Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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295 bestimmtes Maß von Wissen übermitteln und dadurch den wirtschaftlichen Kampf im Erwerbsleben erleichtern; sie wollen das Mittel sein, eine innere Bereicherung des Gemütslebens, eine Festigung des Charakters und eine Erstarkung der Grundsätze herbeizuführen, um die jungen Mädchen zu befähigen, den Weg zu gehen, den eine hohe Auffassung von Frauenwürde einerseits und von der Ethik des Judentums andererseits vorschreibt. Diesem Ziel vermag der Religionsunterricht, der gleich zu Anfang in den Lehrplan ausgenommen und stets gut besucht wurde, in ganz besonderem Maße nahezukommen; das starke religiöse Empfinden, daß sich in unserer Zeit überall bemerkbar macht, wird wahrscheinlich ausgelöst durch die erhöhte Arbeitsleistung und die allgemeine Zersplitterung der geistigen Kräfte; die Zerstreutheit des Daseins, eine Wirkung unserer modernen Arbeitsweise, drängt auch die jungen Menschenseelen unwiderstehlich zur Andacht und Sammlung. Ein wie glücklicher Gedanke es war, diesem Drange durch Darbietung geeigneter Religionsstunden entgegenzukommen, zeigt die rege Beteiligung gerade der besten Elemente des Kreises. Mit besonderer Sorgfalt und unermüdlichem Forschen in den jungen jüdischen Mädchenseelen nach dem, was ihnen die Gegenwart als einer Lösung harrender wichtiger Fragen hinstellt, muß der darbietende Stoff gewählt und bereitet werden; und all das Erleben in der einzelnen Mädchenseele vermag nur dann in ein Verhältnis zu den großen religiösen, sittlichen Forderungen des Judentums gebracht zu werden, wenn man diesem Erleben mit einem gewissen Maß von Ehrfurcht begegnet. Je ernster und andächtiger solche Lebensfragen, an denen jeder einzelne in einer bestimmten Weise beteiligt ist, behandelt werden, eine desto größere Summe von Andacht und Ehrfurcht vermag dann der Religionsunterricht Gottes Wesen und Wirken gegenüber auszulösen. Wenn jugendliche Menschen empfinden, wie hoch man in ihnen das Geschöpf ehrt, so wird die Ehrfurcht vor dem Schöpfer Verständnis und Betätigung finden. Und in der Erfvlgsmöglichkeit gerade auf diesem Gebiet beruht wohl auch die Berechtigung besonderer konfessioneller Jugendpflegeeinrichtungen. Die Wirkung, die durch das Mittel der Religion auf die Charakterbildung junger Menschen ausgeübt werden kann, vermag nur schwer durch andere Maßnahmen ersetzt zu werden. Nach ähnlichen Gesichtspunkten werden auch Veranstaltungen von Festen im jüdischen Mädchenklub vorbereitet. Der allseitig empfundene Mangel einer wirkungsvollen, edlen Geselligkeit in der Jetztzeit hat seine Ursache wohl darin, daß der Charakter unserer festlichen Veranstaltungen zu allgemein und zu schablonenhaft geworden ist; es fehlen meist eine einheitliche Stimmung und gemeinsame Gesichtspunkte, so daß die Zusammenkünfte oft etwas Zerfahrenes und Zweckloses in sich tragen. Aus der Erkenntnis heraus, daß eine Verfeinerung der gesellschaftlichen Sitten von der Frau als Kulturaufgabe gelöst werden muß, ist versucht worden, die Festtage des Jahres in ganz bestimmter Weise zu begehen. Ein Leitmotiv, das in irgendeiner inneren Beziehung zu der Veranlassung des Festes oder den Aufgaben des Mädchenklubs steht, gibt Inhalt und Form der Darbietungen an und ermöglicht auf diese Weise ein Miterleben der Teilnehmerinnen. -LLKL 44 Jüdischer Frauenbund (Berlin). Bibliothek. Und dieses Miterleben ist wohl der Grund davon, daß in den Mädchen die Festtage, die sie seit Bestehen der Einrichtung gemeinsam gefeiert haben, nachklingen und' den Rhythmus für ihr Alltagsleben anzugeben vermögen. Die Lösung der Probleme, die die jüdische Jugendpflege erfordert, erheischt noch viel Arbeit, Versuche und eingehendes Studium des Gegenstandes; manche Aufgaben harren noch der Inangriffnahme, andere einer weiteren gründlichen Durchführung; nur am Gegenstände selbst können die maßgebenden Grundsätze entwickelt werden, und mit der Begründung des ersten Heims in Groß-Berlin ist ein reicher Boden zur weiteren Bearbeitung geschaffen worden. Da das Material, das meist aus dem bürgerlichen, berufstätigen Mittelstände hinzuströmt, ein besonders günstiges ist, so scheint eine erfolgreiche, wertvolle Zukunftsarbeit gesichert. Als notwendige Grundlage für ein weiteres Gedeihen muß aber immer wieder die ungemein schwierige Forderung erhoben werden, einen Einklang zu schaffen zwischen den Sittengesetzen des uralten jüdischen Volkes und den gänzlich veränderten wirtschaftlichen Lebensbedingungen unserer Zeit mit all ihren vielseitigen verwickelten und ernsten Fragen für den einzelnen, für deren glückliche Lösung durch die kämpfende Jugend der Jugendpfleger die volle schwere Verantwortung bewußt und leitend übernehmen muß. Aeber sssmilienerüchims. Von Dr. M. Spanier, Berlins, on größter Wichtigkeit für das Werden und Wachsen, für das rechte Gedeihen jeder Persönlichkeit sind Stille und- Wärme, wie sie das schützende Nest der Familie dem Heranwachsenden bietet. Die Grundlagen, Wege und Ziele jeder echten Familienerziehung sind allgemein. Bei dem modernen Hange nach Konsessionalisierung, bei der schärferen Scheidung in soziale Schichtungen muß man es sagen, daß echte und rechte Familienerziehung immer nur einer Art sein kann. Aber es ist hier nicht unsere Aufgabe, dieses Wesen der Familienerziehung zu beleuchten. Es gilt vielmehr zu überlegen, wie wir deutschen Juden den allgemeinen Forderungen der Familienerziehung am besten Rechnung tragen. Denn es ist klar, daß die praktische Durchführung der allgemeinen Grundsätze immer abhängig ist von den vorliegenden Verhältnissen. Und so spielten denn doch Glaubensgemeinschaft und Stammesgenossenschaft in der Familienerziehung eine niemals zu unterschätzendeRolle. Wenn mammcht im „wissenschaftlichen" Sinne von einer jüdischen Rasse reden, kann, so zwingen uns doch die Tatsachen, das Wort im unwissenschaftlichen Sinne gelten zu lassen. Denn kein Vernünftiger wird leugnen, daß gemeinsame, mehrtausendjährige Geschicke einer Gruppe von Menschen, die durch einen starken Glauben geeint ist und von gleicher Abstammung sich fühlt, gewisse Eigentümlichkeiten erzeugt haben, die diese Gruppe besonders kennzeichnen. Die Tatsache kann man nicht bestreiten, es fragt sich nur, wie man sich zu den Ergebnissen dieser Entwicklung stellt. *) Vortrag, gehalten auf der 1. Erziehungskonferenz, veranstaltet vom D. I. G. B. und Jüdischen Frauenbund. Das Thema der r e - l i g i ö s e n Erziehung wurde in einem besonderen Vorträge (von Rabb. Dr. Warschauer) behandelt.