Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-06-12 · Heft 24 (12.6.1914) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229148--70494-3282842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

durch einen erprobten, approbierten Schächter vollzogen worden. Auch fehle jede Kontrolle darüber, ob -ein der Vorschrift entsprechendes gänzlich schartenloses Messer verwendet und ob der Schnitt mit der erforderlichen Genauigkeit und Ausgiebigkeit gemacht worden sei. Einen Juden habe man 51t den Aufnahmen nicht hinzugezogen, einen zufällig zugegen gewesenen vor der Aufnahme sogar weggeschickt. Eine jüdische Korporation, die den Veranstalter schriftlich ersucht hatte, ihr den Film zur Kenntnisnahme und Beurteilung zu überlassen, wie dies auch anderen Interessenten gegenüber geschehen ist, sei abschlägig beschieden worden. Das Flugblatt wirst schließlich die Frage auf, warum man nicht bei der gelegentlich des Verbandstages vorgenommenen Besichtigung des städtischen Schlachthofes und der Vorführung der verschiedenen Schlachtungsarten auch das Schächten sich habe vorführen lassen. Das Ware doch der einfachste und beste Weg gewesen, den Teilnehmern ein wirklich objektives Bild des jüdisch-rituellen Schlachtens zu geben. H. U. Stuttgart, 5. Juni. Der am 14. v. M. in Gegenwart des Königs von Württemberg eröffneten Ausstellung für Gesundheitspflege in Stuttgart ist auch eine historische Abteilung angegliedert. Es ist freudigst zu begrüßen, daß auch die jüdische Hygiene in einer besonderen Abteilung vertreten ist, und Zwar in durchaus würdiger und eindrucksvoller Weise, wobei kein Zweifel herrschen kann, daß hier streng wissenschaftliche Forschung und ästhetisch geläuterte Empfindung in glücklicher Vereinigung ein überaus anziehendes, klares Bild der jüdischen Hygiene aus historischer Vergangenheit, hineinragend in die moderne Gegenwart, geschaffen hat. Es galt hier, wie es auch in Dresden mit großem Erfolg geschehen ist, vor aller Welt zu zeigen, daß das Judentum aus dem Gebiete der Hygiene durchaus nicht zurücksteht, vielmehr seit der Zeit eines Mose hygienische Aufgaben kennt, sie bis zum heutigen Tage festgehalten, geehrt und gewürdigt und sie dazu benützt hat, seinen Volksgenossen zu allen Zeiten gesundheitliche Wohlfahrt zu bringen. Es will doch viel heißen, daß man nach Durchwanderung der mit allen Hilfsmitteln modernster Dekorationstechnik ausgestatteten Ausstellungsräume unwillkürlich von heiligem Schauer erfaßt wird beim Anblick der lebensgroßen, festlich geschmückten Frauengestalt, welche segnend die Hände zur Sabbatlampe ausbreitet. Diese „W e i h e der S a b b a t r u h e" ist nach Motiven der Oppenheimerschen Bilder Plastisch dargestellt, und es war mir ein Vergnügen, mitanzusehen, welch großes,Interesse dieser stimmungsvollen Plastik auch von Nichtjuden entgegengebracht wurde, wie eingehend sie die altertümliche Sabbatlampe, den Kiddnschbecher und die sonstigen Dekorationsstücke musterten und deren Bedeutung sich erklären ließen. Diesem Glanzstück der Ausstellung reiht sich sinnig die in der rituellen Küche hantierende Hausfrau an, welche anschaulich das Wässern, Salzen und Begießen des Fleisches darstellt. Die mit sinnigen hebräischen Sprüchen bestickten Handtücher zeigen, welcher Geist in diesen Räumen herrscht, die selbstredend das kunstvolle Gießfaß nicht vermissen lassen. Minder prunkvoll repräsentiert sich eine große Wandtafel, welche die „jüdische Kulthygien e" durch Bibelstellen beweisen soll, inhaltlich sich als ganz hervorragendes Dokument erweist, aus welchem der aufmerksame Leser mit Stolz und Genugtuung in übersichtlicher Ordnung alles Wissenswerte verzeichnet findet. Mit kunstverständiger Hand bannte Herr David Jeimann den idyllisch gelegenen Friedhof zu Aufhansen aus die Leinwand. Viel Beachtung fanden die reichgezierten Beschneidungsinstrumente aus alter Zeit wie auch die Praktischen Vorrichtungen der Gegenwart. Der bekannte Maimonidesforschcr Tr. Kroner ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, die mit viel Mühe beschafften Photographien der Originaltexte aus den Bibliotheken zu Oxford, Wien, München, Berlin und Granada im arabischen Urtext zu bieten. Das mit hebräischem und deutschem Text umrahmte Bild des großen Arztes Maimon läßt auch den mit arabischen Lettern nicht vertrauten Besucher ahnen, daß hier ein bedeutender jüdischer Förderer der Hygiene verewigt ist. Um das Zustandekommen dieser Ausstellung hat sich Herr Rabbiner Dr. Kroner, Oberdors-Bopfing e n großes Verdienst erworben, das um so höher anzuschlagen ist, als er bei Gemeinden und Privaten nicht das willige Entgegenkommen fand, welches eine derartige kulturelle Tat erwarten ließ. Wenn er trotzdem unbeirrt mit Bienenfleiß an die Sammlung und Ordnung des Ganzen sich machte, in hervorragend ästhetisch geläutertem Kunstsinn die Abteilung aufbaute und in strengster Wissenschaftlichkeit das Wesentliche aufsuchte und verwertete, so wird ihm wohl jeder ernsthafte Besucher der Ausstellung den Dank nicht versagen, der dem verdienstvollen Arrangeur der Ausstellung der jüdischen Abteilung vollauf gebührt. Gest erreich - tt n garn. K. Wien, 5. Juni. Der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" wird aus Krakau berichtet: In Pikulice, einem kleinen Orte in der Nähe von Przemysl, wurde am 30. Mai ein schändliches Verbrechen verübt. Eine Räuberbande drang nachts in die Wohnung des jüdischen Militär-Fleischlieferanten Markus Fuß ein, bei dem sie einen größeren Barmittelbetrag vermutete, da er eben eine Lieferung gemacht hatte. In dem einen Zimmer schlief der 48 jährige Markus Fuß mit einem Kinde in einem Bette, in einem zweiten Bette schlief die Frau des Fuß mit zwei anderen Kindern. Einer der Banditelt erschlug den Markus Fuß im Schlafe mit einer Eisenstange. Ein anderer forderte die Frau auf, das Geld herauszugeben. Als die Frau in ihrer Todesangst keine Auskunft über den Aufbewahrungsort des Geldes zu geben vermöchte, schlugen sie die Räuber nieder. Dann stürzten sich die Mörder auf die Söhne des Ehepaares und erschlugen den achtzehnjährigen Aron, den vierzehnjährigen Baruch und den achtjährigen Isaak. Auch die zufällig zu Besuch im Hause weilende vierzehnjährige Regina Jränkel wurde schwer verletzt und ist kurz darauf den Verletzungen erlegen. Zwei minderjährige Kinder hatten sich versteckt gehalten und sind mit dem Leben davongekommen. Die Banditen raubten 300 Kronen Bargeld und Pretiosen im Werte von etwa 60 Kronen. Die Polizei vermutet, daß die Täter Soldaten aus der Festungsartilleriekaserne seien, da diesen bekannt war, daß Fuß für Lieferungen zirka 3000 Kronen zu beziehen hatte. Fuß hatte aber das Geld noch nicht erhalten. Ergänzend wird aus Przemysl vom 2. Juni berichtet: Im Laufe der heutigen Nacht meldete sich beim hiesigen Polizeikommissariat der Artillerist Johann Karczmann und legte freiwillig das Geständnis ab, daß er an dem Massenmorde teilgenommen habe. Er behauptet allerdings, nicht aktiv eingegrifsen, sondern die Aufpasserrolle gespielt zu haben. Die Helfershelfer des Karczmann, lauter Soldaten, wurden verhaftet. Die sechs Opfer des entsetzlichen Raubmordes wurden am 2. Juni in Przemysl bestattet. Der Leichenzug erregte ungeheueres Aufsehen in der ganzen Stadt. Äutzlsnd. Z. Petersburg, 5. Juni. Die Verfolgung der Juden bildet den alleinigen Lebensinhalt der russischen Behörden, und man muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie auf diesem Gebiete wirklich Großartiges, Unerreichbares bieten. Sie entfalten dabei eine solche Virtuosität im „Interpretieren" der Gesetze, daß man einfach ihre Kunst bewundern muß. Wie weit ihre Ingeniosität auf diesem Gebiete geht, beweist folgendes Kuriosum aus der Berwaltungspraxis des Kursker Gouverneurs Muratow. Ein jüdischer Kaufmann erster Gilde in Kursk hatte nämlich irgendeine geschäftliche Angelegenheit in einem Städtchen desselben Gouvernements. Da er Kaufmann erster Gilde, also außerhalb des Ansiedelungsrayons wohnberechtigt war, kam ihm auch nicht für einen Augenblick der Zweifel, daß dieser sein unschuldiger Wunsch auf irgendwelche Schwierigkeiten stoßen werde. Der größeren Vorsicht wegen nahm er auf die Reise außer dem in Rußland unentbehrlichen Paß auch alle anderen erforderlichen Dokumente und Ausweispapiere — für alle Fälle — mit, darunter auch sein Zeugnis als Kaufmann erster Gilde, so wohlgerüstet trat er die Reise an. An einer zwischenliegenden Station mußte er jedoch' Geschäfte halber für einige Stunden anhalten. Natürlich wurde er gleich von einem Schutzmann sistiert, der ihm die Dokumente abforderte. Der jüdische Kaufmann übergab sie ihm in aller Seelenruhe, da er eben seiner „Rechte" sicher war. Wie groß aber war sein Erstaunen, als er nach wenigen Stunden einen Ausweisungsbefehl erhielt und ein Papier, wonach er sofort nach Kursk zurückfahren mußte. Er begab sich aus das Polizeiamt, um das „Mißverständnis" aufzuklären. Aber es war gar kein Mißverständnis, sondern eine sehr ernste Sache. Der Gouverneur Muratow hat nämlich den ihm unterstellten Behörden den Befehl erteilt, allen durchreisenden Inden außer den Pässen Kopien ihrer Handelszeugnisse abzufordern. Nun hatte der betreffende Kaufmann keine Kopie, sondern das Original des Zeugnisses mitgebracht, folglich entsprach er nicht den Anforderungen der Behörde und mußte ausgewiesen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.