Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Es gibt noch ein allgemeines Humanitätsideal in der Erziehung, und keine noch so natürliche historische Entwicklung entbindet von der Anerkennung dieses Zieles. Hinsichtlich der Wegrichtung zu diesem Ziele mag man jeder Individualität die Freiheit lassen, wenn man nur das Ziel fest im Auge behält. Allerdings empfiehlt es sich, nicht gleich alles Gewordene für heilig zu halten. Es ist ein Irrtum zu meinen, daß jede Eigentümlichkeit konserviert werden müsse, nur jede gute Eigenschaft hat Recht auf Dauer. Denn viel wichtiger alS die Konservierung ist die Veredlung der Art. Sicherlich gibt es auch eine Menge sittlich indifferenter Eigentümlichkeiten, die mehr durch ein vielleicht dem Modegeschmack unterworfenes ästhetisches als ethisches Urteil gewertet werden, und man kann schließlich nichts gegen jene Neigung sagen, den ethnologischen oder sonstigen Museumswert der eigenen Persönlichkeit unter allen Umständen auf Jahrhunderte sicherstellen zu wollen. Auch das jüdische Familienleben des Mittelalters hatte gewiß seine besondere Eigenart. Ich erinnere nur zum Beispiel an die elterlichen Bemühungen für die Eheschließung der Kinder. Es ist richtig, daß nicht nur Urneigungen für den Familiensinn vorhanden waren, sondern daß auch der Druck von außen die Erstarkung im Innern des Hauses steigerte. Auf jeden Fall war auch das jüdische Haus stets beeinflußt von der umgebenden Kultur. Wenn es uns gelingt, das Wesentliche zu erhalten, nämlich die T i e s e, den Reicht u m und die I n n i g k e i t des jüdischen Familienlebens, wird uns der Verlust temporärer und nebensächlicher Eigentümlichkeiten nicht schmerzen. Wir stehen in der deutschen Kultur, wir werden durch sie genährt, und wir arbeiten mit zu ihrer Förderung. Wenn Jeremia sogar den in Feindesland weilenden Volksgenoffen, deren baldige Rückkunft er vorausschaute — ich will gern zugeben: aus praktischen Motiven -- den Rat gab, mitzuarbeiten zum Wohle des fremden Staates, um wieviel mehr gilt das für uns, die wir Deutschland als unsere Heimat lieben. Es ist ein, ich möchte sagen immanenter messianischer Zug im gesamten Naturleben, ein stilles Treiben nach Vereinigung, nach Angleichung. Dieser Assimilation kann sich niemand entziehen. Ihre Macht wirkt geheim und unwiderstehlich. Ost zeigt sie ihre Wirkung — sogar aus die Grundanschauung — bei denen am stärksten, die sich von ihrer Umwelt gern völlig isolieren möchten. Man spricht oft — und man spricht oft sehr schön von den geheimen Stimmen des Blutes, die sich nicht übertönen lassen, von den machtvollen Antrieben altererbten Wesens, dunklen Mächten der Vorzeit — ja sicherlich ist Blut dicker als Wasser, aber mächtiger als Blut ist der Geist. Stärker als dunkle Antriebe ist der freie Wille, der königlich seine Adlerfittiche über die Niederungen des Jnstinktlebens heben kann. Es wäre ja auch wirklich alle Erziehungsarbeit ein nutzloses Geschäft, wenn nicht der bewußte Wille mindestens beim Ausbau der eigenen Persönlichkeit das erste Wort zu sprechen hätte. Bei dem Richtungs- und Parteifanatismus der Gegenwart erhält man wirklich manchmal den Eindruck, als ob nichts wichtiger sei als die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Richtung, als käme es immer nur aufs Bekennen und nicht aufs Leisten an. Demgegenüber muß betont werden, daß es die Aufgabe der Familienerziehung auch heute sein muß, vor allem den tüchtigen Menschen heranzubilden, der im Leben etwas schasst, der den in ihm ruhenden Gottesgeist nach Kräften auswirkt. Es gilt, Tugend zu erzielen in der guten alten Bedeutung des Wortes, Tauglichkeit, Tüchtigkeit, oder, wie die Römer sagten: virtus, Mannhaftigkeit. Hier stelle ich nun das eifrige Bemühen um die Steigerung der körperlichen Qualitäten allem voran. Auf diesem Gebiete haben wir Scharten auszuwetzen. Wer wollte leugnen, daß das Pariatum unserer Vorfahren, die Gequältheit ihrer Existenz Nachwirkungen erzeugt hat, die die gesamte körperliche Konstitution schädigten. Es soll nicht verkannt werden, daß die Mäßigkeit, man möchte sagen: Reinheit der Lebensführung unserer Vorfahren, daß die Auslese, die aus jammervollen Zuständen nur die Stärksten bestehen ließ, uns immerhin eine Widerstandsfähigkeit vererbt hat, die unser bestes Teil ist. Aber gegenüber jenen Einwirkungen, die die Geisteskraft einseitig steigerten, die Nerven schwächten und die gerade schlichte Naturhaftigkeit unserer Existenz, wie nur Freiheit sie gewährt, verkümmern ließen, müssen wir nun mit besonderer Energie unserer körperlichen Auffrischung uns widmen. Glücklicherweise gibt es eine Regeneration, und gegenüber der Tragik der Belastung eine Kraft der Gegenwirkung, eine Entlastung. Gewisse körperliche Eigentümlichkeiten, Ergebnisse der Unnatur, schwinden, wenn nur die Erziehung dauernd naturgemäß wirkt. Der sogenannte runde Rücken, den manche Aerzte den jüdischen Rücken nennen, mag ein erstarrtes Symbol sein für die aufgezwungenen Lasten der Vergangenheit; schön ist es nicht, derartige Symbole zu konservieren. Wir können heute gar nicht aufrecht genug sein! Es sollte keine jüdische Familie geben, die sich nicht strenge Rechenschaft gibt, ob sie auch das ihrige tue zur Förderung der körperlichen Ausbildung der Kinder, ob sie auch genügend sorge für Turnen, Schwimmen und Wandern. Es will vielen Müttern noch nicht in den Kopf, daß für manches Kind eine Stunde tüchtigen Marschierens, eine Schwimmstunde, ein Spiel in freier Luft weit wichtiger ist, als eine Klavierstunde. In dem Lebenskampf, der für die Juden auch heute noch weit schwieriger ist als für manchen anderen, tut vor allem die gesunde Kraft des Körpers not. Ein straffer, gewandter, muskulöser Körper ist schon an sich erstrebenswert. Kraft gibt Ruhe und Besonnenheit, sie bietet gegenüber jener unruhigen Beweglichkeit, die oft nur ein Merkmal sich verhüllender Schwäche ist, dem Auge eine Haltung, die nicht nur ästhetisch befriedigt, sondern schon an sich Beachtung und Achtung erzwingt. Die Schonung und Stärkung der Nervenkraft unserer Heranwachsenden Jugend, muß unsere stete Sorge sein. Vor jeder Verfrühung gewisser Kulturgewohnheiten ist dringend zu warnen. Theater- und nun gar Kinobesuch, Zeitunglesen usw. kann man gar nicht spät genug vermitteln. Dafür Arbeit und Spiel in freier Lust, so viel die Verhältnisse es nur gestatten, und vor allem ausreichender Schlaf dem Kinde. Hinsichtlich der Ernährung der Kinder hat man in unseren Kreisen vielleicht oft vor einem Zuviel zu warnen, aber dem Schlaf- und Ruhebedürfnis der Kinder soll man stets Rechnung tragen. Hier gibt es kaum ein Zuviel. Die Wohnungsausgestaltung der Familien ist sicherlich mannigfach verschieden, je nach den Vermögensverhältnissen; aber es sollte Regel sein, daß man in jedem Falle vor der Gruppierung der Räume die Lage des Schlafzimmers für die Kinder bestimme. Daß es möglichst geräumig sei, durchsvnnt werde, ruhig liege und Zuführung guter Luft ermögliche — das sollten selbstverständliche Forderungen sein. Es ist schon erfreulich, wenn die Eltern der körperlichen Ausbildung ihrer Kinder reges Interesse widmen, noch besser ist es", wenn sie nach Möglichkeit sich selbst beteiligen können und an Sport und Spiel ihre Freude zeigen. Wie schön ist es, wenn an einem freien Tage die gesamte Familie der Enge der Stadt entflieht und im frohen Wandern gemeinsam Blick und Lunge weitet. Wieviel wirklich nachhaltig nährende Eindrücke für die kindliche Seele werden da gewonnen; wieviel kleine Erlebnisse, Ueberraschungen, Zufälligkeiten spannen das kindliche Interesse. Selbst kleine Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten werden bald vom rosigen Lichte.dB Humors bestrahlt, und die Erinnerung verklärt besonders gern gerade dieses glücklich Ueberwundene. Schon hier muß ich eine kleine, aber sehr wichtige Zwischenbemerkung machen.