Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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291 deutschen Kronprinzen setzen, der in seiner ganzen srischeu Art und echt germanischen Erscheinung etwas Siegfriedhaftes au sich hat. Aber „anderseits ist es eine alte Erfahrungssache, daß Monarchen selten das halten, was sie als Thronfolger versprechen, und vor allem muß uns die Beobachtung höchst vorsichtig iu unseren Erwartungen stimmen, daß es just die deutschen Fürsten an echter völkischer Gesinnung am meisten fehlen ließen." * Trotz des Absl a u e n s des R a d a u - A n t i s e m i t i s - nx u s steht es freilich in Deutschland keineswegs gut. Nanxentlich xnOberschlesie n sieht es nach einem Artikel der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" höchst traurig aus. Die Niederlassung ausländischer Juden wird dort einfach nicht gestattet. Handwerker werden widerruflich zugelasfen, darxn ausgewiesen. Am schlimmsten steht es mit den jüdischen Bergarbeitern, aber and) gegen die heimischen Juden geht man in rigoroser Weise vor. Heber diese traurigen Zustände, die dringend einer Abhilfe bedürften, schreibt das Blatt: Man hat in Oberschlesien lange genug die ausländischen Juden in dieser Weise behandelt und ist nun dazu übergegangeu, einmal auszuprobieren, was man den heimischen Juden zu bieten vermag. Aus diesen Gedankengängen heraus ist vielleicht jener bedauerliche Schächterlaß des Herrn von Schwerin zu beurteilen, der gegenwärtig die Gemüter der Juden Oberschlesiens und ganz Deutschlands erregt. Die obersch'lesische Negierung will beileibe nicht das Schächten verbieten. Möglicherweise will sie es, aber jedenfalls darf sie es nicht! Dafür will man es „einschränken", und der Erlaß des Präsidenten weist darauf hin, daß zwar über die Grausamkeit des Schlichtens kein Urteil gefällt werden solle (wobei er nicht verfehlt, hinzuzufügen, daß die namhaftesten Sachverständigen, nämlich die Schlachthaustierärzte, es für eine Grausamkeit halten), daß aber über den grausamen Charakter des Niederlegens selbstverständlich kein Zweifel herrschen könne! Und er legt den Schlachthäusern nahe, die Gebühren für das Schächten bis auf ein Dreifaches (!) zu erhöhen und das Schächten auf bestimmte Stunden zu beschränken. Da nun selbstverständlich nur wenige Schlächtermeister (in kleinen Orten lassen christliche Metzger für den Bedarf der Juden schachten) diesen Bedingungen entsprechen können, versucht die Negierung das Schächten, das sie nicht verbieten darf, praktisch unmöglich zu machen. Man vergegenwärtige sich dieses Bild von dem behördlichen Eingreifen! Bei der Beratung der Novelle zum Strafgesetzbuch läßt der Bundesrat, also auch Preußen, erklären, daß das Schächten keine Grausamkeit sei. Der Oppelner Regierungspräsident gestattet sich, amtlich als Vertreter einer preußischen Behörde, das Gegenteil anzudeuten. Ein preußischer Minister des Innern hat das Niederlagen ausdrücklich in eurer Verordnung als ganz unbedenklich bezeichnet, wenn es sachgemäß geschieht, und hat Vorschriften für die Ausführung erlassen; der Untergebene des- | selben Ministeriums gestattet sich, gleichfalls in einer Verordnung, die gegenteilige Meinung auszusprechen. Die Leidtragenden sind freilich nur Juden, und das erklärt vielleicht vieles. Es sind wirklich nicht sonderlich erbauliche Zustände, die in Oberschlesien herrschen. Man spricht so häufig von dem Kultureinfluß, den der fortgeschrittene Westen auf den barbarischen Osten ausüben soll. Oberschlesien entwickelt sich aber umgekehrt. Hier locht wenigstens in der Behandlung ausländischer und heimischer Juden ein starker Ostwind, mxb die russische Methode macht von Tag zu Tag zusehends Fortschritte. Bon einem Korrespondenten erhalten wir folgende Zuschrift: H xx b e n il rx d d r ü b e n! Daß nicht nur bei uns in Deutschland der Antisemitismus vorzügliche Waffen von dem nationaljüdisch gerichteten Teil der Zionisten -erhält, sondern auch in Oesterreich, beweist nachstehende Notiz, welche der berüchtigte „Hammer" in seiner Jurxirmmnxer (287) mit Behagen abdruckt: Ueber den Zionisxxxus schreibt die „Aussig-Karbitzer Volkszeitung": „Jeder ehrliche Jude müßte eigentlich Zionist sein. Daß so wenig Wiener Juden wirklich Zionisten sind, spricht nicht sehr für ihre Ehrlichkeit. Die Zionisten sagen offen, was alle Juden heimlich denken: Wir sind eine Fremdrasse, wir wollen uns niemals mit unseren Gastvölkern verschmelzen, wir wollen nichts anderes als nur rassebewußte Juden sein . .." Vom dem schweizerischen Territorialistischen Landeskomitee erhalten wir folgende Zuschrift: Das Angola-Projekt. Das Loudoner Zentralbnreau der Jüdischen Territorrialistischen Organisation (I. T. O.) beruft ixn September dieses Jahres nach Budapest eine Allweltliche Territoriälistischo Konferenz ein. UnteSbetx Fragen, welche diese Konferenz beschäftigen, steht an erster Stelle das Angola-Projekt. Angesichts der außerordentlichen Wichtigkeit dieses Projektes für alle Klassen und Schichten unseres Volkes ist es unabweisbare Pflicht eines jeden selbstbewußten Juden, dieser Angelegenheit rächt nur die größte Aufmerksamkeit zu schenken, sondern auch in dieser oder jener Form zu ihr eine bestimmte Stellung zu nehmen. Wir wollen hier die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Angola-Projektes kurz rekapitulieren. Am 20. Juni 1912 wurde durch die portugiesische Kammer, ein halbes Jahr später durch den portugiesischen verrat, ein Gesetzentwurf betreffend Kolonisation von Inden in Angola genehmigt. Bald nachdem wurde von der I. T. O. eine Forschungsexpedition nach Angola abgesandt, welche vom bekannten Tropenforscher Prof. Gregory und vom Direktor des Listerinstitutes, Prof. Martin, geleitet wurde. Die Ergebnisse ihrer Reise sind in eineux ausführlichen Berichte niedergelegt und können folgendermaßen resümiert werden. 1. Die für jüdische Kolonisation geeigneten Landstriche in Angola befinden sich auf der den mittleren Teil dieser Kolonie aussüllenden Hochebene, die unter dem Namen Benguella bekannt ist. 2. Das Benguella-Plateau zeichnet sich durch sein außerordentlich gesundes Klima aus. Die in einigen anderen Teilen von Angola vorkommenden tropischen Krankheiten, wie Malaria und die Schlafkrankheit, sind hier unbekannt. 3. Diese Hochebene weist weite Strecken gut bewässerten und fruchtbaren Bodens aus und ist sehr dünn bevölkert, wobei auch die vorhandene Bevölkerung nicht seßhaft ist und einer jüdischen Besiedelung in keiner Weift hinderlich sein würde. 4. Die dieses Plateau bereits durchschneidende Eisenbahn eröffnet die günstigsten Aussichten für die ökonomische Erschließung dieses Gebietes. 5. Eine individuelle Kolonisation dieses Landes ist unter den gegebenen Umstünden nicht möglich: eine kolonisatorische Aktion kann nur dann auf Erfolg rechnen, wenn sie von einer kräftigen Organisation geleitet wird, welche über namhafte Kapitalien verfügt und aus diese Weise in der Lage ist, wenigstens im Laufe der ersten Jahre eine sachgemäße und großzügige Kolonisationstätigkeit zu entfalten. Im besonderen empfahl Pros. Gregory der Londoner I. T. O.- Zeutrale voll der portugiesischen Regierung eine Konzession für einen geräumigen Landstrich in der Größe von zirka 15 000 Quadratkilometern unter gewissen Bedingungen zu erwirken (Zollfreiheit für Baunraterialieneinfuhr, unbegrenzte Aussuhrfreiheit bei niedrigem Zolltarif und ohne Differentialzölle zugunsten Portxrgals usw.). Bis jetzt gelang es dem Londoner Zentralbureau der I. T. O. nicht, eine solche Konzession von Portugal zu erlangen, obwohl eine große Anzahl hervorragender Politiker und Staatsmänner Portugals die Vorschläge von Pros. Gregory als durchaus annehmbar und realisierbar betrachtet. Es wird aber darauf hingewiesen, daß man bei Erteilung einer solchen Konzession das Vorhandensein bedeutender Kapitalien bei der zu kouzessioniereuden Organisation voraussetzen muß, wahrend der I. T. O. gegenwärtig solche Kapitalien anscheinend nicht zur Verfügung stehen. M-an ersieht nun daraus, daß die weitere Entwicklung des Angola-Projektes wesentlich von der Teilnahme jüdischere Kapitals abhängig ist. So ist die gegenwärtige Sachlage, und aus Grund dieser Sachlage wird die Territorialistische Konferenz ihre Entscheidung über das Angola-Projekt zu treffen haben. Es ist Sache der jüdischen Oesfentlichkeit, jetzt schon auf diese Entscheidung in dem Sinne einzuwirken, daß sie entsprechend der tatsächlichen Stimmung und den tatsächlichen Wünschen der breiten jüdischen Massen ausfalle. Es ist deshalb dringend geboten, daß überall, wo jüdische Organisationen bestehen, eine einläßliche und ernste Untersuchung des Angola-Projektes statkfindet.