesem Sinne handelte eigentlich der Vater ir Hermann Hesses Peter Camenzind, der alle zwei Wochen seinen Jungen abends auf den Heuboden mitnahm und ihm eine Tracht Prügel schenkte, ohne daß beide gewußt hätten, wofür. Wenn man die Wahl hat zwischen solchen Brutalitäten, die das Herz scheu, verstockt und hart machen und dem Uebermaß von Liebe, so möchte man immer noch das letztere wählen. Denn wenn das kindliche Herz nicht ganz schlecht ist, wird aus Ungezogenheiten nicht immer Zuchtlosigkeit. Die Umwelt, die nicht so nachsichtig ist, sorgt schon dafür, daß der Uebermütige zur Selbstbesinnung komme. Aber freilich ist es richtiger, wenn man das Erziehungsziel aus geradem Wege verfolgt und seine Erreichung nicht dem Zufall überläßt. In der Erziehung darf das Moment strenger Zucht nicht fehlen. Nur wer in der Jugend gehorchen lernt, wird später befehlen können, vor allem sich selbst, indem er seine niederen Regungen unter die sittlich-religiösen Maximen leichter beugen lernt. Der fröhliche Tatendrang der Jugend, kindliche Heiterkeit und Lebendigkeit soll nicht beschränkt werden, aber die Grenze ist scharf zu beachten, wo die möglichst weit zu gewährende Freiheit in Ungezogenheit umschlägt. Das elterliche Ansehen leidet sicherlich nicht, wenn man mit den Kindern Kind ist, nur muß man stets in der Lage sein, seine Autorität zu wahren. Mögen die äußeren Formen des Gesühlsverhältnisses zwischen Eltern und Kind im Laufe der Zeit sich geändert haben; aber das Wort gilt ewig: „Ehre Vater und Mutter." Leiter von Schulen wissen ein Lied davon zu singen, wie sehr bst auch die Aeußerungen kindlicher Intelligenz falsch gewertet werden. Dummheit wird als Naivetät reizvoll gefunden, und ein Wort kindlicher Harmlosigkeit wird, wenn es von mütterlicher Liebe bestrahlt und durch das Vergrößerungsglas mütterlichen Urteils betrachtet wird, als ein erstes Aufleuchten vielversprechender Genialität freudig begrüßt. Ebenso oft wie man hört: „mein Kind lügt nicht" kann man auch aus elterlichem Munde eine Intelligenz rühmen hören, die alle Anerkennung verdiente, wenn sie vorhanden wäre. Möchten doch die Eltern vor allem sich selbst erziehen zu einem ruhigen, besonnenen, nach Möglichkeit objektiven Beurteilen der Art und Leistung ihrer Kinder. Sie sollten dann auch bei der Wahl •H » ' f 4 -?