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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-19 · Heft 25 (19.6.1914) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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wieder einmal den vergänglichen Menschen neben vielem Schönen und Guten vor allem die eine Lehre mit auf den Weg gab, im Streiten und Lärmen des Tages nicht zu vergessen, daß nur festes Zusammenhalten und treue, gemeinsame Arbeit bei gegenseitiger Duldung abweichender Ansichten sicher für die Zukunft bauen. KrsKtilche Milche Jugendpflege. Von Siddy Wronsky, Berlm-Schöneberg. ls in den letzten Jahren in allen Kreisen Deutschlands eine starke Betätigung auf dem Gebiete der Jugendpflege eingesetzt hatte, um den neuen wirtschaftlichen Berhältnissen, die eine immer umfassendere Fürsorge erfordern, gerecht zu werden, war man sich auch in den jüdischen interessierten Kreisen bewußt, daß ein weites Feld der Bearbeitung harre. Denn die veränderten Zustände.zeitigten gerade im jüdischen Volksleben noch schärfere Gegensätze zu der Vergangenheit, griffen noch tiefer in das Gebiet ein, in dem sich das eigenste Wesen des Judentums in den letzten Jahrhunderten entwickelt hatte: in das Familienleben. Die Frage nach dem Wert und der Daseinsberechtigung des Familienlebens hat die Volkswirtschaftler in der letzten Zeit zu wiederholten Malen stark beschäftigt, und die letzte Konferenz der Zentralstelle für Volks - Wohlfahrt in Dortin u n d im Jahre 1913, die diese Frage als Hauptthema behandelte, hat ergeben, einen wie großen Einfluß, besonders in sittlicher Beziehung man dem Familienleben zuzuschreiben geneigt ist. Und gerade weil das Familienleben, besonders während der Ghettozeit, sich durch die Abgegrenztheit und Einförmigkeit, in der das Leben der Juden verlief, sich so starkentwickeln undeine entscheidendejErziehuugsmachtwerden mußte, macht sich bei der jüdischen Jugend die Einschränkung des Familienlebens unserer Zeit, die auch hier durch die lvirtschaftlicheu Verhältnisse vor allem in der Großstadt bedingt wird, ganz besonders bemerkbar. Durch die Verlegung der Arbeitsstätte aus der Familie heraus, durch die Erfordernis, die Abendstunden mit Fortbildungsunterricht zu besetzen, durch die notwendige Berufsausübung der Mädchen und durch die Tatsache, daß die Einhaltung der Sabbattage und der Feste, die die Höhepunkte des jüdischen Familienlebens bildeten, in den meisten Fällen sich nicht mehr ermöglichen läßt, bleibt für das Zusammensein der Familienmitglieder nur sehr wenig Zeit übrig. In vielen Fällen, wo es sich um Kinder aus kleinen Städten oder vom Lande handelt, wo die Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten nur gering sind und die Großstadt den jungen Menschen Erwerb bietet, ist überhaupt eine L o s l ö s u n g von der Familie erforderlich. Wem das Wohl der Jugend am Herzen liegt, der mußte alles daran setzen, um die sehr bedeutenden Werte, die durch die Lockerung des Familienlebens verloren gingen, auf an- 294 —- dere Weise zu ersetzen. Die Lösung dieser ernsten und notwendigen Aufgabe erschien auch dem JüdischenFrauenb u n d so wichtig, daß er als erstes Arbeitsgebiet der vor zirka einem Jahr begründeten Berliner Ortsgruppe die Ausübung der weiblichen Jugendpflege in Angriff nahm. Die Umgrenzung des Arbeitsgebietes war nicht ganz einfach; denn es mußte mit großer Vorsicht darauf geachtet werden, daß man in keiner Weise da störend eingriff, wo sich noch ein Rest des Familienlebens zu erhalten vermocht hatte. Es galt, eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: den Mädchen, die fern vom Elternhaus in Berlin einem Beruf nachgingen, das Familienleben zu ersetzen, und den Mädchen, die durch ihren Beruf während des größten Teils des Tages der Familie entzogen werden, durch eine zielbewußte unmerkbare Beeinflussung einen Ersatz zu schaffen für das, was unter den neuen Verhältnissen verloren worden war. Da Mädchen im größeren Maße als Knaben an einer Häuslichkeit zu hängen Pflegen, und da die Erhaltung und Entwicklung dieser Neigung für ihr späteres Leben >von Wert sein können, suchte man in erster Linie ein einfaches, geschmackvolles Heim zu schaffen, das mit allem für das körperliche und geistige Wohl Erforderlichen ausgestattet wurde. Die Lage des Heims wurde im Herzen der Stadt gewählt, damit für den Hin- und Rückweg möglichst wenig Zeit verloren gehe und die Mädchen von ihren Arbeitsstätten nicht allzu spät eintresfen müssen. Die drei Räume, je ein Eß-, Wohn- und Arbeitszimmer, bieten einen freien Allsblick auf den alten Svphienkirchhof, für die Sommerabende gibt ein kleiner Balkon Gelegenheit zur Erholung. Bei der Einrichtung der Räume wurde Wert darauf gelegt, Zweckmäßigkeit mit Geschmack zu verbinden; am praktischen Beispiel kann am erfolgreichsten immer wieder darauf hingewiesen werden, wie man mit geringen Mitteln ein Heim schön und behaglich zu gestalten vermag, wie die Güte des Materials und die Einfachheit der Linien im Einklang mit unserer Lebensauffassung stehen müssen, wie der schönste Schmuck für einen Raum Wiedergaben guter Bilder ünd Blumen sind, und wie die Instandhaltung der Räume und Möbel eine große wirtschaftliche Ersparnis bedeutet. , Welchen Wert diese Gelegenheit der Erziehung zur Wirtschaftlichkeit, zum Geschmack und zur Sauberkeit für die jungen Mädchen haben kann, wird jeder verstehen, der den kulturellen Nutzen einer gut gepflegten Häuslichkeit zu schätzen vermag. Um dem besonders ausgeprägten Lerntrieb der jüdischen Jugend entgegenzukommen und der Notwendigkeit eines Fvrtbildungsunterrichts auf den verschiedenen Gebieten des geistigen und Praktischen Lebens Rechnung zu tragen, hielt man es für angebracht, in dem neubegründeten Heim Unterrichtskurse im Deutschen, besonders auch für Ausländerinnen, in f remden Sprachen, Stenographie, praktischen Näh- und Putzübungen, Turnen »md Tanzen, Musik und Literatur einzurichten. Diese Kurse sollen aber nicht nur ein Jüdischer Frauenbund (Berlin). Musikzimmer. ~'«wr TlTTu.

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