Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 kein Beschluß, auf >den bestimmte Einrichtungen folgen müssen, sondern ist das Aussprechen einer Meinung, deren Umsetzen in die Tat den einzelnen überlassen bleibt. Aber wohl darf man die Frage aufwersen: Ist denn die Meinung wirklich richtig? Ist es denn in der Tat wahr, in Amerika wie in Europa, daß ein höherer Lohn, der sicherlich bessere Lebensbodingungen schafft, irgendwie größere oder reinere Moralanschauungen im Gefolge hat. Raub und Mord mögen in niederen Klassen, also bei geringer Bezahlten, häufiger Vorkommen, Verbrechen, die in der Trunkenheit oder aus Not begangen werden, mögen bei ihnen zahlreicher sein; hören denn aber Betrügereien schlimmster Art, Veruntreuungen, Verbrechen gegen Leben und Eigentum bei Bemittelten oder gut Bezahlten auf, oder finden sie sich auch nur in geringerem Grade als bei denen, die schmählichen Lohn empfangen? Das sind Fragen, über die, wie ich meine, die Statistik eine wesentlich andere Antwort erteilen würde, als in dieser Resolution vorausgesetzt wird. Sie ist daher sehr geeignet, Mißverständnisse hervorzurufen und könnte leicht das Vertrauen zu den geistlichen Führern erschüttern.) 8. Diese Resolution ist mir in ihrem Sinn und ihrer Bedeutung unklar geblieben. Sie lautet: „Die Konferenz bindet sich, im allgemeinen und für jeden einzelnen die lebhaftesten Anstrengungen zu machen, geheime Brüderschaften (secret fraternities) zu bekämpfen, alle akademischen Institutionen (aeaäsmio institutions), die ganz oder teilweise durch öffentliche Mittel unterstützt werden." (Was ist mit diesen geheimen Brüderschaften gemeint? Sind sie und die akademischen Einrichtungen dieselben? Und wenn es geheime Brüderschaften sind, wie ist es möglich, daß diese aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden? Aber ganz abgesehen von diesen Fragen, die ein Ausländer aufwerfen muß, vielleicht weil ihm die Ausdrucksweise nicht klar genug ist, kann ein Deutscher dieses rigorose Auftreten gegen geheime Verbindungen schwer begreifen. Können solche Verbindungen, so müssen wir fragen, nicht auch viel Segensreiches haben? Man denke nur an deutsche Verhältnisse des 18. Jahrhunderts, da Freimaurer-Jlluminaten und andere Institutionen im geheimen zu wirken hatten und trotz oder vielleicht wegen ihres geheimen Wirkens viel Nutzen stifteten. Aber, wie gesagt, die ganze Begriffsbestimmung erscheint mir so unklar, daß ich ein definitives Urteil darüber nicht fällen möchte.) Die letzte Resolution ist die merkwürdigste. Sie handelt über Frauenstimmrecht und lautet in ihrer Begründung folgendermaßen: „In Anbetracht, daß Israels Bitten für Freiheit der traditionellen Beglaubigung die erste historische Bezeugung der Freiheit als eines geheiligten Rechtes gab, in Anbetracht ferner, daß in jedem Zeitalter seit Israels Auftreten das Judentum sich selbst Seite an Seite zu den eifrigsten Vorkämpfern der Erweiterung lind Verbreiterung der Sache der Freiheit gestellt hat, wird beschlossen, daß die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner, die nach allgemeiner Anerkennung die breiteste und repräsentativste Organisation des heutigen fortschrittlichen Judentums der ganzen Welt ist, sich selbst syrw Pathifch und unterstützend zu den Rufern nach Ausdehnung der Freiheit der Zivilisation stellt, und daß sie ihren Mitgliedern empfiehlt, in Predigten und bei anderen Amtstätigkeiten die Sache des Frauenstimmrechts gleich dem der Männer zu befürworten und zu befördern." (Auch dieser Beschluß geht meiner bescheidenen Meinung nach über das hinaus, was wenigstens nach unserer Auffassung Rabbiner in ihren Versammlungen zu sagen und zu beschließen haben. Es scheint mir nicht wohlgetan, daß Geistliche irgendeiner Konfession als Geistliche in innerpolitischen Angelegenheiten das Wort ergreifen. Mag man über Frauenstimmrecht denken, wie man will, mag man die Entziehung des Stimmrechts für eine grobe Ungerechtigkeit ansehen und unterschiedslos für alle Frauen Stimmrecht verlangen, oder mag man, wie der Schreiber dieser Zeilen, wenigstens dahin streben, daß Witwen, die das Vermögen ihres Mannes für sich und ihre Kinder verwalten, ferner Ehefrauen und unverheiratete Mädchen, die sich selbst ihren Unterhalt erwerben, stimmberechtigt sein sollen — der Kampf für das politische Stimmrecht der Frauen im allgemeinen ist nicht Sache der Rabbiner. Etwas anderes wäre es, wenn sich die angeführte These auf Wahlen innerhalb der jüdischen Gemeinde bezöge. Aber davon ist nicht die Rede, sondern es wird ganz allgemein von politischem Stimmrecht gesprochen.) Ich habe in obigem versucht, die Resolutionen der Versammlung wiederzugeben und meine Gegenbemerkungen nicht verhehlt. Kann ich auch keineswegs alles billigen, was von den amerikanischen Rabbinern beschlossen worden ist, so bin ich doch in der Lage, zum Schluß meine lebhafte Anerkennung auszusprechen. Es ist bewundernswert, wie aus allen Teilen dieses großen mächtigen Landes die Rabbiner zusammenströmen, wie sie nicht etwa während ein paar Stunden eines Tages, sondern sechs bis acht Tage lang die ernstlichsten Verhandlungen führen, wie sie gediegene Vorträge anhören, wichtige Beratungen fördern. Und selbst wenn man gar manches in den gefaßten Beschlüssen bedenklich findet, man muß doch mit hoher Achtung, ja mit Bewunderung erfüllt sein von diesem Streben der Rabbiner, nicht bloß in religiösen, sondern auch in moralischen und politischen Fragen ihre Stellung zu nehmen. Geht dieses Streben auch gelegentlich zu weit, so liegt darin doch der höchst anerkennenswerte Mut der Rabbiner, sich als die berufenen Sprecher in allen wichtigen Angelegenheiten zu betrachten und die Grenzen ihres Wirkens auszudehnen. Die Woche. Berlin, den 16. Juni 1914. ie „St a a tsbürgerzeit u n g" sucht die wenigen Tage, die ihr noch gewahrt sind, zu stets neuen und doch inhaltlich alten Schimpfereien gegen die Juden, zu benutzen. Ihr sekundieren die übrigen antisemitischen Blätter. Trotz des wüsten Geschreis blicken sie etwas sorgenvoll in die Zukunft und sehen ihre Hoffnungen gefährdet, die sie früher auf den Krvnprinzen setzen zu können meinten. Darüber schreibt die „Freisinnige Zeitung": Die antisemitische Presse, die so lauge den Kronprinzen in der aufdringlichsten Weise beweihräuchert und gegen den Kaiser auszuspielen versucht hat, wird angesichts gewisser Vorkommnisse stutzig und beginnt, vom Kronprinzen abzurücken, weil er sich — mit den I u b c n gar zu sehr einläßt. So gibt in einem Artikel mit der Spitzmarte „Des Kronprinzen Tafelrunde" der „Hammer" (1. 6.) seinem Mißfallen darüber Ausdruck, daß das Kronprinzenpaar kürzlich zu einem Diner außer dem Minister v. Breitenbach, dem General v. Falkenhnpn, den Abgg. G"af Westarp, Graf Praschrna, Dr. Oertel und noch einigen arischen Persönlichkeiten auch Direktor Gutmann, Geh. Justizrat Cassel, Direktor Dr. Mantler und Rudolf Presber geladen hatte. Mantter wird flugs zum Juden gemacht, und von Presber heißt es: „Er se-ll kein Jude sein, aber Deutscher im rassischen Sinne des Wortes ist er sicher nicht." - Weiter wird erzählt, daß des Kronprinzen Jagdbuch in der Deutschen Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin, einem großen Aktiennnternehmen mit stark jüdischem Kapitalseinschlag erschienen sei, der Platzvertreter in Berlin heiße: Direktor Loewenstein. Resigniert schreibt der Verfasser des „Hammer"-Artikels: „Reinhardt-Goldmann, Gutmann, Cassel, Mantler itnb Presber — sollte der Einfluß dieser Herren nicht den sogenannten „alldeutschen" Einflüsterungen eines Paul Liman die Wagschale halten, eines Mannes, dessen Großvater noch den Sabbat heiligte?" Es ist grausam von antisemitischer Seite, Herrn Dr. Paul Liman, der schon so viel für den Antisemitismus getan hat, feine jüdische Abstammung vorzuhalten. Und welche Lehre zieht der „Hammer" aus der zunehmenden „Verjndung" des Kronprinzen? Alan könne, meint er, in den völkisch gesinnten Kreisen eine gewisse Hoffnung auf den