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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-19 · Heft 25 (19.6.1914) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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293 Denkmünzen, die Frankfurter Judenheit betreffend, und solche auf berühmte Frankfurter Juden. Ferner hat die Verlagsbuchhandlung von I. Kauffmann neben sonstigen Werken ihres Verlages die bis jetzt erschienenen Schriften der Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums ausgestellt. Die kunstgewerbliche Firma Felix Horovitz brachte ihre Erzeugnisse aus dem Gebiete des jüdischen Kultus zur Schau. # Als Ergänzung dazu schreibt uns Herr Professor F. M i ch e l in Frankfurt a. M. Vom Main durch das „Ried" zum Rhein brachte eine kurze Eisenbahnfahrt eine große Anzahl Mitglieder der Gesellschaft mit ihren Damen, um den Manen Raschis zu huldigen, an besten Namen sich die hohe Bedeutung der jüdischen Wistenfchast Deutschlands und Frankreichs für alle Zeiten knüpft. Aber wie dieser Name auf die gemeinsame kulturelle Entwickelung der beiden Nachbarvölker hinweist, deren friedliches Zusammengehen von unendlichem Wert für den Fortschritt der Menschheit sein müßte, so weckt er andererseits auch in der sagenumwobenen Heimat der Nibelungen den Gedanken an die Wechselwirkung zwischen jüdischer und christlicher Kultur, auf deren Wert bereits zu Beginn der Tagung der Frankfurter Oberbürgermeister hingedeutet hatte. Dieser wertvolle Gedanke der Ueberwindung konsesstoneller Verschiedenheit wenigstens innerhalb der die Menschheit zu gemeinsamer Arbeit verbindenden Wissenschaft fand auch erfreulichen Widerklang in den begrüßenden Worten der Spitzen der jüdischen Gemeinde wie der Stadtgemeinde Worms. Von Mitgliedern des Gemeindevorstandes am Bahnhof empfangen, begaben sich die in großer Zahl erschienenen Frankfurter mit ihren Gästen zu Fuß oder'Wagen in das Innere der Stadt. Im Vorhos der alten Synagoge, vor der altehrwürdigen Raschi-Kapelle, richtete der erste Vorsitzende der Wormser Gemeinde, Herr Stadtrat S. Mayer, herzliche Worte des Willkomms an alle, die dem Rufe nach Worms gefolgt seien. Er wies auf das viele Sehenswerte hin, das Stadt und Gemeinde dem Besucher bieten und lud zunächst zur Besichtigung der alten Synagoge ein. Hierauf übernahm Herr Rabbiner Dr. Holzer die Führung in der im Jahre 1034 entstandenen, in streng romanischem Stile erbauten Synagoge. Seine eingehenden, sachkundigen Erllärungen fesselten in hohem Maße das Interesse der Hör«, das noch gesteigert wurde durch die Besichtigung der anstoßenden sogenannten Raschi-Kapelle, 1624 erbaut, an d« Stelle eines im Jahre 1695 zerstörten Beth hamidrasch; der darin befindliche Stuhl, der dem Raume den Namen gab, soll allerdings aus Raschis Zeit, Ende des zwölften Jahrhunderts, stammen. Das Frauenbad, aus der gleichen Zeit stammend, ist 10 Meter tief, und 41 Stufen führen auf den Grund; das Wasser darin hatte stets eine Temperatur von 8 Grad RSaumur. Es folgte hierauf tue Besichtigung ein« von Herrn Lehr« S. Rothschild zusammengestellten und erläuterten Ausstellung wertvoll« und eigenartig« Kultusgegenstände im Gemeindehause, worunt« das „Grüne Buch", ein Machsor aus dem Jahre 1563, das Minhagbuch des Jnspa Schammesch (siebzehntes Jahrhundert) und anderes mehr nebst einer Anzahl wichtiger Urkunden aus dem Archiv der Gemeinde, zu 'denen auch eine große Anzahl Wimpel zu rechnen ist, die auf dem Speicher der alten Synagoge gesunden wurden. — Es folgte sodann der Besuch des im Jahre 1910 neu«bauten eigenartigen Rathauses. Im großen Sitzungssaal begrüßte Herr Oberbürgermeister Köhler aufs freundlichste die Vertreter der jüdischen Wissenschaft in der Stadt, welche die Heimat d« ältesten deutschen Judengemeinde ist. Als Zeugen ihres höhen Alters wie ihrer seit jeher angesehenen Stellung in d« Stadt war eine große Zahl Urkunden ausgelegt. Der Redner wies besonders auf diejenige hin, deren für den Worms« Handel so wichtige Uebergabe ein Wandbild im gleichen Saale künstlerisch verewigt hat. In dieser wertvollen, mit dem großen kaiserlichen Siegel versehenen Urkunde erteilte König Heinrich IV. der Wormser Bürgerschaft „iudeis et ceteris", indem er sie wegen ihr« Treue gegen das von Kanossa zurückgekehrte Reichsoberhaupt belobt, Zollfreiheit für ihren Handel mit sechs namentlich aufgeführten Städten; dieses Privileg wurde von seinem Sohne Heinrich V. und spät« durch andere Kaiser bestätigt, wie aus weiteren Urkunden hervorgeht, die, im Anschluß an die Ansprache des Ob«bürgermeisters, der Direktor des städtischen Archivs, Herr Professor Weckerling, erklärte. Herr Dr. Nobel-Frankfurt dankte im Namen d« Gesellschaft für die herzlichen Begrüßungsworte und die von der Stadt Worms dargebotene Gastlichkeit. Hi«auf folgte ein Teil der Erschienenen der Einladung des Archivdirektors zur Besichtigung des vorzugsweise durch die Freigebigkeit des Herrn v. Hehl völlig neu hergerichteten und geordneten städtischen Archivs. An ein wohlverdientes, reich mit Reden gewürztes Frühstück in dem von prächtigem Grün umgebenen Festhause (vollendet 1889) schloß sich der zweite Teil d« Besichtigung, die des Men jüdischen Friedhofs. Hier, auf dem weiten, dicht mit Gras bewachsenen Gräberfeld aus dem elften Jahrhundert sprach aus den Steinen die längst hinabgesunkene Bergangenheit in beredten Worten der Erinnerung — und der Dankbarkeit für liebevolle Pietät. Gleich beim Eintritt stößt d« Besuch« auf zwei nebeneinander aufgerichtete Grabsteine aus dem Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Zwei Männ«, die einander im Leben wohl nicht gekannt, hat hier die fromme, kindliche Hochherzigkeit des einen zu Nachbarn im Tode gemacht. Der hochgelehrte Rabbi Meir von Rotenburg, vom Kais« Rudolf von Habsburg gefangen gehalten, wollte nicht .zugeben, daß seine Glaubensgenossen ihn mit einer zu hohen Summe auslösten; er starb im Jahre 1293 im Gefängnis, aber sein Leichnam blieb unbestattet liegen. Da löste diesen vierzehn Jahre spät« Süßkind Wimpfen aus Frankfurt a. M. aus und ließ ihn in Worms bestatten. Als einzigen Lohn für diese edle Tat «bat er sich, einst an d« Seite des frommen Rabbi ruhen zu dürfen, und nicht lange darauf konnte die Wormser Gemeinde seine Bitte erfüllen. (Alles Nähere befindet sich bei S. Rothschild: „Aus Vergangenheit und Gegenwart der israelitischen Gemeinde Worms". Frankfurt a. M., I. Kaufmann, 5. Auflage, 1913.) D« älteste erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahre 1145; « befindet sich in nächster Nähe des neueren Teils. Eine große Reihe von Gräbern, besonders solche von großen Gelehrten, Rabbinern und Gemeindevorstehern. ist «halten und zum Teil lesbar wiederhergestellt. — So könnte man Stunden der Sammlung und Erbauung diesem stummen, doch so beredten Orte widmen, wenn nicht die drängende Zeit zum Aufbruch mahnte. Noch galt es den Besuch einer anderen ehrwürdigen Stätte der alten Zeit, einem der gewaltigsten Bauwerke des Mttelalters, dem Wormser Dom, aus dem Anfang des elften Jahrhunderts sowie dem architektonisch wie wegen seiner Sammlungen berühmten Paulus-Museum. Beides geschah unter der Führung des Herrn Archivdirektors Professor Weckerling, der mit liebenswürdigster Geduld all den witzbegierigen Fragen Rede stand als sachkundiger Führ« durch die ihm wohlvertrauten Stätten. Der Abend dämmerte herein, als die ausdauerndsten der Besucher, erfüllt von all den tiefgehenden Eindrücken des Tages, die ehemalige Reichsstadt verließen, um nach verschiedenen Richtungen davonzuziehen. So endete diese Tagung ein« Gesellschaft von Männern der Wissenschaft der Gegenwart mit ein« ehrerbietigen Huldigung an den unvergänglichen Wert d« Wissenschaft und der Kunst der Vergangenheit, die

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